Der große E-Book-Schwindel

(Illustration: Javier Candeira, Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0)

(Illustration: Javier Candeira, Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0)

Das elektronische Buch boomt, doch mit dem Erfolg kommen die Trittbrettfahrer, die Anleitungen für angeblich müheloses Geldverdienen mit E-Books verkaufen. Von dieser Seifenblase des schnellen Geldes dürften jedoch vor allem die Autoren dieser Ratgeber profitieren – denn die Realität sieht nüchterner aus.

Glaubt man Sven Meissner, dann ist es ein Klacks, “In Weniger Als 17 Minuten” (Rechtschreibung so im Original) die “Geldmaschine Internet” anzuwerfen. Sein Erfolgsrezept: “Verkaufen Sie eBooks und verdienen Sie ohne großen Aufwand schnell und völlig automatisiert im vier- oder fünfstelligen Bereich.” Er selbst brüstet sich damit, mit “einem eBook-Titel […] zwischen 1.000,00 und 6.000,00 EUR im Monat” zu verdienen. Und weil Sven Meissner ein guter Mensch ist, teilt er sein Wissen, wie man “im Schlaf Geld” verdient, gern mit allen anderen. Anfangs kostenlos, wer allerdings so “richtig viel Geld verdienen” will, der muss auch investieren und etwa Meissners “Rundum-Sorglos-Komplettpaket II” für 795 Euro kaufen.

Angeblich 8.000 Euro und mehr

Auch Harald Weber ist ein guter Mensch und verrät Ihnen gern, “wie Sie gutes Geld verdienen mit Ebooks”. Für sein “einmaliges Komplettangebot” möchte er “nur 300 Euro” haben, die sich sofort amortisieren, schließlich “verdienen Sie schon im nächsten Monat 8.000 Euro und mehr”.

Da mag Alexander Hausleitner nicht hinten anstehen. Er bringt einem bei, wie man “in Rekordzeit Bestseller eBooks schreibt und wie verrückt im Internet verkauft”. Da auch Hausleitner zu den guten Menschen gehört, bietet er sein “E-Book Cash System” im “Wert von 1.390 Euro” für gerade einmal knapp 20 Euro an. Wer kann da schon nein sagen?

E-Book-Massenerfolge sind die Ausnahme

Meissner, Weber und Hausleitner sind nur drei von vielen Anbietern, die den E-Book-Markt als Geschäftsfeld für sich entdeckt haben. Sie setzen auf die Leichtgläubigkeit von Menschen, denen der Traum vom schnellen Geld die Sinne derart vernebelt hat, dass sie sich kaum noch die Frage stellen, warum die drei Herren ihre todsichere Methode nicht selbst anwenden, um im Handumdrehen Millionär zu werden.

Die Realität im E-Book-Markt sieht ernüchternd anders aus. Auch wenn der Verkauf von digitalen Büchern boomt und Autoren völlig neue Möglichkeiten bietet, ihre Werke unters Lesevolk zu bringen, ist man von nennenswerten, geschweige denn riesigen Gewinnen weit entfernt. Autoren, die von ihren E-Books ein zumindest bescheidenes Auskommen fristen können, sind dünn gesät, und eine Amanda Hocking, die mit ihren Fantasy-Romanen im digitalen Selbstverlag zum Shootingstar der E-Book-Szene geworden ist, die rare Ausnahme.

Einfacher Einstieg in die Top 100

Selbst die Titel, die es in die Bestsellerlisten von Amazon schaffen, sind keine Goldgrube. Da man über Geld gemeinhin nicht spricht, sind konkrete Zahlen allerdings nur selten zu bekommen. Umso erfreulicher, dass Wolfgang Tischer ein wenig Einblick gewährt: Er hat in einem Selbstversuch sein Handbuch “Eigene E-Books erstellen und verkaufen” bei Amazon veröffentlicht und seine Erfahrungen in seinem Blog dokumentiert.

Die Zahlen, die Tischer nennt, sind eine kalte Dusche für alle Träumer, die den windigen Versprechungen von Meissner & Co. Glauben schenken möchten. Um es auf Platz 79 der Verkaufscharts zu schaffen, musste Tischer gerade einmal sieben Exemplare verkaufen. Immerhin, mit etwas Geduld kam Tischer nach zweieinhalb Monaten auf Brutto-Einnahmen von rund 1.550 Euro und nimmt nun brutto rund 140 Euro pro Woche mit seinem Werk ein.

Amazon nimmt 30 Prozent

Tischers Angaben decken sich mit den Zahlen, die Matthias Matting nennt. Der Focus-Redakteur betreibt nebenher den digitalen Verlagsservice AO Edition und ist mit einigen Titeln in den Bestsellerlisten von Amazon vertreten. Doch dazu bedarf es nicht viel: Um unter die Top 100 zu kommen, so Matting, müsse man rund fünf Exemplare pro Tag verkaufen, mit 15 Exemplaren pro Tag gehöre man bereits stabil zu den Top 30.

Da kann man die Gewinne der Selbstverleger leicht überschlagen. Lässt man die Angebote der etablierten Verlage außen vor, deren E-Books rund zehn Euro kosten, ist ein Preis von etwa zwei Euro pro Buch im Selbstverlag Standard. Wer 15 Exemplare pro Tag verkauft, setzt im Monat 450 Stück ab, nimmt also 900 Euro ein. Davon gehen 30 Prozent an Amazon, bleiben also 600 Euro beim Autor. Brutto.

Das ist gar nicht mal so schlecht – aber von den versprochenen “8.000 Euro und mehr” im Monat doch sehr weit entfernt. Und nicht nur das. Tischers stabiler Erfolg verdankt sich vor allem der Arbeit, die er in sein Projekt investiert – ohne regelmäßige Aktualisierung und Überarbeitung seines Ratgebers wäre dieser wohl schon längst im digitalen Nirwana versackt: “Im Schlaf Geld verdienen” geht anders.

Update, 14.10.2011: Dieser Text enthielt unkorrekte Formulierungen, die inzwischen geändert wurden.

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Autor: Giesbert Damaschke

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Giesbert Damaschke studierte Germanistik und Philosophie in Bonn und arbeitet seit über 30 Jahren mit Computern. Er unterrichtet, schreibt und lebt in München. Im Netz ist er unter www.damaschke.de zu finden.
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