Deutschland wird wieder abfotografiert und niemand regt sich auf

Mit Streetside lassen sich die Straßen von Manhattan erkunden. Bald sollen auch deutsche Städte verfügbar sein. (Screenshot: Bing Streetside)

Mit Streetside lassen sich die Straßen von Manhattan erkunden. Bald sollen auch deutsche Städte verfügbar sein. (Screenshot: Bing Streetside)

Sie fahren wieder durch Deutschland: Die Autos mit einem meterhohen Kameraufsatz. Ihr Auftrag: Deutsche Städte, Straßen und Häuserfassaden zu fotografieren und zu einem Panoramadienst zusammenzufügen; wieder weltweit und kostenlos im Internet abrufbar.

 

Dieses Mal sind die Autos aber nicht mit dem Google-Logo beklebt, sondern fahren im Auftrag von Microsoft. Das Unternehmen bereitet den Deutschlandstart von seinem Dienst Bing Streetside vor und ließ sich trotz der hysterische Debatte um den Start von Google Streetview nicht abschrecken. Mit Erfolg: Die Deutschen regen sich dieses Mal nicht auf und nehmen die Ankündigung vom US-Konzern höchstens zur Kenntnis.

Vor einem Jahr war das noch anders: Sowohl im Netz, als auch in Funk und Fernsehen ist eifrig über den Streetview-Dienst von Google diskutiert worden. Bürgerinitiativen gründeten sich, Politiker intervenierten und die Berichterstattung nahm skurrile Züge an: Ältere Herrschaften ließen sich für ihre Lokalzeitung mit Namen und Straße vor ihren Häusern fotografieren, mit der Bildunterschrift, dass ihre Häuser nicht veröffentlicht werden sollten. Sogar das Ausland spottete und sprach lieber von „Blurmany“ (engl. blur für verpixeln) anstatt von Germany. Google stimmte genervt dem Vorschlag des Vorabwiderspruchs zu und entschied beleidigt, dass es bei den 20 deutschen Städten vorerst bleiben soll. Der Verpixelungsaufwand spräche gegen einen flächendeckenden Ausbau von Streetview.

Warum die Hysterie vergangen ist

Bei der Debatte um Streetview ging es aber nicht nur um den deutschen Vorgarten als Symbol für einen Wandel der Privatsphäre. Es wurden auch ganz konkrete Ängste formuliert: Was ist, wenn Einbrecher meine Nachbarschaft ausspionieren? Was ist, wenn ich von meiner Bank oder Versicherung aufgrund meiner Nachbarschaft schlechter behandelt werde? Was werden wohl Fremde sehen, wenn Kameras auf Reisebushöhe durch die Straßen fahren?

All die Ängste haben sich nicht bewahrheitet. So ist 2010 die Zahl der registrierten Straftaten gesunken. Zwar nahm die Zahl der Wohnungseinbrüche laut Polizeiliche Kriminalstatistik um 6,5 Prozent zu, aber selbst im Vorjahr lag das Wachstum bei 5 Prozent — an Google Streetview hat die deutsche Öffentlichkeit da noch nicht gedacht. Mit dem offiziellen Start von Google Streetview verstummte die Kritik komplett. So mancher Kritiker wird festgestellt haben, dass die veröffentlichten Bilder zum Teil schon mehrere Jahre alt und das Gegenteil von einer permanenten Live-Überwachung sind.

Ein weiterer Grund: Die Menschen dürften in diesem Sommer andere Sorgen haben. Die aktuelle Nachrichtenlage beschäftigt sich mit deutlich ernsteren Themen als noch im vergangen Jahr. Die Horrormeldungen aus den überschuldeten EU-Staaten wollen nicht verstummen. Die Börsen befinden sich auf der Talfahrt und während die Erinnerungen an Fukushima verschwinden, kämpfen die Hungersnot in Afrika und die Aufstände in Großbritannien um die Aufmerksamkeit der Deutschen. Wer will sich da noch als Pixelspießer in der Öffentlichkeit profilieren?

