Spielen gegen die Unterhaltungsdiktatur
Die Flash-Games von Paolo Pedercini sehen niedlich aus. Grobgepixelte Grafiken blinken, lustige Comic-Figuren schieben sich durch das Bild, dazu ein freundlicher Computerspielsound aus der Vergangenheit. Einziges Problem: Hier ist gar nichts freundlich, niedlich und lustig. Das Spiel heißt „Operation: Pedopriest“. Der Auftrag: Missbräuche in der katholischen Kirche vertuschen.
Paolo Pedercini steht auf einer kleinen Bühne in der Kassler Kunsthalle Fridericianum. In den Räumen sind Videospielkonsolen, Topfpflanzen und schwere Barockmöbel. Eine wilde Mischung. Sie passt zu Pedercini. Dieser ist dünn, bleich und ernst, fährt Fahrrad-Polo, lehrt an einer Uni in Pittsburgh und gilt als einer der herausragendsten Vertreter des so genannten radikalen Game Designs. Die Kunsthochschule Kassel hatte ihn zum Spielsalon, dem Festival der Autorenspiele eingeladen.
Infiziere das Netzwerk
Unaufgeregt präsentiert Pedercini ein gutes dutzend kleiner Spiele, die er mit seinem Kollektiv Molleindustria produziert hat. Beiläufig formuliert er Sätze in denen er die Dummheit des Mainstreams verurteilt, die eskapistische Funktion von Spielen geißelt und seinen Plan präsentiert: Das Netz mit radikalen Memen zu infizieren. Das klingt markig, politisch und verkopft. Vielleicht würde man jetzt mit den Schultern zucken oder den Kopf schütteln. Aber Paolo Pedercini hat sein Ziel ja bereits erreicht.
Zwei Wochen nach der Programmierung des Spiels „Operation: Pedopriest“ debattiert das italienische Parlament über einen Verbotsantrag. Katholische Organisationen laufen Sturm. Pedercini muss das Spiel zunächst aus dem Netz nehmen und verlegt erst seine Server und später seinen Wohnsitz in die USA. Seine Mutter erzählt ihm am Telefon von Polizisten, die ihn suchen. Ein gegen Pedercini angestrengtes Gerichtsverfahren verläuft im Sande. Und das alles wegen eines kleinen Computerspiels, das es schafft, die hochsensible Thematik Missbrauch und Kirche provokant im Spiel zu kommentieren.
Zerstöre den Regenwald
Keinen Protest gibt es beim McDonald´s Spiel. Und das, obwohl Pedercini in diesem kleinen Strategiespiel alle denkbaren kritischen Themen unterbringt. Egal ob die Zerstörung des Regenwaldes, Wüstenbildung, Verschärfung von Arbeitsbedingungen oder Lebensmittelvergiftungen – all dies gehört zum erfolgreichen Spielen des Spiels. Absurderweise fragt ihn ausgerechnet eine deutsche Agentur, welche für McDonald`s arbeitet, ob man das Spiel kostenlos auf Rechnern in McDonald`s-Filialen installieren könne.
Geschickt spielt Pedercini mit der Erwartungshaltung gegenüber vermeintlich harmlosen Online-Spielchen. Und platziert die Erkenntnis in die Game-Mechanik selbst. Hier spielt man das System, muss höchstselbst moralisch verwerflich handeln, um zu gewinnen. Das bringt offensichtlich mehr, als den Appell zu ethisch-moralischem Handeln plump in ein langweiliges Lernspiel zu packen. Hier zeigt sich, dass Spiele mehr sein können, als bloßer Teilzeit-Eskapismus.
