Die Tablet-Revolution kommt, nur anders

Tablet-Computer werden immer beliebter (Foto: Screenshot ZDF-Mediathek)

Tablet-Computer werden immer beliebter (Foto: Screenshot ZDF-Mediathek)

Der Ausspruch von Springer-Chef Mathias Döpfner im April 2010: “Jeder Verleger der Welt sollte sich einmal am Tag hinsetzen, um zu beten und Steve Jobs dafür zu danken, dass er die Verlagsbranche rettet”, ist mittlerweile ein geflügeltes Wort. Es steht für die Anfangseuphorie der Verlage, mit dem iPad endlich ein zeitungsähnliches Gerät zu haben, welches sowohl die Darstellungen von Inhalten wie in einer Zeitung erlaubt aber auch – und das ist noch viel wichtiger: Die einzelausgaben- oder abobezogene Abrechnungsmöglichkeit.

Eine gestern erschienene Studie mit dem Titel: „The Tablet Revolution“ zeigt: Die Tablet-Revolution ist tatsächlich in vollem Gange aber sie verläuft wohl anders, als viele es erwartet hätten.  

Das „Pew Research Center’s Project for Excellence in Journalism“ hat dazu 1.159 Tablet-Nutzer nach ihren Anwendungsgewohnheit befragt. Herausgekommen ist dabei ein differenziertes Bild über die typischen Nutzungssituationen der praktischen Tafel-Computer.

Eine Erkenntnis steht dabei über allen anderen: Der unglaubliche Erfolg dieser neuen Geräteklasse. Es scheint, als hätten sich die Nutzer schon lange nach einem solchen Gerät gesehnt. Nur 18 Monate nach der Vorstellung des ersten iPads von Apple besitzen schon 11 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner ein solches Gerät (irgendeines Herstellers).

Und nicht nur das: Wer einmal ein Tablet sein Eigen nennt, lässt andere Geräte schnell links liegen. Der gute alte PC verstaubt auf dem Schreibtisch und die Mattscheibe des Fernsehers bleibt immer öfters schwarz. Selbst gedruckte Zeitungen und Magazine werden es in Zukunft schwerer haben: Es sei bereits ein massiver Substitutionsprozess zu den traditionellen Medien in Gange, heißt es in der Studie. Die iPads, Eee Pads oder Xooms entwickeln sich zu Geräten der Wahl, wenn es darum geht, sich über das Weltgeschehen zu informieren.

90 Minuten tägliche Tablet-Nutzung

77 Prozent der Befragten nutzen ihr Tablet täglich und das für durchschnittlich 90 Minuten. Dabei ist der Konsum von Nachrichten die häufigste und beliebteste Nutzungsart: Rund 53 Prozent der befragten Nutzer holen sich ihre Nachrichten über das Tablet. Wobei die frühen “Tablet-Adopter” sowieso wahre News-Junkies seien. Anwendungen wie das Checken von Mails und Spiele folgen.

Das Tablet hat also tatsächlich das Zeug den Medienkonsum zu verändern – nicht nur was das Ausgabegerät angeht, sondern auch was Art und Umfang des Medienkonsums betrifft. Denn viele der Befragten gaben an, dass sie nun mehr Zeit mit dem Konsum von Nachrichten verbringen, dass sie neue und andere Quellen aufsuchten als früher und dass sie regelmäßig lange Texte und Hintergrundartikel lesen. Wobei tatsächlich das Lesen die vorrangige Nutzungsart ist.

Auf Basis der Studienergebnisse lautet das Zwischenfazit: Die Tablets machen ihre Nutzer schlauer – die Anbieter von Information aber nicht unbedingt reicher. Und damit sieht es so aus, dass eine große Hoffnung bereits enttäuscht werden wird. Denn die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass die Bereitschaft der Nutzer, für Inhalte zu zahlen, weiter stark eingeschränkt bleibt und dass mit dem Systemwechsel nicht zwingend ein Austausch der Inhalte-Quellen verbunden sein muss. Die App-Revolution fällt demnach bis auf weiteres aus, denn die Tablet-Nutzer bevorzugen weiter den Browser, wenn es darum geht, sich zu informieren. 40 Prozent derjenigen, die sich über ihr Tablet informieren, präferieren den Browser, nur 21 Prozent geben einer News-App den Vorzug. 31 Prozent gaben an, beides gleichermaßen zu nutzen.

