Wikipedia ist nicht jugendfrei

Jugendschutz: Anzügliches soll vor Kindern verborgen bleiben. (Foto: Julius Endert)

Jugendschutz: Anzügliches soll vor Kindern verborgen bleiben. (Foto: Julius Endert)

Zeitenwende für den Jugendschutz im Internet. Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) hat erstmals einem Jugendschutzprogramm eine „positive Bewertung“ ausgestellt. Innerhalb von sechs Monaten soll Deutschland ein erstes offiziell anerkanntes Jugendschutzprogramm haben. Während sich kommerzielle Anbieter freuen, kritisieren Netzaktivisten, dass der Jugendschutz einen falschen Kurs nimmt.

Wer sehen will, wie das Netz für Kinder in Zukunft aussehen soll, kann sich schon heute das Programm “JusProg” herunterladen. Das kostenlose Programm verspricht Kinder vor ungeeigneten Inhalten zu beschützen. Einmal installiert, schaltet sich das Programm zwischen Browser und das Internet und lässt nur Inhalte durch, die für die voreingestellte Altersstufe geeignet sein sollen.

Wikipedia nicht jugendfrei

Für Kinder unter 12 Jahren sieht das Netz danach merkwürdig leer aus. Alleine Angebote, die explizit für Kinder hergestellt werden, kommen durch den Filter – wie zum Beispiel ZDF Tivi oder das Internetangebot der Sendung mit der Maus. Bei allgemeinen Informationsseiten erfahren 11-Jährige im voreingestellten Modus nichts: “Die Seite wurde von unserem Filter geblockt”, heißt es zum Beispiel bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia, aber auch brockhaus.de, heute.de oder Tagesschau.de bleiben hinter dem Filter verborgen.

Medienpädagoge Jürgen Ertelt hält von einem solch rigiden Schutz wenig. “Den Heranwachsenden wird so die Chance genommen, sich entsprechend ihres Alters zu sozialisieren”, sagt Ertelt im Gespräch mit Hyperland. So seien 12-Jährige heute schon vom Kindergarten an an eine veränderte Medienwelt herangeführt worden, die sie auf normale Nachrichtenangebote vorbereite. “Im Fernsehen werden Nachrichten ja auch am Nachmittag gesendet”, sagt Ertelt.

Stefan Schellenberg, Gründer des Vereins Jusprog, sieht sich jedoch nicht verantwortlich. „Wir sperren nichts, sondern wir geben den Eltern lediglich ein Werkzeug an die Hand“, erklärt er im Gespräch mit Hyperland. Wollen Eltern ihren Kindern mehr Freiheiten geben, können sie einzelne Seiten freischalten oder ihr Kind in eine höhere Altersklasse einsortieren. Bei der Umsetzung hat sich der Verein exakt an die Vorgaben der KJM gehalten.

Jugendschutzprogramm mit Verzögerung

Eigentlich hätte die KJM schon seit 2003 Jugendschutzprogramme zertifizieren sollen. Doch kein Programm konnte mit ausreichender Sicherheit aus den Millionen Webseiten diejenigen aussortieren, die nach deutschem Jugendschutzrecht für Kinder nicht geeignet sind. Nachdem die Überarbeitung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrag gescheitert war, haben sich Behörden und Industrie in diesem Jahr wieder an einen Tisch gesetzt und sind zu einem Kompromiss gekommen: Nur noch 4 von 5 getesteten Angeboten müssen von den Programmen in die richtige Kategorie einsortiert werden. Und die Webseitenbetreiber dürfen ihren Webseiten selbständig eine Jugendschutz-Kennzeichnung einbauen.

Für die Inhalte-Industrie wird damit ein lang gehegter Traum war. Denn sie müssen bisher auch im Internet zum Beispiel Sendezeiten für potenziell jugendgefährdende Inhalte einhalten. Ein im weltumspannenden Netz anachronistisches Verfahren – schließlich ist es immer irgendwo in der Welt nach 22 Uhr. Das Netz schert sich nicht um Zeitzonen. Mit der Existenz eines zertifizierten Jugendschutzprogramms gehören solche Einschränkungen zum Teil der Vergangenheit an. Nicht zufällig gehören Erotik-Anbieter wie Beate Uhse und Orion zu den Unterstützern von JusProg.

