Mixed Reality Gaming: Mit der World of Warcraft Gilde durch die Stadt streifen

Wer einmal „World of Warcraft“ oder ein anderes Massen-Mehrspieler-Online-Gemeinschaftsspiel (MMOG) am heimischen PC gespielt hat, weiß, wie echt die Illusion sein kann, mit der Gilde durch die Gegend zu ziehen, sich im Gelände zu verabreden und gemeinsam Herausforderungen zu meistern. Doch so sehr das Spiel den Geist auch fesseln mag, der Körper sitzt nur vor der Konsole oder dem PC.

In Zukunft wird es allerdings möglich sein, auch physisch zum Zeitreisenden durch die Epochen und zum Abenteurer in fernen Welten zu werden. Sogenannte Mixed-Reality-Spiele sollen diese Illusion ermöglichen. Mixed Reality ergänzt Augmented Reality Anwendungen (angereicherte virtuelle Realität) um Erfahrungen an realen Orten.
Das Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) hat bereits ein Spiel namens „Time Warp“ entwickelt, mit dem man Köln in verschiedenen Epochen erleben kann. Insgesamt 60 Studenten begaben sich jeweils zu zweit auf geheime Agentenmission durch das römische, das mittelalterliche und das zukünftige Köln. Ausgerüstet mit mobilem Laptop, Kamera, Kopfhörer und GPS zum Orten der Position konnten die Teilnehmer beispielsweise um virtuelle 3D-Objekte herumgehen und sich mit virtuellen Charakteren aus der Zukunft treffen.

Mixed Reality auf der Gamescom

Tidy City“ ist ein weiterer Prototyp des FIT, der auf der Gamescom (17. – 21. August 2011, Köln) vorgestellt werden soll. Durch Mixed Reality wird die digitale Spielwelt und das reale Umfeld miteinander verschmolzen. Wie bei einer Schnitzeljagd geht es bei „Tidy City“ darum, Fragmente aus dem Stadtbild per GPS Handy zu orten und das Abbild mit dem echten Gegenstand in Einklang zu bringen. „Wir beschäftigen uns speziell mit mobilen Spielen, die draußen in der Realität gespielt werden“, sagt Spieleentwickler Richard Wetzel vom FIT. „Durch das Hinzufügen der realen zur digitalen Welt ergeben sich spannende neue Möglichkeiten. Wir wollen herausfinden, wie Spieler auf die Vermischung der verschiedenen Realitäten reagieren.“

Noch sind solche Mixed Reality Erlebnisse recht krude. Leif Oppermann vom FIT rechnet mit der Marktreife von Spielen wie „Time Warp“ in ein bis zwei Jahren. Doch um die Illusion, in Zeit und Raum frei reisen können, zu perfektionieren, um ein beispielsweise ein komplettes real-virtuelles Abenteuer im Köln des 15. Jahrhunderts zu spielen, bräuchte man zusätzlich „Augmented Vision“, d.h. eine Brille, damit die echte Welt draußen nicht ins Blickfeld gerät. Und möglichst auch eine Steuerung per Gestik. Der Spieler könnte dann die virtuelle Realität nicht nur sehen und hören, sondern sie auch „begreifen“. Fasst er in seinem Blickfeld eine realen Gegenstand an, rechnet die Brille die Daten in Echtzeit um. Der Spieler sieht dann durch die Brille seinen virtuellen Arm zum Beispiel Lanzen stoßend in einer Ritterrüstung oder als schleimige Alien-Extremität, die ein Laserschwert schwingt.