Warum Microsofts Panoramadienst besser werden könnte

Normalerweise haben es Online-Dienste schwer, wenn sie nicht als erstes in einem Markt starten. Bing Streetside könnte in diesem Fall aber profitieren. Sicher ist, das Microsoft vom Konkurrenten bereits gelernt hat: Gehorsam wird unaufgefordert eine Widerspruchsmöglichkeit vor dem Streetside-Start angeboten. Elegant hat Microsoft die zweimonatige Frist in die Sommerferienzeit gelegt. Nach dem Motto: Vielleicht kriegen kritische Hausbesitzer die neuen Fotoarbeiten gar nicht mit.

Microsoft hat den offiziellen Start für dieses Jahr angekündigt und will sogar die 50 größten deutschen Städte zeigen – deutlich mehr als Google Streetview. Schlägt sich am Ende die fehlende Verpixelungs-Hysterie auch auf die Zahl der Widersprüche nieder, wäre dies aus Nutzersicht für Bing Streetside vom Vorteil. Immerhin gab es nach dem Streetview-Start enttäuschte Stimmen zu hören, dass einige Straßen wegen der vielen verpixelten Häuser schlicht unansehbar seien und der Dienst damit kaum noch nutzbar.

Bei Bing Streetside könnten genau diese Straßen dann in voller Pracht zu sehen sein. Das lässt die Verpixelungs-Debatte aus dem letzten Jahr noch sinnloser erscheinen. Der eine oder andere Manager bei Google dürfte gar zu der Erkenntnis kommen: Es lohnt sich nicht immer, Erster zu sein.

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==> Link zu Streetside bei Microsoft

==> Link zum Vorabwiderspruchsformular

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

10 Kommentare | 18. August 2011 | 13:39 Uhr | Twittern | Facebook

10 Kommentare

  1. Also schon kurios oder sogar ärgerlich, daß die Heute-Redaktion es nicht schafft Microsoft Bing Streetside und Google Streetview auseinanderzuhalten und auf der Nachrichtenseite mehrfach “Google Streetside” stehen hat !!!

    heute-Leser | 18. August 2011 | 14:19 | Antworten
    • Julius Endert

      Hallo,
      vielen Dank für den Hinweis, ist korrigiert.

      Julius Endert | 18. August 2011 | 14:31 | Antworten
  2. Was mich ein wenig erschreckt ist, dass es scheinbar nur Widerstand in der Bevölkerung gibt, wenn die Medien laut “Alarm” rufen. Als wenn der “Normalo-Bürger” generell sein Hirn ausschaltet und nur dann reagiert, wenn er von den Medien eingeimpft bekommt, dass er jetzt doch bitte ganz viel Widerstand leisten solle.

    Das schon die Google-Fotos kein großes Ding waren, war doch schon immer klar. Mit Google Earth kann man sogar per Satellitenbild in deutsche Hintergärten schauen und dann regt man sich bei Google Streetview auf, dass die Häuserwände abfotografiert werden? Manchmal würde ich mir wünschen, dass Medien generell differenzierter berichten und die Normalbürger öfters mal ihr Hirn einschalten.

    Wobei ich nebenbei anmerken möchte, dass mit der Kritik an den Medien dieser Blog hier nicht gemeint ist. Ich beziehe mich da eher auf Spiegel, SpiegelOnline, diverse Fernseh-Formate und man “munkelt”, dass die Bild-Zeitung nicht besser ist.

    Freiherr von und zu G. | 18. August 2011 | 14:43 | Antworten
  3. Doch, ich hab Widerspruch eingelegt und auch schon Antwort bekommen. Das sollten alle machen!

    Dieter | 18. August 2011 | 16:08 | Antworten
    • Ja, aber warum? Die Gegend, in der sie wohnen, kann man auch mit Google Earth bestens inspizieren. Sogar in ihren Garten kann man sehen, falls Sie einen haben.
      Jetzt ist ihre Hausfassade verpixelt. Na und? Eine ernsthafe Sicherheitsinspektion ließ sich an den Google Streetmap-Bildern eh nicht durchführen. Ob Sie stärkeres Glas in den Fenstern haben oder nicht lässt sich von der Straße aus sowieso nicht begutachten, auf einem Foto schon gar nicht. Wenn jemand bei ihnen einbrechen will, wird er die Lage sowieso vor Ort begutachten. Da ist ein monate- bis jahre altes Bild nicht hilfreich.