Jürgen Ertelt hingegen sieht diese Regelung kritisch: Statt endlich ein sinnvolles Konzept zur Stärkung der Medienkompetenz zu schnüren, hätten sich die Beteiligten auf Maßnahmen geeinigt, die wenig bringen, aber die Buchstaben des Gesetzes erfüllen. Einer anstehenden Neustrukturierung des Jugendschutzes, werden so Chancen genommen. “Politiker sind meist zufrieden, wenn überhaupt irgendeine Lösung vorhanden ist”, sagt Ertelt.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

9 Kommentare | 17. August 2011 | 11:48 Uhr | Twittern | Facebook

9 Kommentare

  1. Eltern, die Jugendschutz ernst nehmen, interessieren sich für das Internet-Surfen ihrer Kinder, fragen sie nachher, was sie sich alles angeschaut haben und lassen sich lustige und interessante Dinge zeigen. Und reden mit ihren Kindern darüber, wenn gewisse Seiten problematisch sind. Und vor allem warum.

    Und hin und wieder schauen solche Eltern auch mal in der Browser-Historie nach, ob es da problematische Seiten gibt. Und sprechen das dann an, aber indirekt, indem sie ihren Kindern erzählen, sie seien auf eine problematische Seite gestoßen, ihnen diese zeigen und ihnen erklären, wo das Problem liegt. Ganz ohne Vorwürfe oder Verbote.

    Idealerweise.

    Eltern, die nur ihr Gewissen beruhigen wollen, installieren Schutzprogramme. Und tun sonst nichts.

    Roland Giersig | 17. August 2011 | 12:34 | Antworten
  2. Sind ja mal wieder gute Ideen. Allerdings sehe ich die Gefahr, dass sich viele Eltern bei solchen Programmen beruhigt fühlen. Sie könnten also der Meinung sein: “Hab ja ein Jugendschutzprogramm, dann kann mein(e) kleine(r) auch surfen solang er/sie will.” Wenn mit den Kindern nicht über problematische Inhalte gesprochen wird, kann schnell das Gefühl bei den Kids entstehen, dass sie zu klein, schwach, dumm sind um die Seite hinter der Sperre aufzurufen. Dieses Gefühl muss mit den Eltern zusammen aufgearbeitet werden (Die Frage:”Warum ist das gesperrt?”). Sonst helfen wir nur wieder dabei unserem Nachwuchs das Gefühl zu geben nicht bereit für unsere Gesellschaft zu sein. Fataler Fehler! Fazit: Nette Idee, aber nur sinnvoll bei guter Kommunikation im Haushalt. Ist dieser vorhanden, ist das Prog schon wieder fast sinnlos.
    Mit internetten Grüßen
    C. Scheier

    C.Scheier | 17. August 2011 | 13:49 | Antworten
  3. Ich glaube, selbst Eltern sehen das kritisch, denn dafür ist einfach zuviel gesperrt. Das wird dann eher wieder zum Abschalten des Filters führen oder, wenn nicht, dann zum Umgehen durch die Jugendlichen.

    Christian Scholz | 17. August 2011 | 14:11 | Antworten
  4. Schildbürgerstreich

    Die KJM entwickelt sich immer mehr zu einer nicht ernstzunehmender Instanz eines ABM-Programms. Es gibt keinerlei Evidenz, dass die vorgeschriebenen Maßnahmen taugen. Es gibt keinerlei empirischen Nachweis. Die Nummer mit den 22:00 Uhr zeugt auch davon, dass hier unsachliche Arbeit gemacht worden ist. Vor zwei Jahren habe ich die damalige Justizministerin gefragt, warum denn Kindern, die in Schulen surfen, die an Providern mit weniger als 10.000 Usern hängen würden, mit dem Zugangserschwerungsgesetz gestattet würden, dass sie auf dem BKA bekannte Kinderpornografie zugreifen dürften. Frau Zypries schrieb mir, dass die Schulen doch Filtersoftware hätten. Im Zugangserschwerungsgesetz wurde es dem BKA aber verboten, anderen als den ISPs die Sperrlisten zu übermitteln. Die neue Justizministerin ist genauso weltfremd: die sagt einfach: Gesetze vom Bundestag (denen auch die FDP in Bayern und Sachsen im Bundesrat zugestimmt hat) ignorieren wir einfach(siehe auch Koalitionsvereinbarung CDU-CSU-FDP).