Lese und teile

Bei Erscheinen der ersten Tablets verspotteten die Kritiker die Geräte als dumme Lesegeräte, die die Nutzer vom Netz entwöhnen und in kleine App-Zwangsjacken steckten. Jetzt sieht es so aus, als behielten sie nur beim ersten Punkt recht: Die Tablets sind vornehmlich Konsumbretter aber sie werden viel aktiver genutzt als erwartet. Zum einen, weil die Nutzer ihre Gewohnheit aus dem Netz übertragen und lieber browsen als „appen“ und zum anderen weil neue Formen entstehen.

„Word of mouth“ also die Mund-zu-Mund-Propaganda oder einfach das Weitererzählen sei ein Schlüsselfaktor bei der Tabletnutzung. Über Tablet-Inhalte werde häufiger diskutiert aber sie würden seltener elektronisch „geteilt“ als im Web. Das Gerät selbst entwickelt sich offenbar zu einem Gemeinschaftsgut innerhalb eines Haushalts. Die Hälfte der Tablet-Besitzer nutzten es gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern.

Die Tablet-Revolution kommt, nur verläuft sie offenbar anders als Kritiker und Inhalteanbieter bei seiner Einführung vorausgesagt haben.

9 Kommentare | 26. Oktober 2011 | 16:25 Uhr | Twittern | Facebook

9 Kommentare

  1. Apps + HTML5-Browser (und deren Nachfolger) werden nicht auf Tablet-PCs und SmartPhones verweilen. Sie werden auch nicht nach der Eroberung des TV-Gerätes “zufrieden” sein… die Vernetzung und Digitalisierung wird zahlreiche Geräte verändern, erweitern, wird neue Geschäftsmodelle ermöglichen… und wird bestehende Geschäftsmodelle überflüssig machen. Wohl dem, der rechtzeitig weit genug denkt… und diese Szenarien in seine Strategien integriert. Denn: Das ist alles erst der Anfang ;-) .

    Tim Bruysten | 26. Oktober 2011 | 20:51 | Antworten
  2. Genau das hatte ich letztes Jahr schon erwartet. Das iPad, so meine Befürchtung, könnte sich eben nicht als Retter, sondern als Totengräber der Zeitungen erweisen.

    Andererseits sind es sehr gute Nachrichten für die Medienunternehmen bzw. vor allem in den Verlagen, wo schließlich die Texte, die auf den Tablets gelesen werden, größtenteils produziert werden. Die Tablet-Nutzer beschäftigen sich also länger als vorher mit den Inhalten der Verlage.

    Jetzt müsste sich nur langsam mal die Erkenntnis, dass Klickraten nicht die alles entscheidende Größe für die Wirkung von Werbung sind, durchsetzen. Das größte Problem für Journalismus im Netz liegt ja genau dort.

    Trotz der erstaunlich schnellen Verbreitung von Tablets sollte man hier noch berücksichtigen, dass Tablet-Besitzer nicht repräsentativ für den entsprechende Inhalte lesenden Teil der Bevölkerung sind. Vermutlich haben sie auch Gedrucktes schon überdurchschnittlich stark genutzt.

    Bewegtbildinhalte (jedenfalls längere Formate wie Filme, Dokus, Serien…) haben ihre Zukunft aber auf dem vernetzten TV-Gerät, nicht auf dem Tablet-Computer. Das ist nicht bloß eine Frage von Lean-Back- oder Lean-Forward-Medien, der Fernseher ist dem Tablet mit seiner Bildschirmgröße und der komfortablen Nutzung von der Couch aus überlegen.

    Oliver Springer | 26. Oktober 2011 | 22:06 | Antworten
  3. Tablet PC’s sind erstmal eine Modeerscheinung und werden weder den Laptop noch den Desktop, oder gar das TV Geraet abloesen. Tablet PC’s haben naemlich einen entscheidenden Nachteil, d. h. vor dem Arbeiten mit dem Tablet erst einmal Haende waschen, sonst muss man fruehzeitig die Screen saeubern. Tablet’s haben noch eine ganze Reihe von weiteren Nachteilen, aber ungeachtet dieser, hat es Steve Jobs mit seinen Leuten gut verstanden ein neues Produkt zu entwickeln und mit einem sehr guten Marketing Konzept dieses Geraet sehr gut zu verkaufen. Aber Steve Jobs muesste nicht er selbst gewesen sein, wenn er nicht in der Lage gewesen waere sehr gute Marketing Strategien und Konzepte zu entwickeln.

    Detlev G. Pinkus | 26. Oktober 2011 | 22:34 | Antworten
    • In erster Linie geht es dem postmodernen Mainstream mehr um Form als um Funktion. Das ist auch *gut* so, wo praktisch nichts mehr funktioniert außer die pan-globale Geldvernichtung.

