Streit um die gefilterte Wikipedia

Wo liegt die Grenze des Zumutbaren? (Foto: Mr.Enjoy; Quelle: Flickr, CC-BY-2.0)

Wo liegt die Grenze des Zumutbaren? (Foto: Mr.Enjoy; Quelle: Flickr, CC-BY-2.0)

Geschlechtskrankheiten, Kriegsverletzungen, Penisringe – die Autoren der Online-Enzyklopädie Wikipedia nehmen ihre Mission, das Weltwissen zu sammeln, sehr ernst und dokumentieren dabei auch kontroverse Inhalte – gerne auch mit ungeschönten Bildern. Die Wikimedia Foundation will nun einen Filter einführen, um vermeintlich schockierende Bilder auf Nutzerwunsch auszublenden – und stößt damit bei der Community auf Widerstand.
Es war die größte Abstimmung, die jemals in der Wikipedia stattgefunden hat. Über 24.000 Wikipedianer haben ihre Stimme abgegeben bei dem großen Filter-Referendum, das die Einführung des “Filters gegen kontroverse Inhalte” begleitete.

Obwohl die Wikimedia Foundation den Teilnehmern wohlweislich nicht die Möglichkeit gab, explizit gegen das Vorhaben zu stimmen, zeigt sich der Widerstand gegen das Vorhaben in den Ergebnissen recht deutlich: So stimmten über 3.700 Wikipedianer bei der Frage wie wichtig die Einführung des Filters für die Wikipedia sei, mit der geringst möglichen Wertung: “0″. Knapp 4.800 Teilnehmer gaben dem Projekt die höchste Priorität.

Wikipedia ist keine Demokratie

In einer Demokratie wäre die Auswertung der Ergebnisse relativ einfach. Da offenbar eine Mehrheit das Vorhaben stützt, wäre das Referendum gleichbedeutend mit der Genehmigung für die Durchführung des Projekts – das Volk hat gesprochen. Das Problem: Wikipedia ist keine Demokratie.

Üblicherweise finden Abstimmungen auf der Plattform nur im kleinen Kreis statt. Und oft kommt es nicht auf die Anzahl der Stimmen an, sondern auf die Kraft der Argumente. In den Lösch-Diskussionen kann zum Beispiel jeder seine Meinung sagen, ob ein Artikel gelöscht werden sollte oder nicht – letztlich entscheidet aber ein Administrator darüber, welche Seite Recht bekommt. Da jeder beliebig viele Wikipedia-Accounts anlegen kann, wären klassische Abstimmungen einfach manipulierbar.

“Dieses Referendum zeigt, dass es bislang keine etablierten Verfahren für Community-Mitbestimmung im Web gibt”, erklärt der Organisationsforscher Leonhardt Dobusch von der Freien Universität Berlin gegenüber Hyperland. Wikipedia sei hier noch in einer Experimentierphase. “Optimierungsbedarf” besteht jedenfalls noch bei der Organisation von Community-Beteiligungsprozessen. “Ein erster Schritt könnte in der Einrichtung eines eigenen Abstimmungsportals bestehen, in dem Informationen zu Wahlen und Referenden gebündelt werden”, erklärt Dobusch.

Gegenabstimmung in deutschsprachiger Wikipedia

Ein weiteres Problem ist die Verbindlichkeit einmal getroffener Entscheidungen. Zwar hat die Wikimedia Foundation als Betreiber die Kontrolle über die Server der Wikipedia. Inhaltliche Fragen hat sie aber an die Gemeinschaft der unbezahlten Wikipedia-Autoren und Administratoren abgegeben. Wenn diese eine Regel nicht akzeptieren, können sie sie einfach sabotieren. Der Filter gegen “kontroverse Inhalte” funktioniert nur, wenn die freiwilligen Helfer selbständig Bilder entsprechend markieren.

Die deutschsprachige Wikipedia-Gemeinschaft hat unterdessen eine Gegen-Abstimmung angesetzt, um die Einführung der digitalen Scheuklappen zu verhindern. “Die Wikipedia wurde nicht begründet, um Informationen zu verbergen, sondern um sie zugänglich zu machen”, heißt es in der Begründung. Das vorläufige Ergebnis: 300 Teilnehmer stimmen strikt gegen die Filter, nur 50 Wikipedianer sind dafür.

