Reißt Euch endlich zusammen!

Politiker sehen sich im Netz oft Spott und Hohn ausgesetzt (Quelle: Screenshot Twitter)

Politiker - wie hier Hans-Peter Uhl - sehen sich im Netz oft Spott und Hohn ausgesetzt (Quelle: Screenshot Twitter)

Der digitale Graben will sich einfach nicht schließen. Seit Jahr und Tag bekriegen sich Netzaktivisten, Politiker und Wirtschaftsvertreter mit virtuellen Sprachgeschützen. Die einen, weil sie die Freiheit im Netz als bedrohte Chance sehen. Die anderen, weil ein unreguliertes Web für sie Sinnbild für Anarchie und Chaos ist. Doch anstatt auf die Sturköpfe in Politik und Wirtschaft zuzugehen, überschüttet die digitale Bohemia sie mit Hohn und Spott. Manchmal lustig, aber oft kontraproduktiv. Es wird Zeit, sich endlich zusammen zu reißen.

Es war wieder einer dieser Tage. Das Oslo-Attentat war noch nicht mal ansatzweise verarbeitet, da meinte Hans-Peter Uhl, innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Deutschlandfunk: “Diese schreckliche Tat von Oslo wurde ja nur scheinbar von einem Einzeltäter begangen. Jetzt wird immer mehr bekannt über seine Internet-Kontakte. In Wahrheit wurde diese Tat im Internet geboren.“

Was folgte war beinahe absehbar: Aus der Äußerung wurde innerhalb kürzester Zeit ein Mem, es wurde geshitstormt, gebloggt, gerantet was das Zeug hielt.

Der Effekt: Eine kleine Äußerung eines Politikers erhielt mehr Aufmerksamkeit, als ihr eigentlich zustand. Das Netz begeistert sich an seiner eigenen Lustigkeit, aber die Debatte um Freiheit und Kontrolle im Internet war wieder mal keinen Millimeter voran gekommen. Stattdessen weiter verhärtete Fronten: Hier die Internet-Versteher, dort die Internet-Regulierer.

Rituelles Ranten

Die unüberlegte Uhl-Äußerung ist nur EIN Beispiel dafür, was schief läuft in der Debatte. Der Netzprotest hat sich längst ritualisiert: Ein Politiker sagt etwas internetahnungsloses und schon geht’s los: Anstatt den Ahnungslosen beiseite zu nehmen und ihm zu erklären, warum sein toller Vorschlag untauglich ist, beginnt der öffentliche Spott der Netzaktivisten.

Dabei wird häufig übersehen, dass ein derart Verspotteter selten eingeräumt hat, dass er im Unrecht ist. Im Gegenteil: Er sieht sich in seinen verqueren Argumenten bestätigt wie: “Im Internet wohnen nur Terroristen, die auf Randale aus sind“, “Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“, usw. Ein Teufelskreis.

Gewöhnen wir uns dran!

Die Politik hat lange Zyklen und merkwürdige Rituale. Gewöhnen wir uns endlich daran. Ein Fehler wäre es aber, den Politikern Dummheit zu unterstellen. Sie verstehen ihr Handwerk sehr gut und sind den Politiknovizen aus dem Netz darin weiter überlegen. Zum Beispiel wissen sie sehr genau, wie man sich oder sein Thema in die Öffentlichkeit bringt und sei es mit einem bis ins karikaturhafte überspitzten Vorschlag.

Der Shitstorm als Antwort darauf ist der einfachste Weg. Das Mem das billigste Argument. Der Rant das unüberlegteste Positionspapier. Alle sind weder nachhaltig noch wirksam. Sie sind – zugegeben – (manchmal) lustig, unterhaltsam und haben kulturwissenschafltich betrachtet ihren Sinn. Sie tragen zur Gruppenbildung und zum Zusammenhalt bei, sie fungieren als Code, der die Gruppe erst konstituiert und aufrecht erhält. Nur wer den Code entschlüsseln kann, gehört dazu.

Das bedeutet auch: “Die anderen”, die angeblich Ahnungslosen werden ausgeschlossen, weil sie weder Zeit noch Lust haben, sich mit dem ganzen Quatsch zu beschäftigen. Doch auch die Eingeweihten haben ein Problem. Die Meme wechseln mittlerweile so schnell, dass ein Tag ausreicht, um nicht mehr im Bilde zu sein. Worum ging es noch mal bei “modegeworden“? Achso…

Warum es soviel Spaß macht, sich derart lustvoll zu bekriegen, liegt auf der Hand. Hinter der Auseinandersetzung liegen in sich geschlossene Wissens-, Denk- und Glaubenssysteme, die für ähnliche Probleme grundverschiedene Lösungsansätze bieten. “Diskurse“ nannte der Soziologe Michel Foucault diese Systeme, die in Gesellschaften herrschen und unterdrückt werden und widmete ihrer Analyse einen Großteil seines wissenschaftlichen Lebens. Wer einem Diskurs anhängt, so Foucault, hat immer Recht. Glaubt er. Die anderen haben dagegen Unrecht und müssen bekämpft werden. Denn in Diskursen geht es immer um Macht.

Blasengehabe einer peudo-elitären Truppe

Wenn Meme und Shitstorm zum Selbstzweck werden, sind sie jedoch nichts weiter als selbstreferentielles Gehabe in der Gedankenblase einer pseudo-elitären Truppe. So werden Gräben nur noch tiefer gemacht, anstatt sie durch Vermitteln und Erklären endlich ein Stück weit zuzuschütten.

Die Politik muss lernen das Netz zu verstehen – aber gleiches gilt auch umgekehrt. Denn wir – die “coolen Netzpeople” werden dieses politische System mit all seinen Gremien, Konferenzen und Papieren nicht innerhalb von wenigen Jahren ändern, egal wie viel wir spotten, ranten, schimpfen und lustige Mashups aus Politiker-Äußerungen bauen.

Was ist stattdessen zu tun? Ein Appell an die Netzpeople:

# Verschwendet eure Zeit nicht mit Pöbeln!

# Bündelt eure Energien! Organisiert euch, teilt auf, wer welche Positionspapiere auseinander frickelt, wer wo bei einem Kongress auftaucht!

# Lasst Gags nicht zum Lebenssinn werden!

# Seid nachhaltig! Bleibt an den Themen länger dran als nur drei Tage!

# Erklärt ihnen „Das Internet“. Wieder und wieder. Macht euch nicht zum Kasper, sondern zum Lehrer.

 

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Autor: Daniel Bröckerhoff

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Freier Journalist, TV-Reporter, Autor und Regisseur für Fernsehen und Online.
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