      Es wird vielleicht noch einmal eine Gegenbewegung geben… eine Art Renaissance von Humanismus und Aufklärung. Aber dazu fehlt einstweilen noch der nötige Anlass.

      Und seien wir ehrlich: Wenn ich morgens im Bus mit einem schicken Tablet-PC herumgrabbel und mich jeder für einen *tollen Hecht* hält, ist es dann nicht ganz egal, wenn ich innerlich völlig leer bin, mir alle Knochen weh tun, und ich nachts nicht mehr schlafe?

      IT-Versteher | 27. Oktober 2011 | 10:20 | Antworten
  4. Sie meinen Mundpropaganda. Nur so am Rande ;)

    Word of Mouth | 26. Oktober 2011 | 23:11 | Antworten
  5. Nachdem der Mainstream sich seit Jahren daran gewöhnt hat, mit speckigen Fingern winzige Handy-Displays (in Neusprech *Smartphones* genannt) zu begrabbeln und darüber hinweg weite Teile der *Welt* schlichtweg zu vergessen oder wenigstens zu ignorieren, ist für diese Klientel mit dem Tablet-PC natürlich eine *deutliche Verbesserung* der *Haptik* (ebenfalls Neusprech) eingetreten.

    Wer sich indessen ernsthaft mit IT-Expertensystemen – ganz gleich welcher Provenienz, Zielsetzung, und Komfortstufe – beschäftigt, versteht sehr schnell, welch ein ergonomisches Desaster Tablet-PCs objektiv darstellen.

    Leider ist heutzutage praktisch *jeder* betroffen – selbst solche Personen, die im eigenen Interesse auf Ergonomie und Performance setzen. Denn ihnen kommen schlichtweg die Alternativen abhanden.

    Der PC-Markt indessen scheint in panischer Orientierungslosigkeit befangen: Die großen Massenmarktbeschicker setzen weiterhin auf billige Schrott-PCs für genau die Dummies, welche bereits heute auf Notebooks und Tablets setzen. Dann jammern sie herum, es gäbe *keinen Markt*.

    Andererseits sucht man als Insider Experten-Rechner mit SSD und USB3 in den Auslagen vergebens. Findet man tatsächlich einmal derartige Konfigurationen, ist die SSD lausige 40 GB groß und die Verkäufer empfehlen ernsthaft, die Systempartition über verschiedene Festplatten zu verteilen. Man ist schlichtweg fassungslos.

    Man kann nur folgern: Der gigantische Debilitätszuwachs der Postmoderne macht auch vor dem IT-Sektor nicht halt. Der einzige Trost ist es, dass es alles noch viel schlimmer sein könnte. Aber daran arbeitet man bereits in der Regierung… und an der Basis.

    IT-Versteher | 27. Oktober 2011 | 10:14 | Antworten
  6. Fakt ist doch, dass ich heute jede Informationen im Internet abrufen kann. Also warum so der normale Leser dafür zahlen. Das ist doch das Problem. Wenn ich eine Meldung im Netz oder in den Medien sehe, brauche ich doch so lange suchen, bis ich sie finde. Irgendein Blog, Twitter oder Facebook wird die Meldung schon auf die Leitung legen.

    Geld wird mittelfristig nur noch mit speziellen Inhalten und Dienstleistungen verdient, die für den Nutzer auch einen konkreten Mehrwert darstellt. Und dies ist nun mal nicht die einfache Meldung. Dabei ist der Tablet-PC nur das Instrument. Nicht mehr und nicht weniger.

    Wilfred Lindo | 27. Oktober 2011 | 18:59 | Antworten
  7. Es geht doch hier nicht um die Hardware. Tablet-PCs und Smartphone sind einfach die besseren Mensch-Maschine-Schnittstellen. Aber im Grunde geht es doch um eine neue Form der Mediennutzung und hier werden auch andere Geräte nicht weiterhelfen. Bücher, Zeitungen, Fernsehen und vergleichbare Medien sind nicht mehr in dieser Form erwünscht. Jahrelang hatten die Medienmacher immer den Traum vom 1:1-Dialog mit dem Konsumenten. Nun ist diese Möglichkeit da und niemand will sie nutzen.

    Wilfred Lindo | 2. November 2011 | 15:31 | Antworten
  8. Mal eine Studie, wie Amerikaner ihre Tablets nutzen: http://www.eleboo.de/ebook-news/148-40-aller-tablet-und-smartphone-nutzer-nutzen-ihre-geraete-beim-fernsehen.html

    Diggi | 7. November 2011 | 21:15 | Antworten

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