Von wegen Filterblase

Filterblasen (Grafik: Fritz Gnad, Quelle: Elektrischer Reporter, ZDF)

Filterblasen (Grafik: Fritz Gnad, Quelle: Elektrischer Reporter, ZDF)

Seit dem Autor Eli Pariser aufgefallen ist, dass verschiedene seiner Bekannten auf die selbe Suchanfrage im Netz unterschiedliche Ergebnisse angezeigt bekamen, fürchtet er um die Gemeinschaft. Die Menschen könnten, so seine Sorge, in eine „Filterblase“ eingesperrt werden.

Internet-Dienste wie Google oder Facebook greifen auf die gespeicherten Suchergebnisse auf dem Rechner einer Person zu („search history“) und versuchen, daraus Rückschlüsse auf die individuellen Vorlieben zu ziehen und entsprechend gefilterte Ergebnisse zu liefern.

In seinem Buch „The Filter Bubble: What the Internet is Hiding from You“ führt Pariser das Beispiel eines linksalternativen Menschen an, der als Suchbegriff „BP“ eingibt und Informationen über die Ölpest im Golf von Mexiko erhält, während ein konservativer Netznutzer zu dem selben Suchbegriff Investment-Tipps über den Ölkonzern angezeigt bekommen könnte. Der Autor glaubt, dass es gefährlich ist, wenn die Menschen immer mehr Informationen bekommen, die nur noch ihrer vorgefassten Einstellung entsprechen – kritische Stimmen treten in den Hintergrund, Gegenmeinungen verblassen.

Provisorische Gesprächsgrundlage

Eli Pariser weiß, wie wichtig es sein kann, dass alle dasselbe sehen oder lesen. Einen Namen gemacht hat er sich als politischer Aktivist mit der Forderung, nach den Anschlägen am 11. September 2001 nicht militärisch zu reagieren (der Aufruf wurde innerhalb eines Monats von einer halben Million Menschen unterzeichnet). Aber ist es nicht seit jeher so, dass Menschen in einer Sphäre aus Sichtweisen befangen sind, die von den eigenen Interessen und von Vorurteilen bestimmt ist? – wobei „Vorurteil“ auch erst einmal einfach nur bedeuten kann, dass man zu einer Sache zu wenig Informationen hat und es, statt mit gar keiner, mit einer provisorischen Meinungs- oder Gesprächsgrundlage versucht.

„Der Vorschlag, den Menschen in die Gegenwart einzusperren und ihn von Vergangenheit und Zukunft abzuschneiden, [ist] nicht erst unserer Zeit entsprungen“, schrieb der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford schon 1971, „und auch nicht an die ausschließliche Orientierung auf die elektronische Kommunikation gebunden. Die alte Bezeichnung für diese Form zentralisierter Kontrollmacht ist Bücherverbrennung.”

Auch an den Techniken zur automatischen Unterscheidung menschlicher Interessenslagen wird schon lange gearbeitet. Bei Microsoft etwa plante man bereits 1996 einen „TV-Computer“, der das Programm nach den Sehgewohnheiten des Benutzers zusammenstellt. Ausgewählte Sendungen sollten angekündigt werden, schrieb dazu das Wissenschaftsmagazin „New Scientist”, und „unerwünschte Werbung wird ausgeblendet”. Neutral betrachtet, ist auch Werbung Teil der Informationsvielfalt, und ich habe es schon vor Jahren als Einschränkung empfunden, alte Zeitschriftenjahrgänge auf CD zu kaufen, nur um feststellen zu müssen, dass die ganzen Werbeanzeigen fehlen, die mir Einblicke in den Lebensstil der Zeit hätten geben können.

Menschenbild aus der Mottenkiste

Aber dass wir nun alle durch das Internet in den Echokammern unserer eigenen, beschränkten Ansichten und Neigungen isoliert würden, ist eine geradezu klassisch kulturpessimistische Sicht. Wobei mich an dem Konzept der Filterblase am meisten stört, dass es ein längst abgelegtes Menschenbild, nämlich das des wehrlosen, manipulierbaren Medienopfers, aus der Mottenkiste holt. 1957 war Vance Packards Buch „Die geheimen Verführer” erschienen und prägte die Vorstellung eines ohnmächtigen, von Medien und Werbung wie eine Marionette geführten Konsumenten. Diese Leitvorstellung hielt sich bis in die siebziger Jahre – allerdings hatte das angebliche Medienopfer da mit der Fernbedienung längst ein bedeutendes Machtinstrument in der Hand.

