Shanzhai – die Kunst der Kopie

Sieht nur ungefähr aus wie das Original: Shanzhai-Coffeeshop in China (Foto: Renato Ganoza, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Sieht nur ungefähr aus wie das Original: Shanzhai-Coffeeshop in China (Foto: Renato Ganoza, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Während sich mit Apple, Microsoft und Google die Großen der IT-Branche heftige Patentschlachten liefern, funktioniert der Markt in China noch etwas anders. Die so genannten Shanzhai-Unternehmen arbeiten mit Methoden wie “Open Source” und “Open Innovation” – zumindest nach eigener Auffassung. Nach Ansicht westlicher Beobachter geht es dabei eher um verbesserte Raubkopien. Doch es könnte durchaus sein, dass das Shanzhai-System auch in den westlichen Ländern zu Innovationen führen wird.

Zum Kerngeschäft von Shanzhai-Unternehmen gehören Mobiltelefone. Die Produktnamen heißen recht unverhohlen HiPhone, Sunyericcsun, Nckia oder Samsing – und die chinesischen Hersteller punkten mit notorisch günstigen Preisen zu Hause und in Schwellenmärkten. Das Shanzhai-Unternehmen G’Five etwa verdrängte den europäischen Handykonzern Nokia auf dem indischen Mobilfunkmarkt von Platz 1. In China schätzen Forscher den Anteil von Shanzhai-Handys auf 30 bis 40 Prozent. Alles nur Fälschungen? Die Innovationsforscher Minyan Luo und Constanze Müller kamen 2010 in ihrer Untersuchung des Shanzhai-Phänomens zu dem Ergebnis, dass zwar häufig geistige Eigentumsrechte verletzt würden, doch dass in diesem “Graubereich” auch gleichzeitig Innovation stattfinde: Bestehendes werde hier mit etwas Originellem kombiniert.

Sim-Karte als Folie

Denn Shanzhai-Handys verfügen oft über ungewöhnliche Anschlüsse und Erweiterungen: Zahlreiche Gadgets, die aus der Shanzhai-Hackerkultur stammen, locken mit interessanten Zusatzfunktionen. Für Handy-Objektive wurden beispielsweise aufsetzbare Kameraobjektive entwickelt, die für bessere Bildqualität sorgen sollen. Handys mit Schwarzlicht können die Echtheit von Geldscheinen überprüfen. Auch die Bedürfnisse der Nutzer vor Ort werden befriedigt, etwa indem sie chinesische Schriftzeichen handschriftlich eingeben können – ein klares Entwicklungsversäumnis global agierender Handyhersteller. Oder ein iPhone-Gadget in Form einer Folie, die man auf die SIM-Karte von China Mobile aufbringen kann. Sie enthält eine SIM-Karte von China Unicom, deren begehrten 3G-Service damit dann auch ein iPhone-Besitzer bei China Mobile nutzen kann.

Shanzhai-iPhone mit zwei Sim-Karten-Slots (Foto: John Karakatsanis, Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0)

Shanzhai-iPhone mit zwei Sim-Karten-Slots (Foto: John Karakatsanis, Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0)

Unter den Shanzhai-Unternehmen hat sich ein eigenes Ökosystem entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Mobilfunkindustrie herausgebildet: Unternehmen, die gemeinsam an einem Projekt arbeiten, sehen sich in keiner Einkäufer-Lieferanten-Hierarchie, sondern teilen Materialkosten und Designmaterialien untereinander auf. Indem im Sinne einer Open-Source-Kultur untereinander Informationen ausgetauscht werden, lassen sich Entwicklungskosten weitgehend einsparen. Lizenzen und Kontrollgebühren trägt der gesamte Cluster. Auf diese Weise können die Handys auf dem chinesischen Binnenmarkt bis zu einem Viertel des üblichen Preises angeboten werden.

Sohni und Appel reichen nicht mehr

Doch der harte Wettbewerb macht auch den Shanzhai-Unternehmen zu schaffen. Beispiel iPad: Zunächst verkauften sich die iPad-Klone prächtig, doch in jüngster Zeit kriselt es, berichtete ReadWriteWeb. Der Grund liegt wohl darin, dass die Preisschere zwischen Original und Fälschung in letzter Zeit erheblich kleiner geworden ist. Die Arbeits- und Materialkosten sind gestiegen – mit der Folge, dass ein geschmuggeltes iPad 499 Dollar kostet, während sich die Preise für gute Klone bis zu 442 Dollar bewegen. Bei den Käufern büßten die Kopien so rasch an Popularität ein. In den vier offiziellen Apple-Stores hingegen boomt die Nachfrage – trotz vieler gefälschter Apple-Filialen.