Verglichen mit dem Referendum der Wikipedia Foundation erscheint das wenig. Doch es ist gerade dieser kleine Kreis der Aktiven, der die Wikipedia am Laufen hält. Wie die Wikipedia-Gemeinschaft mit den widerstreitenden Voten umgehen wird, bleibt spannend.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

 

 

12 Kommentare | 07. September 2011 | 13:47 Uhr | Twittern | Facebook

12 Kommentare

  1. also dazu muss ich jetzt auch mal meinen Kommentar abgeben.

    Für mich ist der Standpunkt folgender: Informationen zugänglich machen ja, aber Ekelbilder, Pornobilder oder gar schockierene Bilder nein!!

    Solche Bilder können von Kindern und Jugendlichen gesehen werden, und diese können zu neuen Gewaltexzessen zwischen Jugendlichen führen. Außerdem sind solche Bilder von Penisringen und anderen solchen Dingen absolut nicht jugendfrei und gehören unter Verschluss. Zumindest müssen sie für Kinder und Jugendliche unzugänglich gemacht werden, damit der Jugenschutz in Deutschland gewährleistet bleibt!!!

    Die Entfernung solcher Bilder haben für mich nichts mit Zensur zu tun sondern mit der Einhaltung des Jugenschutzes!! Daher steht ich pro Filter!!! Solche Ekelbilder und ähnliches Material haben absolut nichts im Internet zu suchen!!! Genauso muss mit Porno-Aufnahmen (ganz besonders Kinderpornografie) verfahren werden, damit nicht noch mehr Kinder und Jugendliche Opfer solcher obszönen Bilder werden!!! Es ist bereits genug passiert. Es müssen Grenzen gezogen werden und die Zeit für solche Grenzzie-hungen ist jetzt gekommen.

    Daher appelliere ich an die Vernunft aller Autoren auf Wikipedia, dass sie dass einsehen mögen und sich für die Installation solcher Filter gegen Pornografie, Bilder von Penisringen und ähnlicher Ekel- oder gar schockierender Bilder aussprechen.

    Gruß
    Linuxhelfer

    Linuxhelfer | 7. September 2011 | 14:18 | Antworten
    • “Solche Bilder können von Kindern und Jugendlichen gesehen werden, und diese können zu neuen Gewaltexzessen zwischen Jugendlichen führen.”

      Naja, ich vermute mal dass Kinder und Jugendliche die diese Dinge auf Wikipedia suchen und sich anschauen, GANZ andere Quellen kennen.
      Ausserdem werden schockierende Bilder niemanden zu Gewalttaten verleiten, oder wie viele Amokläufer gab es dank der letzten Kinofilme (z.B. SAW)?

      Rokko | 7. September 2011 | 14:49 | Antworten
    • Ich kann mich Rokko nur anschließen. Da man auf Wikipeadia nur finden kann, wonach man sucht, sehe ich überhaupt keine Notwendigkeit, irgendeiner Zensur. Und bei Kindern, die nach “Penisringen” suchen, scheint mir auch jeglicher Jugendschutz zu spät zu kommen. Schließlich ist das “Argument” Jugendschutz, auch wenn es sich gemeinhin als Verbotsschild für nahezu alles, was wem auch immer nicht gefällt, eignet, im Hinblick auf Wikipedia völlig verfehlt.

      Die Fundstellen, die von wohlmeinenden Menschen mit erhobenem Zeigefinger diskutiert werden, sagen mehr über deren (Such-)Vorlieben aus, als dass sie etwas über den content von Wikipedia aussagen würden.