    Wer sich beim Schutz seiner Kinder auf solche Leute verlässt handelt grob fahrlässig. Zu prüfen wäre hier, ob die Leute nicht in Haftung genommen werden können, für den groben Unfug mit dem sie Telekommunikationseinrichtungen vorsätzlich stören wollen.

    Jan Dark | 17. August 2011 | 16:27 | Antworten
  5. naja, die überschrift ist leicht irreführend. vielleicht wäre besser: “wikipedia nicht immer für kinder”?. ich will meinem 11jährigen auch nicht alles zeigen. da hat wikipedia einfach zu viel zu bieten: http://www.pornoanwalt.de/?p=3050 und wenn er mal fragen hat, dann surfen wir gemeinsam.

    claudia-w | 17. August 2011 | 17:12 | Antworten
    • Es ist absoluter Unsinn wegen ein paar zweideutiger Bilder, die der Pornoanwalt “dokumentiert” ganz wikipedia als nicht jugendfrei zu dekalrieren. Zum einen ist es verfassungswdidrig weil unverhältnismäßig (und ich habe noch nie solchen Schweinkram in wikipedia gefunden, erst durch die KJM-angeregte Diskussion) und weltfremd, weil das, was da gezeigt wird unterster Standard von dem ist, was millionenfach im Internet flattert. Wer das eine sperrt und zum anderen schweigt, hat einen an der Waffel. Die ganze ABM-Maßnahme sollte ersatzlos beendet werden udn die Mitglieder einen Urlaub in der Realität bekommen statt ihres staatlich gepamperten Wolkenkuckucksheims. Wenn sie danach ernste Schutzmaßnahmen vorschlagen wollen, dann bitte mit nachgewiesener empirische Evidenz und nicht bloß dümmliche Stammtischvermutungen und -spekulationen. man muss sich ja vor den Kinnder schämen, wenn die hören, dass für solchen Unsinn wir Steuergelder wegschmeissen bzw. uns auch noch Geld leihen, dass die Kinder dann zurückzahlen müssen. Die lachen einen ja aus, wenn die hören, was die unqualifizierten Spinner gesperrt wissen wollen.
      (Und hier werden Links verbreitet zu den “Stellen” in wikipedia. Gehört dann das ZDF auch auf die Sperrliste?)

      Jan Dark | 17. August 2011 | 17:39 | Antworten
  6. Was soll man dazu sagen?

    Bürgerliche Rechte sind in Deutschland sowieso ständig davon bedroht, von vermeintlich Wohlmeinenden eingeschränkt zu werden und wenn die Wohlmeinenden dann noch Kinder zum Gegenstand haben, they run riot. Und so wird es normal, den Horizont von Kindern einzuschränken, sie mit eigens gestrickten Inhalten in eine Traumwelt zu enführen, die es nirgends gibt, die aber den Vorteil bietet, dass man die entsprechenden Kinder perfekt mit staatlich abgesegneten Inhalten indoktrinieren kann, wie dies derzeit z.B. bei “Neue Wege für Jungs” geschieht, einem Internetinhalt, der sicher der Zensur nicht zum Opfer fallen wird, und der die Bestimmung von Jungs mit freundlicher Unterstützung von BMFSFJ und ESF darin sieht, Vater zu werden und abzutrocknen. Brave New World!

    Zu den neuen Wegen:
    http://sciencefiles.org/2011/08/07/neue-wege-fur-jungs/

    Michael Klein | 18. August 2011 | 12:24 | Antworten
  7. Was nu? Wikipedia verpasst sich einen eigenen Jugendschutz-Filter?? Und unser lieber Torsten Kleinz schreibt den Artikel??? http://www.heise.de/-1326650

    tata | 19. August 2011 | 19:15 | Antworten
  8. Also da in Deutschland widerstandslos Filme, Spiele etc für ERWACHSENE zensiert, geschnitten oder gleich ganz indiziiert werden können, versteh ich die aufregung hier nicht…

    Rokko | 21. August 2011 | 16:37 | Antworten

Was sagen Sie dazu?