Noch keine Konsolen-Konkurrenz in Sicht

Solche komplexen zeitversetzten Szenarien sind allerdings noch eine Zukunftsvision. „Soweit ist die Technik noch nicht“, betont Jan Schlink, Sprecher der Münchner Augmented Reality (AR) Agentur Metaio im Gespräch mit Hyperland. „Funktionierende virtuelle 3D-Brillen gibt es derzeit nur im Industriebereich. Sie sind für den Massenmarkt noch zu teuer.“ Schlink rechnet mit einem Einsatz von Geräten, die auch anspruchsvolle Gamer überzeugen können, erst in fünf bis zehn Jahren. „Der Nutzer wird von der Playstation 3 erzogen“, sagt der Spezialist. Wer daheim am PC oder an der Konsole dank hochauflösender Echtzeitgrafiken bei spannenden Spielen alles um sich herum vergisst, will nicht mit unausgereifter Technik durch die Stadt laufen, die nur pixelige und ruckelige Bilder ermöglicht.

Einfachere AR Spiele in der realen Welt sieht Schlink aber bereits im kommenden Jahr auf dem Markt kommen. Im New Yorker Central Park wurde versuchsweise bereits real-virtuelles Pac Man mit lebensgroßen Figuren gespielt. Und Metaio entwickelte einen Zombie-Shooter für das Handy – zum spielen in echten Kellern und finsteren Gemäuern.

Zwar haben sich die kommerziellen Spieleentwickler laut Schlink dem Thema bisher „noch kaum gestellt“. Doch nicht nur die Forschung, sondern auch die Werbung ist schon weiter. Der deutsche Ableger des Science Fiction Sender SyFy startete vor einigen Monaten eine Kampagne, bei der schleimige Monster aus dem Gulli krochen und Litfaßsäulen sich in Reagenzgläser verwandelten. Sehen konnte man das nur durch den Kamerasucher eines Handys mit speziellem AR Browser. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt, um mit den virtuellen Gestalten zu interagieren. Wer also demnächst jemanden mit Handy erschrocken vom Gulli wegspringen sieht, sollte sich nicht wundern. Da war bloß ein Alien mitten in der realen Welt.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

4 Kommentare | 07. Juli 2011 | 12:12 Uhr | Twittern | Facebook

4 Kommentare

  1. Hallo!

    Sehr interessant, ich freue mich, und bin gleichzeitig entsetzt was das auch für gefahren bringt.

    Aber zum Video: Ich finde der Moderator, insbesondere wie er redet, nervt ohne Ende. (Obwohl es offensichtlich gewollt ist…)

    Tobi | 7. Juli 2011 | 19:55 | Antworten
  2. Zitat: »Durch Mixed Reality wird die digitale Spielwelt und das reale Umfeld miteinander verschmolzen.«

    Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings: das »reale Umfeld« nämlich scheint es, wenn man es mal näher betrachtet, so gar nicht zu geben. Wer glaubt denn noch nach dieser Lektüre hier http://www.geheimnisdermaterie.com/ ernsthaft daran, es könne so etwas wie eine wirkliche Realität geben? Wie es scheint, tauschen wir somit nur die eine Illusion gegen eine andere Illusion. Wie die Realität wirklich aussieht, werden wir wohl so schnell nicht erfahren. Da wird auch die hochauflösendste Echtzeitgrafik kaum etwas daran ändern.

    Zeitportal | 7. Juli 2011 | 21:35 | Antworten
  3. Vorerst letzte Folge von Netzreporter? – Bitte stellt das Format nicht ein. Es ist hervorragend recherchiert und rückt technische Entwicklungen in den Mittelpunkt, die von anderen Medien kaum wahrgenommen werden, obwohl sie einen drastischen Einfluss auf unsere kulturelle Entwicklung haben.

    Der Kritik von Tobi kann ich mich nicht anschließen. Ich finde die Leistung vom Host sehr gut.

    B.G.,
    Marc

    Marc Step. | 8. Juli 2011 | 13:34 | Antworten
  4. Warum die vorerst letzte Folge? Bitte nicht! ElRep ist das genialste (TV) Format zum Thema Netzkultur! Was sind die Hintergründe? Hat das was dem Projekt Hyperland zu tun (Props auch an dieser Stelle)?

    David | 12. Juli 2011 | 15:27 | Antworten

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