      Michael Klein | 7. September 2011 | 15:30 | Antworten
    • Ekelbilder die zu Gewaltexzessen führen halte ich auch für sehr interessant. Und der Bezug zwischen Wikipedia und Kinderpornographie, ist mir auch noch nicht ganz klar. Außerdem scheinen sie den Artikel noch nicht ganz verstanden zu haben, es geht darum, dass auf Wunsch des Nutzers zu verstecken, nicht es unzugänglich zu machen. Zusammenfassend lässt sich sagen, erst denken usw.
      lg

      axy | 7. September 2011 | 15:39 | Antworten
    • Vielleicht solltest du dich erstmal mit den Jugendschutzgesetzen auseinandersetzen, bevor du die rechtskonservative Keule auspackst und Zensur-Maßnahmen zur Einhaltung jener forderst. “Explizite” Bilder sind laut den Jugenschutzgesetzen eindeutig erlaubt, solange sie aufklärerischen und enzyklopädischen Zwecken dienen (dasselbe gilt übrigens auch für rechtsradikale Symboliken, von denen die meisten ja bekanntlich verboten sind). Genau darunter fällt die Wikipedia. Und genau deshalb sind diese Bilder kein Verstoß gegen die Jugenschutzgesetze.

      Chaddy | 7. September 2011 | 19:46 | Antworten
  2. Dauert wohl nicht mehr lang, bis auch der Wikipedia-Artikel über Wikipedia gelöscht werden muss. Wegen Irrelevanz.

    Strongbow | 7. September 2011 | 19:23 | Antworten
  3. @Linuxhelfer: Tja, und dann ist der Schritt nicht mehr weit, bis auch schockierende Textinhalte wie zum Beispiel kontroverse politische Meinungen entfernt werden sollen. Wie auf die Schlachtbank zumarschierende Kälber fordern Bürger die schleichende Abschaffung der Bürgerrechte. Unfassbar!

    Dass Inhalte, die Verbrechen zeigen, insbesondere natürlich Kinderpornografie, nicht nur nicht gezeigt, sondern deren Urheber mit aller Vehemenz verfolgt werden müssen, ist selbstverständlich. Aber wenn Sie keine legalen, aber schockierenden Bilder sehen wollen, dann suchen Sie halt nicht nach Wörtern wie “Genitalpiercing”, “Schlachthof” oder “Konzentrationslager”.

    Strongbow | 7. September 2011 | 19:29 | Antworten
  4. Ich persönlich habe die in Rede stehenden Bilder lieber in einem entsprechend aufklärenden Kontext als gar nicht. Vorhanden sind sie im Internet doch sowieso. Das wird man auch nicht ändern können.
    Ich bin im Übrigen noch nie auf die Idee gekommen, nach solchen Texten in der Wikipedia zu suchen. Wer gezielt sucht, findet sie dann auf jeden Fall, notfalls auch außerhalb der Wikipedia.

    Wikinutzer | 7. September 2011 | 20:31 | Antworten
  5. Zitat Linuxhelfer: “Für mich ist der Standpunkt folgender: Informationen zugänglich machen ja, aber Ekelbilder, Pornobilder oder gar schockierene Bilder nein!!”

    Wenn du mit “Pornobilder” Bilder von Geschlechtsteilen oder z.B. auch “Erwachsenenspielzeug” meinst, dann frage ich mich, was du mit all den ganzen Kindern machen möchtest, die gerade in Biologie Sexualkunde durchnehmen: Willst du ihnen die Bücher wegnehmen, weil sie pornografisches Material enthalten? Und willst du jedem unter 18 die Augen zubinden, sobald er vor die Tür geht? Immerhin könntest du an einem Plakat vorbeikommen, das für eine Erotikmesse wirbt, oder an einem Geschäft für Erotikartikel… Wäre da nicht Aufklärung viel eher angebracht? Ich gebe zu, dass Aufklärung vermutlich erst ab einem bestimmten Alter sinnvoll ist, aber mal ganz ehrlich: Welches sechsjährige Kind sucht auf Wikipedia nach Geschlechtskrankheiten?

    Und für schockierende Bilder muss ich nicht mal ins Internet gehen und danach suchen: Fast jeden Abend bekomme ich sie in der Tagesschau zur besten Sendezeit frei Haus geliefert… Von z.B. Horrorfilmen, die dann ab 22h laufen (eine Uhrzeit, zu der Kinder und Jugendliche am Wochenende mit Sicherheit nicht immer schon im Bett sind und schlafen), mal ganz abgesehen!