Für Werbetreibende und Programmgestalter wurde der Mediennutzer zu einem potentiell treulosen Wesen. Mit dem Internet hat sich die Kanalvielfalt und die Bewegungsfreiheit der Nutzer ins Millionenfache erweitert. Vor allem: Wenn an irgendeiner Stelle zensiert, manipuliert oder intransparent gefiltert wird, wird darüber nicht mehr nur in herkömmlichen Massenmedien berichtet, sondern auch in den zahllosen neuen Meinungsblasen im Netz – von kleinen Kommentarfeldern bis hin zu großen Blogs und sozialen Netzen.

„Kultur ist Reichtum an Problemen“, schrieb der Historiker Egon Friedell vor fast hundert Jahren – man könnte auch sagen, dass Eli Pariser Schwierigkeiten mit der Tatsache hat, dass die Welt und damit auch die Demokratie immer komplexer wird. Das Zeitalter der Massenmedien geht zu Ende, nun beginnt die Zeit der Medienmassen. Ja, zunehmend viele unterschiedliche Zugänge und Auffassungen sind mühsam. Aber stattdessen alles wieder auf eine Mainstream-Einheitlichkeit zu reduzieren, ist auch keine Lösung.

„Für jedes Problem gibt es eine ganz einfache Lösung“, sagte Albert Einstein einmal. „Sie ist immer falsch.“

PS:
Wie eine Zukunft aussehen könnte, in der jeder Netznutzer nur noch in seiner eigenen Realität lebt, haben wir in Uebermorgen.TV einmal vorempfunden.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

9 Kommentare | 12. Juli 2011 | 11:22 Uhr | Twittern | Facebook

9 Kommentare

  1. Wunderschöne Replik (wenn es denn eine sein sollte) auf Uebermorgen TV zum selben Thema. Danke!

    Ich denke, dass die Gefahr der Filterblase eine eingebildete ist (und man gutes Geld mit der Warnung vor eigebildeten Gefahren verdienen kann), nicht nur, weil Menschen mündigen sind, als manche befürchten, sondern auch, weil Filtern und Priorisieren sogar Chancen bietet;

    Filtern, Priorisieren, Personalisieren ist schlicht und einfach notwendig. Kein Mensch kann die Flut neuer Informationen aus dem Internet ungefiltert bewältigen. Allein die Tatsache, dass Google auf der ersten Seite nicht alle 10 Millionen möglichen Ergebnisse nennt, ist ein Filter. Dass dieser aufgrund von Erfahrungen über meine Interessen individualisiert wird, verschlechtert das Ergebnis nicht, sondern verbessert es.

    Die Argumentation für Einheitsmedien stellt Parisers Buch nicht wirklich schlüssig dar. Wenn individualisierte, objektive (???) Suchergebnisse ein einheitliches Bild der Wirklichkeit und Medienwelt verhindern, das scheinbar sehr wichtig für den Fortbestand unserer Gesellschaft ist – müsste man konsequenterweise auch unterschiedliche Zeitungen oder Fernsehkanäle verbieten?

    Nahezu jeder kauft ausschließlich Zeitungen, die seine Weltsicht widerspiegeln, sieht Sendungen, liest Bücher, die das selbe tun und am liebsten redet er mit Leuten, die die selben Ansichten vertreten. Und zugleich gibt fast niemand dieses Verhalten zu. Stattdessen ist (nahezu) jeder der Ansicht, dass er stets aufmerksam zuhört, auch Leute mit anderen Ansichten zulässt und ihre Argumente lediglich deshalb ablehnt, weil er die besseren besitzt. Alle Freunde und die Autoritäten, die man liest und denen man zuhört, bestätigen das einem ja.

    Das ist menschliche Natur und die wahre “Filter Blase”. Sie lässt sich leicht vermeiden – durch Änderung des persönlichen Verhaltens.

    Algorithmische Filter würden nur dann eine Gefahr für den Pluralismus darstellen, wenn sie alle die selben Filterkriterien anwenden. Das tun sie in freien Gesellschaften nicht, unter anderem auch deshalb nicht, weil das nicht im kaufmännischen Interesse der Betreiber liegt. In China oder im Iran ist das anders. Auch westliche Regierungen würden das gerne tun – und werden es tun, wenn ihre Bürger sie nicht daran hindern. Aber das ist ein anderes Thema.