“Hier geht es nicht mehr nur um leistungsfähige Chipsets und mehr oder weniger schnell kopierbare Funktionalität, sondern um Applikationen und deren Kompatibilität”, sagt China-Kenner Lorenz Lorenz-Meyer. Das Ziel von Shanzhai sei es, billig an halbwegs brauchbare Konsumprodukte zu kommen: “Wenn das mit einer kleinen Markenillusion verbunden ist, umso besser, dann wird der Traum vom ‘real thing’ gleich mitverkauft.” Doch die wachsende chinesische Mittelschicht sei mittlerweile zu markenbewusst – sie lasse sich mit Sohni und Appel nicht mehr zufriedenstellen.

Gegenbewegung zur Patentdominanz

Gleichwohl sei das nicht das Ende der Shanzhai-Kultur, meint Lorenz-Meyer: “Solange es in den urbanen Ballungsräumen und großen Industriegebieten von Ländern wie China schlecht bezahlte Wanderarbeiter gibt, solange auf dem Land die Einkommen nur knapp über dem Existenzminimum liegen, solange diese Länder insgesamt noch der Korruption unterliegen und der Freiraum für unbeobachtete Hinterhofgeschäfte erhalten bleibt, so lange wird es auch eine Shanzhai-Kultur geben.”

David Li, Gründer des Hackerspace XinCheJian sieht hingegen in der Shanzhai-Ökonomie eine Art Gegenbewegung zur Patentdominanz globaler Unternehmen. Er glaubt, dass von der Shanzhai-Kultur Impulse in die ganze Welt ausstrahlen können, da sich hier ein Open-Innovation- und Open-Source-System ausgebildet habe. Vielleicht schwappt die Shanzhai-Entwicklungskultur so wieder zurück nach Europa – und belebt die Forschung und Entwicklung in kleinen und mittleren Unternehmen. Tatsächlich entwickeln spanische Kleinunternehmen zurzeit auf Open-Source-Basis ein Geeksphone und ein iFree Tablet.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

1 Kommentar | 24. September 2011 | 13:14 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. Ich bin kein grosser Freund des Begriffs Shanzhai – er suggeriert, dass es eine klare Unterscheidung zwischen diesen und anderen, „originalen“ Produkten gibt. Mir scheint ein wichtiger Punkt eher zu sein, dass es v.a. in Schwellenlaendern Unternehmen gibt, die extrem (und besser und schneller als grosse Brand Names) an tatsaechlichen und potentiellen Kundenbeduerfnissen ausgerichtet sind – mal illegal und gefaehrlich, mal legal und verschmitzt. Preis ist hier ein Aspekt, genauso wie technische Features, oder software applications. Die doppelte SIM-Card wurde beispielsweise laengst von Lenovo regulaer in den Markt eingefuehrt, auch der SIM-Karten-Aufkleber wurde dankbar von China Unicom aufgegriffen, so dass (in Ermangelung von Rufnummern-Portabilitaet bei Provider-Wechsel) auch diejenigen Nutzer, fuer die eine neue Rufnummer eine zu grosse Wechselschwelle darstellte, als 3G-Kunden gewonnen werden koennen. Es gibt eine Kontinuitaet von sehr billigen, oft ohne erkennbaren Markennamen auskommenden Produkten niedriger Qualitaet, bis hin zu den grossen Namen mit hohen Preisen, die Entwicklungs- und Marketing-Kosten ebenso abdecken wie ausserordentliche Gewinne. Dazwischen liegt eine riesige Landschaft von Produkten, die mal eher markenorientierte, aber noch nicht ausreichend wohlhabende Gruppen anspricht (HiPhone), mal pragmatische Technik-Nerds (original iPhone Hardware mit Android-System), mal unaufmerksame Gelegenheitskonsumenten (das Starbuck’s-Klon-Beispiel), oder auch ausschliesslich preis-orientierte Kunden (im Heimatland und in Exportmaerkten), denen man teils lebensgefaehrliche visuelle Klone ohne technische Standards verkauft (das Beispiel der Bremsbelaege fuers Auto wird gerne genannt). All diese Kategorien findet man in der illegalen oder legalen Variante (letzteres etwa als Niedrig-Preis-Marke eines renmmierten Unternehmens). Neben all den offensichtlichen Nachteilen, Problemen und Gefahren helfen sie, Druck auf die Innovationskraft und auf die Preisgestaltung in den Maerkten auszuueben. Was immer man von den eigentlichen „Shanzhais“ haelt, sie leisten hiermit auch einen Beitrag zum Konsumentennutzen.

    Thomas Hart | 25. September 2011 | 04:19 | Antworten

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