      Wenn Sie jetzt mal jemanden einladen wollen der nicht weiss wo sie wohnen müssen Sie fortan mit einem “der große, verpixelte Klotz da” argumentieren. Und wenn Sie jemand ungebetenes besuchen will, wird er das trotzdem machen. Ob Ihre Hausfassade nun verpixelt ist oder nicht.

      Beim besten Willen, ich kann nicht erkennen warum man bei den Straßen-Fotografiediensten seine Hauswand verpixeln lässt. Welche personenbezogenen Daten sehen Sie denn da gefährdet?

      Freiherr von und zu G. | 18. August 2011 | 17:20 | Antworten
  4. Also manchmal Frage ich mich echt, wo das Hirn der Deutschen geblieben ist. Niemand, der ernsthaft 5 Minuten einmal selbst darüber nachdenkt (und das nicht die öffentlichen Medien so halbherzig erledigen lässt) kommt doch zu dem klaren Ergebnis, dass man nicht sieht, als ob man selbst durch die Straßen läuft/fährt.
    Das jetzt natürlich die Debatte nicht noch einmal so aufflammt, zeigt nur, wie lächerlich die Deutschen doch selbst hinstellen. Am Ende scheinen die meisten von uns nicht gelernt zu haben, was blindes vertrauen und Meinungsloses folgen bereits einmal aus diesem Land gemacht haben.. Verdammt, NUTZT EUER BISSCHEN GRIPS DOCH MAL!

    Maik K. | 18. August 2011 | 16:45 | Antworten
  5. Im Gegensatz zu Google darf einer Schurkenfirma das nicht gestattet werden.

    Eiben | 19. August 2011 | 00:14 | Antworten
  6. also ich hatte frau Aigner gebeten das Sommerloch damit zu füllen. Wahrscheinlich hat auch ihr “Schwachsinn” mal Urlaub.

    http://waschtrommler.org/2011/05/24/spie-es-noch-einmal-ilse-streetside-in-deutschland/

    borgdrone | 19. August 2011 | 11:51 | Antworten
  7. Den folgenden Beitrag habe ich auf dem Forum ZDF-heute veröffentlicht:

    Ich halte diese – nenen wir es Überschrift – für provozierend und tendenziös.

    SOLL man sich aufregen ?

    Warum, worüber ?

    Das ist schlimmer Journalismus, wie man ihn nur von gewissen Blättern der
    Boulevard-Presse gewohnt ist.

    Da fahren sie also wieder durch Deutschland, diese Autos. Und zu allem Überfluß noch mit meterhohem Kameraaufsatz ( wer hat das nachgemessen ? ).

    Übrigens, halten Sie die Formulierung “abfotografiert” für beispielhaftes Deutsch, wie man es von einem ö.r. Sender zu erwarten hat ?

    Sie selbst strahlen täglich in Ihren Sendungen nicht nur Fotos, sondern sogar bewegte Bilder von “Deutschen Städten, Straßen und Häuserfassaden” aus. Darüber hinaus sind die Gesichter der Personen und Kfz-Kennzeichen, die gewollt oder ungewollt vor Ihre Kameras geraten – anders als in den von Ihnen erwähnten “Panoramadiensten” – nicht einmal unkenntlich gemacht.

    Räumen Sie den von Ihnen erfassten Personen, wie es diese “Panoramadienste” tun, ein Vetorecht vor der Veröffentlichung ein ?

    Da ich, wie jeder anständige deutsche Bürger, mit großer Regelmäßigkeit die “heute-Nachrichten” sehe, hätte ich da mal eine Frage:

    “Gehe ich recht in der Annahme, wenn ich die Haltung Ihrer Redaktion in dieser Sache für Heuchelei halte ?”

    Artur von Blasewitz | 22. August 2011 | 13:06 | Antworten
  8. Muss ich sagen, war Bing Fuchs, erst mal Google schön in die Fresse bekommen lassen dafür und dann das ganze schön leise ausrollen und man hat nachher mehr und bessere Daten, nicht dieses ganze geblurrte Zeug ;)

    Respekt an Bing

    Marcel | 23. August 2011 | 14:10 | Antworten

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