    Tatsächlich bieten algorithmische Filter die zusätzliche Möglichkeit, den Mechanismus transparent und explizit zu machen – etwas, das ich von Redaktionen noch nie gehört habe. Amazon macht das bereits und einige Retargeting-Anbieter machen es auch schon. Ich bin mir sicher, dass das über kurz oder lang alle Anbieter von Systemen machen werden, die personalisieren (oder “Targeting” betreiben oder “priorisieren” oder …)

    Genauso sicher bin ich mir, dass die weit überwiegende Mehrzahl der Menschen das nicht interessieren wird – weil sie ihre eigene kleine Echokammer lieben!

    Markus Breuer | 12. Juli 2011 | 16:12 | Antworten
  2. Ich bin nur ein durchschnittlicher Internetnutzer und ich suche mir, wenn mich etwas besonders interessiert auch noch Bücher aus Bibliotheken. Das halten Sie wahrscheinlich auch für antiquiert. Aber meine Erfahrung ist, dass im Internet einfach zu viele Halbwahrheiten kursieren, Quantität statt Qualität. Man kann zwar, wenn man sich bemüht, alle möglichen Dinge im Internet finden, aber trotzdem kochen in den meisten Artikeln immer wieder die Mainstream-Themen und Mainstream-Ansichten hoch. Und wenn dann gegenteilige Meinungen kundgetan werden, sind die auch nicht besser begründet. Oft ist es so, dass man feststellt, dass bei bestimmten Themen einer vom anderen abschreibt, weil keiner wirklich echte Hintergrundinformationen hat. Das blabla Internet, wo ein gefälschter Blog genauso ernsthaft als Quelle behandelt wird wie ein authentischer, kann mir gestohlen bleiben.

    wolpeziwolfy | 12. Juli 2011 | 16:13 | Antworten
  3. Halten wir es doch mit dem ethischen Imperativ von Heinz von Foerster: Wir handeln so, dass sich die Zahl der Wahlmöglichkeiten vergrößert. Das macht es zwar komplexer, aber auch interessanter.

    Sascha Stoltenow | 12. Juli 2011 | 16:37 | Antworten
  4. Das geht nur solange gut, solange jeder seine eigene Echokammer hat- und die Wahl sie zu verlassen. Stell Dir RTL2 in 5 Jahren vor. Du, mit einem hohen Score ausgestattet bekommst high-TKP-Werbeblöcke von 3 Minuten Länge angezeigt, der VW-Arbeiter muss 25 Minuten Werbung sehen. Ganz Berlin-Marzahn bekommt gar kein Programm zu sehen.

    ring2 | 12. Juli 2011 | 17:42 | Antworten
  5. das elend dummer menschen ist, dass sie nicht in der lage sind, ihre eigene dummheit oder unwissenheit als solche zu erkennen. in sofern ist Sascha Stoltenow uneingeschränkt zuzustimmen: klar, man kann sich darüber mockieren, dass schonwieder mal vor einer gefahr gewarnt wird, die ja eigentlich keine ist … wenn man eben nicht verstanden hat, weil man nicht verstehen kann, worin denn bitteschön die gefahr liegen soll, wenn auf das suchergebnis auf das wort afghanistan reiseführer, historische darstellungen, bildbände bei amazon zuoberst und die ersten relevanten nachrichten auf seite 420 erscheinen.

    das auf schreckhafte reaktionen auf unterschriedliche suchergebnisse zu verengen, heisst, man hat das, was pariser zurecht mitzuteilen hat, einfach nicht verstanden.

    jeder blogger kann schreiben, was er will, und es bleubt jedem leser überlassen, nur das zu lesen, was er auch versteht. ich jedenfalls habe gerade entdeckt, daß “hyperland” jedenfalls nicht zu den kompetentesten quellen gehört, der autor erfasst nur, was er eben erfassen kann und missversteht, was er eben nicht verstehen kann.

    schöne neue welt …

    hinterwald | 12. Juli 2011 | 21:08 | Antworten
    • kleines ps.: als ich meine ersten schritte mit 192er modems in die welt der mailboxen unternahm, erschien bei knauer von theodore roszak das buch “der verlust des denkens – über die mythen des computerzeitalters”. ich weiss noch, wie ich damals über die blödheit des autors geflucht habe, der mir den neu entdeckten spass an der schönen welt der computerei vermiesen wollte.

      heute weiss ich, daß nicht er, sondern _ich_ blöd war. viel spaß beim nachdenken über pariser in, sagen wir einmal, 5 jahren …

      hinterwald | 12. Juli 2011 | 21:17 | Antworten
  6. Interessant finde ich, dass bei der Filterblase mal wieder der (wehrlose) Nutzer im Mittelpunkt steht, den man übrigens mit den Möglichkeiten von Social Media zu einem Hybridwesen aus gefährlichem Beeinflusser und Dialogpartner erklärt hat.

