“Zeitbombe Internet”: Warum das perfekte Internet nicht kommen wird

Vorbild Bildschirmtext: Die Idee vom geschlossenen Netz (Foto: Jens Ohlig, Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0)

Vorbild Bildschirmtext: Die Idee vom geschlossenen Netz (Foto: Jens Ohlig, Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0)

“Zeitbombe Internet” – selten passt ein Buchtitel so haargenau in die Medienberichterstattung: Anonymous, die Hysterie um Facebook und Google haben die Internet-Untergangsstimmung genährt, das SSL-Fiasko der vergangenen Wochen schürt die Angst vor einem Internet-Zusammenbruch. So kommt das Buch der “Zeit”-Redakteure Thomas Fischermann und Götz Hamann genau zur rechten Zeit. In ihrem Blog sprechen die Autoren bereits in der Woche der Buchvorstellung von einem “Bestseller”.

In der Blogger-Welt kommt das Buch weniger gut an. Zu alarmistisch, zu panisch, zu internetfremd – so das Urteil der Blogger und Internetexperten. Doch Fischermann und Hamann reichen ein Manifest nach, das sie “Sechs Vorschläge für ein besseres Internet” nennen und das als Diskussionsgrundlage dienen soll. Doch so ambitioniert die Idee ist, sie hat keine Aussicht auf Erfolg. Das “bessere” Internet wird nicht kommen. Wir müssen uns mit dem realen Netz begnügen.

Was ist gefährlich?

Mit der Forderung, dass Atomkraftwerke nicht an öffentlich erreichbare Netze angeschlossen werden sollten, haben die Autoren lediglich einen Evergreen der Netzsicherheit nachgebetet – jedem Netzbewohner ist das Prinzip spätestens seit dem Film-Klassiker “War Games” bekannt. Auch, dass Unternehmen Schadenersatz für ihre fahrlässigen Datenverluste leisten sollten – wer wollte da widersprechen? Es kommt auf die Umsetzung an.

Doch hier haben sich Hamann und Fischermann, die erklärten Internet-Nichtexperten, zu einfachen Lösungen hinreißen lassen. Sie fordern eine Re-Nationalisierung des Netzes. Mächtige Aufsichtsbehörden sollen den wild wuchernden Internetkonzernen ihre Grenzen aufzeigen – natürlich nur in den richtig gefährlichen Fällen. Doch was ist gefährlich? Google Street View? SchülerVZ? Ein chinesischer Twitter-Klon? Legitimiert werden soll das vermeintliche Todesurteil für disruptive Ideen durch die nationalen Grenzen, die in den letzten Jahrzehnten immer löchriger wurden.

Neuauflage des Bildschirmtextes

Daten sollen da gespeichert werden, wo sie anfallen. Der deutsche Bürger soll darauf vertrauen können, dass seine Daten auch in Deutschland gespeichert werden und nach deutschen Datenschutz- und Sicherheitsbestimmungen verwahrt werden. Solche Forderungen werden in breiten Kreisen Beifall bekommen – Facebook seine Daten anzuvertrauen ist in Deutschland ungefähr so populär wie Euros nach Griechenland zu überweisen. Doch wenn man die Forderungen der “Zeitbomber” weiter denkt, entsteht etwas, was mit dem Internet nichts mehr zu tun hat. Das “bessere Internet” der “Zeit”-Redakteure ist der Bildschirmtext 2.0.

Der fast in Vergessenheit geratene Datendienst der Deutschen Bundespost hatte viele Eigenschaften, die Fischermann und Hamann am heutigen Internet vermissen. Die Übertragungsgeschwindigkeit war garantiert, es gab eine Aufsichtsbehörde, die gefährliche Experimente abschalten konnte und der Dienst hatte einen Zahlmechanismus eingebaut, der es unmöglich machte, dass Kreditkartendaten von einem Server in Japan gestohlen werden konnten. Die Kosten wurden mit der Telefonrechnung abgerechnet – einfacher als PayPal und Bitcoin. Denn jeder war Kunde der Bundespost.

Das sichere Netz wird es nicht geben

Zwar war das System offen wie ein Scheunentor, aber solche Anfängerfehler wären durch moderne Kryptographie und elektronischen Personalausweise zu lösen. Es wäre zwar nicht einfach, aber es wäre machbar. Der neue Bildschirmtext könnte sogar die Privatsphäre verbessern, indem er die Identität seiner Nutzer nach außen pseudonymisiert. Das Problem: die Clearing-Stelle, die neue Deutsche Bundespost, hätte dann ein Verzeichnis sämtlicher Transaktionen seiner Nutzer. Selbst wenn die Server in Deutschland stehen – wer will das schon?

Sicher hätten alle Nutzer gerne ein sichereres Netz. Es gibt aber Gründe, warum dies nicht so einfach passiert. Ein Teil sind sicher die trägen Akteure der Internetwirtschaft, die es zum Beispiel nach über zehn Jahren Vorlaufzeit immer noch nicht geschafft haben IPv6 in Deutschland einzuführen. Und wenn jemand eine Verbesserung vorschlägt, versucht er direkt daraus Kapital zu schlagen und bei allen anderen abzukassieren.

Der größte Part ist aber: ein offenes Internet lässt nun einmal nur wenig Kontrolle zu. Die Zeitbombe wird immer ticken – mal laut und drängend, mal leise und unauffällig. Aber abschalten können wir sie nicht, abschalten wollen wir sie nicht.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

1 Kommentar | 20. September 2011 | 14:07 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. Eine Re-Nationalisierung und starke Aufsichtsbehörden sollen also die von Fischermann und Hamann herbeigeredete Gefahr bannen? Etwa so, wie die durch Basel II und Basel III so üppig ausgestatteten nationalen Aufsichtsbehörden die Finanzkrise gebannt oder verhindert haben?

    Allein dieser Vorschlag, der an Biederkeit und Unsinnigkeit kaum zu überbieten ist, zeigt, dass das Buch der beiden mainstream-Zeitautoren ein Langweiler ist, den ich mir nicht antuen werde. Ewig dieselben Horrorgemälde, ewig dieselben national-staatlichen Lösungen, ewig diese Hoffnung auf das nationale Idyll, in dem dann alle im selben “sicheren” Brei schmoren. Mich erinnert das an Lösungsvorschläge, die – obwohl auf tausend Jahre ausgelegt – keine zwei Dekaden Bestand hatten. Warum ist das, was deutsche Autoren zum Internet zu schreiben wissen, nur so vorhersagbar? Warum findet sich z.B. keiner, der die Frage stellt, warum man das Internet einer staatlichen Kontrolle unterziehen muss, wenn es eine Unmenge privatwirtschaftlicher Lösungen gibt, die Probleme lösen noch bevor sie Staaten bekannt werden (oder wurde z.B. paypal von einer Regierung erfunden?) und warum fragt niemand nach den Opportunitätskosten, die entstehen, wenn man dem Staat und seinen Vasallen eine weitere Möglichkeit gibt, in den Angelegenheiten seiner Bürger zu schnüffeln?

    Aber eines ist gewiss: bei der Zeit und den dort beschäftigten Redakteuren, ist staatliche Kontrolle nicht notwendig, dafür sorgt schon die bereits vorhandene “Selbstkontrolle”, die innovatives und nicht-mainstream Denken gar nicht erst zulässt.

    Michael Klein | 21. September 2011 | 14:01 | Antworten

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