Indien: “Angry Anna” spaltet das Netz
Der neueste Spiele-Hit in Indien heißt “Angry Anna“. Frei nach dem Blockbuster-Spiel “Angry Birds” schießt man in “Angry Anna” Köpfe der indischen Antikorruptions-Aktivisten durch die Level, mit dem Ziel, alle korrupten indischen Politiker vom Bildschirm zu fegen. “Angry Anna” ist die letzte, und bislang absurdeste Ehrerbietung vor Anna Hazare, dem 73 Jahre alten Held der Anti-Korruptionsbewegung.
Anna Hazare sorgte erst vor ein paar Tagen international mit seinem 13-tägigen Hungerstreik für Aufsehen. Die Kampagne hinterließ tatsächlich deutliche Spuren: Regierungschef Manmohan Singh versprach Gesetzesänderungen, der Verkauf von Nationalflaggen ging steil nach oben, tausende Menschen protestierten auf den Straßen und immer neue Skandale von Politikern kamen ans Licht.
Viele ausländische Beobachter glauben bereits den Beginn eines “Indischen Sommers” zu erkennen, einer längst überfälligen gesellschaftlichen Revolution, die die über Jahrzehnte gewachsene bürokratische Trägheit und die dreiste, unverhohlene Korruption ausmerzt.
Anna Hazare, der sich mit seiner öffentlichen Fasten-Aktion auf Delhis Ramlila Maida Platz medienwirksam inszeniert hat, bricht dieses komplexe Problem auf eine einfache Botschaft herunter: “Gute Bürger gegen böse Politiker”. Der Erfolg gibt ihm scheinbar Recht, denn tatsächlich erklärte sich die Regierung dazu bereit, das geforderte Jan Lokpal Gesetz zu erlassen. Jan Lokpal (Lokpal ist Sanskrit für “Beschützer des Volkes”) ist dabei eine Art Ombudsmann, der Korruptionsfälle untersucht, innerhalb eines Jahres abschließt und ein Strafmaß empfiehlt.
“Mr. Muscle” begeistert die Jugend im Netz
Hazare hat es aber nicht nur geschafft, mit dieser Simplifizierung große Bevölkerungsgruppen hinter sich zu versammeln, er bestimmte damit auch die Debatte im Internet und überzeugte vor allem junge Inder, eifrige Missionare seiner Sache zu werden. Sie sehen in dem alten Mann einen “Mr. Muscle”, der die Selbstbedienungsmentalität der Inder wie einen Gespenst aus dem Land jagt.
Insbesondere auf Twitter machen sich die Befürworter Luft. Unter den Hashtags #support Hazare, #against corruption, und #AngryAnna feiern sie die Hazare wie den Wiedergänger Gandhis. Auf YouTube gibt es über 3.000 Videos von Hazare, die ihn beim öffentlichen Fasten oder bei Interviews zeigen. Die Facebook Seite “India against Corruption” hat eine halbe Million Fans. Hinzu kommen unzählige ähnliche Seiten, Online-Initiativen, Petitionen und sogar verschieden gestaltete Profil-Badges.
Auch wenn mit 100 Millionen Indern gerade einmal zehn Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet haben, ist es vor allem für Jugendliche zum wichtigsten Ort der Meinungsbildung geworden. Insbesondere Facebook mutiert dabei zum medialen Superstar. Bis zu 84 Prozent der gesamten Internetnutzung, so eine Studie der Boston Consulting Group, verantwortet das soziale Netzwerk.
Pseudo-Wohlfühaktivismus im Netz
Das Ergebnis ist jedoch meist ernüchternd: In einem multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen Land wie Indien, gibt es für kaum ein Problem eine einfache Lösung. In den sozialen Netzwerken wird jedoch die Diskussion um gesellschaftliche Missstände bis zur Substanzlosigkeit eingedampft. Heraus kommt die Vereinfachung komplexer Sachverhalte durch eine Art brusttrommelnden Kastenstolz, Alibipolitik und allgegenwärtigen Slacktivismus (Pseudo-Wohlfühaktivismus im Netz).
Sowohl bei der Debatte um die Antikorruptionsbewegung als auch im Nachklang zu den Anschlägen in Mumbai, wurden die sozialen Netzwerke zu Erweiterungen des Klassenzimmers – mit einigen stillen Grüblern und vielen lauten Krawallbrüdern, die mit ihrer “Freund oder Feind”-Attitüde, jeden vernünftigen Diskurs erstickten.
Anstatt ein Gegenpol zu den populistischen Massenmedien darzustellen, scheint der indische Netzdiskurs bislang eher Intoleranz und geistlose Symbolik zu fördern. Bald schon, so die Befürchtung der Netzkritiker, wird Indiens Jugend daher mit “Angry Anna” nur noch ein Computerspiel verbinden.
Text:
Rashmi Vasudeva
Mitarbeit:
Frederik Fischer
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
1 Kommentar | 30. August 2011 | 10:39 Uhr |
|

Politische Spiele würden sicher in Deutschland gut laufen. Das Spiel an sich müsste nichteinmal einen großen politischen Hintergrund haben. Die Menschen wärden dann nur in der Lage mal die Politiker zu steuern und nicht das Gefühl haben sich von Politiker steuern zu lassen.
Grüße Emanuel