    Gewagt wäre es ja mal, sich zu fragen ob es in Wirklichkeit nicht die werbetreibenden Unternehmen, Internetgiganten, Techfirmen und Targeting-Anbieter selbst sind, die in einer Filterblase stehen und immer noch nicht zugeben wollen, dass ihre angeblich so zielgenauen Kampagnen es gar nicht schaffen, in die Filterblase des Nutzers vordringen können. Vom Thema Transparenz bei solchen Angeboten ganz zu schweigen.

    Mottenkiste hin oder her: sehr klar formuliert hat Pariser seine Bubblethese allemal. Und zumindest da ist er all den Social Media-Adepten mit ihren immer neuen Buzzwords und oft schwammigen Heilsversprechungen einen klaren Schritt voraus.

    Rene Kaufmann | 14. Juli 2011 | 13:40 | Antworten
  7. Ich denke die Frage nach der Fragmentierung von Öffentlichkeit, wie sie in der Möglichkeit sich nur einseitig informieren zu können, schon lange exisitiert – man denke nur an die extrem gespaltene TV-Öffentlichkeit in den USA, den Kampf der großen Networks – geht die Beobachtung von Pariser weiter.

    Individualisierte Nachrichten Kanäle, in denen die Nachrichtenwerte ausschließlich nach individuellen Präferenzen geordnet werden, führen in einem anderen Maße zu einer Auflösung der gemeinsamen Öffentlichkeit. Parisers Buch ist wohl auch eher als Warnung, denn als Statusbeschreibung zu lesen, aber wenn – wie er in dem Vorangestellten Zuckerberg Zitat – deutlich macht, die FB Statusmeldungen der Freunde den gleichen Neuigkeitswert wie die Politischer und Gesellschaftlicher Ereignisse bekommen, wird es nur noch schwer möglich sein einen gemeinsamen Willensbildungsprozess zu bewerkstelligen.

    Die Fragmentierung in der klassischen Medienlandschaft beschränkt sich, sofern man einigermaßen qualitätsvolle Medien nutzt, meist auf eine stark unterschiedliche Wertung der selben Ereignisse. Man denke nur an den Guttenberg Fall, in dem z.B. Süddeutsche und Liberale, Linke Zeitungen Guttenberg heftig kritisierten, während FAZ und Bild deutlich positiver berichtete. Wer nur Medien eines der beiden Lager konsumiert, wird vielleicht in einer bestimmten Meinung bestätigt, aber das gemeinsame wird nicht ausgeblendet.

    Anders ist der Fall, wenn eine umfassende Personalisierung des Informationsangebots sich tatsächlich durchsetzen sollte, die Fülle an Informationen macht es möglich, völlig verschiedene Nachrichten präsentiert zu bekommen. Man sollte diese Gefahr nicht überbewerten, aber angesichts zahlloser naiv-positver Netzutopien, die seit nahezu 30 Jahren die gleichen sind, schadet die ein oder andere kritische Stimme sicherlich nicht.

    Lukas | 14. Juli 2011 | 14:27 | Antworten
  8. Ich gebe ihnen nur teilweise Recht, Herr Breuer.
    Ja Filtern ist in Zeiten der Informationsflut notwendig und kann durchaus den gewünschten positiven Nutzern erfüllen. Doch es sollte auf jeden Fall transparent sein. Ich sollte die Möglichkeit haben, es auch ab zu stellen.

    Denn dieser Algorithmus ist nie perfekt. Er kann von Suchanfrage zu Suchanfrage nützlich oder hinderlich sein. Ich brauche mich nicht darüber zu wundern, warum Bekannte mir Fragen stellen, die sich für mich durch einfaches googlen beantworten lassen. Auf eine genervte Rückfrage, warum diese Leute nicht selber googlen, kommt dann ein “Habe ich, aber das hab ich nicht gefunden.”

    Scheinbar funktioniert ihr personalisierter Filter eben nicht so gut, wie er sollte. Zumindest wurde ihre Frage aufgrund des Algorithmus’ nicht beantwortet, weil sie sonst vielleicht keine Suchanfragen zu diesem Thema, mit diesem Hintergrund stellen.

    Von der Gefahr, dass dieses Filtern auch zu Bösem genutzt werden kann, brauche ich erst gar nicht anfangen zu schreiben.

    TL;DR: Filtern ist wichtig um die Informationsflut auf das relevante ein zu schränken. Aber es MUSS transparent und abschaltbar sein.

    Silly Human | 14. Juli 2011 | 15:04 | Antworten

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