    Im Falle von Wikipedia halte ich es – immer unter der Voraussetzung es geht um legale Bilder (andernfalls würden sie von den Administratoren ja sowieso gelöscht) – einfach nur für Zeitverschwendung sich über solche Dinge ernsthaft Gedanken zu machen, schließlich findet man solche Bilder mehr oder minder an jeder Ecke auch außerhalb von Wikipedia. In anderen Fällen werden nicht nur Zeit, sondern auch erhebliche Ressourcen verbraten, nur weil sich irgend jemand etwas in den Kopf gesetzt hat: Man denke an das Internet-Stopp-Schild, bei dem intern wohl sehr schnell klar war, dass das technisch nicht umsetzbar ist, vom Nutzen ganz zu sprechen, da dies jeder umgehen kann, der sich – selbst wenn er in technischen Dingen nicht sehr bewandert ist – auch nur fünf Minuten mit diesem Thema auseinander setzt. Viel eher sollte man sich doch Gedanken machen, warum Menschen nach solchen Dingen suchen (sei es in Wikipedia oder sonstwo) und ob es nicht Mittel und Wege gibt, dieses grundsätzliche Problem anzugehen statt nur die Symptome zu bekämpfen. Aber vermutlich ist letzteres einfacher zu verstehen und daher mehrheitsfähig, während die Frage nach dem Warum intellektuell um ein Vielfaches anspruchsvoller ist, was dann dazu führt, dass nicht mehr jeder geistig folgen kann und deshalb dagegen ist.

    Rincewind | 7. September 2011 | 21:44 | Antworten
  6. Wikipedia ist im Internet genauso weit entfernt wie jede Google Bildersuche oder auch Pornoseite. Und da findet sich schließlich auch alles. Wer einen Filter braucht, soll sich bitte privat einen vor seinen Rechner schrauben. Wer sich damit überfordert sieht, soll bitte nicht Wikipedia die Schuld geben. Überhaupt – was haben Kinder ohne Medienerfahrung alleine am Rechner zu suchen? Es gibt eine Aufsichtspflicht und niemand hindert Eltern daran, den Zugang zu Hause maßvoll zu kontrollieren. Ein Surfen zusammen mit den Eltern ist überhaupt ein sehr sinnvolles Vorgehen für die ersten Schritte im Netz.

    Frivole Begriffe im Duden oder auch mal Genitalabbildungen im Lexikon oder Biobuch hat es auch früher gegeben und „aus uns ist auch was geworden“. Aus irgendwelchen diffusen Ängsten heraus die neuen Medien zu verteufeln, ist nicht sachdienlich. Erst recht nicht mit der Raubmordvergewaltiger-Keule.

    transkrit | 8. September 2011 | 00:00 | Antworten
  7. Mit solchen Filtern sollte man bei einem freien Medium wie Wikipedia erst gar nicht anfangen. Das weitet sich schnell aus. Ich las gerade einen Artikel auf Heise-Online. Offenbar geht es momentan vor allem um Bilder.

    Im Heise-Artikel war das Beispiel der Spinnen-Phobie erwähnt. Auf der Seite gab es Abbildungen von Spinnen. Wer extreme Spinnen-Phobie hat, kann den Artikel nicht lesen. Das Beispiel ist eine geschickte Ablenkung von der politischen Brisanz des Themas.

    Wie wäre es damit: Oft kann man bei Wikipedia eine vergrößerte, höher aufgelöste Ansicht aufrufen. Das kann man doch als Ausweg verwenden. Die fraglichen Bilder im Text werden noch mal verkleinert, in der Auflösung reduziert. Die hoch aufgelöste Version, mit Zusatz-Klick erreichbar, bleibt unverändert.

    Ergebnis: jeder darf, keiner muss.

    Bertram in Mainz | 12. September 2011 | 23:25 | Antworten
  8. Link: SOPA-Proteste: Google als Kämpfer für Netzfreiheit?

    [...] seiner Nutzer löschte. Selbst Wikipedia ist keineswegs frei von inhaltlichen Beeinflussungen und Zensurideen. Anders gesagt: Der große Protest geht vor allem von in der Regel profitorientierten [...]

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