Feuer die Drohne
Pedercini beweist das Potenzial moderner digitaler Spiele. Denn egal ob als Kommentar, Diskussionsbeitrag oder Denkanstoß: Spiele können eine interaktive Erfahrung generieren – ein Vorteil gegenüber Text, Ton, Bild und Video. Im Herbst erscheinen zwei neue Spiele von ihm. Sein erstes iPhone-Spiel soll den problematischen Entstehungsprozess der Smartphones von der Kobalt-Mine über chinesische Zulieferfirmen bis zur Elektroschrottthematik reflektieren. „Unmanned“ handelt vom Alltag eines amerikanischen Drohnenpiloten. Gesteuert werden viele der unbemannten Luftfahrzeuge über Afghanistan übrigens in der Wüste nahe von Las Vegas – mit joystickähnlichen Steuerpads.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
5 Kommentare | 20. Juli 2011 | 19:24 Uhr |
|


Oh Wunder, Drohnen werden mit Joysticks gesteuert, wie kann das nur sein, da man doch aus jedem Kampfjet das gute alte Lenkrad kennt und sich dieses doch so vorzüglich zum Steuern eignet.
Herr je, wenn Künstler sich anschicken der Welt ihre böse Fratze vorzuhalten, mag das vereinzelt auf Interesse oder Empörung stoßen, wirklich Inhalt hat es nicht. Ausgerechnet Flashspielchen zu benutzen um irgendwas von Bedeutung zu vermitteln zeigt ja schon wie der Hase läuft. Oh, ich kann Priesterfigürchen durch einen Bildschirm auf andere Figürchen schicken. Wow, langweilig, nichts-sagend und uninteressant. Für wirkliche Resonanz fehlt vollstänfig der Bezug des Spielers zur Spielewelt und den Charakteren.
Da dies aber von vornerein nicht bei flash-games gegeben ist und bei diesen nur wirklich selten vorkommt, weil mit viel Arbeit verbunden, kann man die Absicht des Künstlers fast schon glasklar erkennen. Mediale Aufmerksamkeit durch inhaltsleere Provokation. Dass der Künstler damit u.A. die pösen Massemedien anklagt ist fast schon grotesk, nutzt er doch die gleich Skandal- und Sensationsgier.
p.s. Ja, Künstler ist in diesem Beitrag abwertend zu verstehen.
p.p.s. das mit den radikalen memes wird garantiert ein hit, ich sag nur “pissing in an ocean of piss”
@seele Hast Du eines der Spiele gespielt? Und – ähm – was hat jetzt noch mal genau Bedeutung in deinem Ozean aus Pippi?
Feines Szenario mit Actionelementen:
Schiesse die Asozialen (Penner, Arme, wie auch immer) in der Schlange vor der Tafel ab, die nicht schnell genug auf die Knie fallen, wenn neuzeitliche Großartigkeiten (von Markennamen bis Waschbrettgesichtern) aufblinken. Schuss beim Anblick wertneutraler bis schöner Dinge macht auch nix, kurzes “Helm ab zum Gebet”.
Werde Gellieferant für Dieckmann, MdB, im Boss Level dann König der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft”.
Ausbaufähig, oder?
kann man mal machen
Sahin fehlt derzeit einfach alles”, so zumindest wenn es nach der zweitgrößten spanischen Tageszeitung ‘El Mundo’ geht. Grund für diese harsche Kritik am jungen Deutsch-Türken war dessen 90 Minuten Einsatz im spanischen Pokalhinspiel der Sociedad Deportiva Ponferradinas gegen den Real Madrid Club de Fútbol. In eben jener Partie sollte Sahin als Vertreter von Xabi Alonso im defensiven Mittelefeld die Fäden ziehen und Regie führen. Am Ende stand ein mageres 2:0 der Königlichen, die ein knappes Viertel der Spielzeit aufgrund der roten Karte gegen Raul Albiol sogar in Unterzahl spielen mussten. Wenngleich es nicht als Fussballspiel zum Abgewöhnen bezeichnet werden sollte, war es längst kein Genuss für Fussballästheten. Real Madrid nahm die Favoritenrolle an, dominierte den Gegner mit über 60 % Ballbesitz und 6:2 Torschüssen, glänzte nicht, aber gewann dennoch verdient mit 2:0. Alles in allem kann das Spiel wohl unter dem Motto ‘Arbeitssieg’ verzeichnet werden.