Medienkompetenz? WTF?!

[fliqz id="fe6b1038a12148a2bd27d28f4040908f"]

Für Politiker ist es Totschlagargument, wenn alles andere versagt, aber dringend etwas gesagt werden muss. Doch Medienwissenschaftler und -pädagogen wehren sich zunehmend gegen das Modewort „Medienkompetenz“ und ringen um eine gültige Definition.

Es war die Aktuelle Stunde im Bundestag nach dem Amoklauf von Winnenden. Petra Pau (Die Linke) trat ans Rednerpult und versuchte, die möglichen politischen Konsequenzen aus der Bluttat zu resümieren. Sie sprach über das Waffenrecht, das Schulsystem und schließlich sagte sie jenen denkwürdigen Satz: „Gegen Gefahren aus dem weltweiten Gewebe hilft letztendlich nur eins: Medienkompetenz.

Es sind Sätze wie dieser, die Medienpädagoge Jöran Muuß-Merholz aufregen. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie Erwachsene und Kinder mit Medien umgehen lernen sollen. Mittlerweile distanziert er sich zunehmend von dem Buzzwort. „Wenn Medienkompetenz gesagt wird, werden damit Debatten abgekürzt: Medienkompetenz würde helfen. Dann hätte der Schüler keinen Amoklauf begangen. Dahinter stehen natürlich bei diesem Amokläufer ganz andere Dinge, aber ganz sicher hätte ein Medienkompetenzkurs ihn nicht davon abgehalten Amok zu laufen.“

Hinter diesen Debatten, da ist sich Muss-Meerholz sicher, stehen eigentlich oft größere Fragen, auf die unsere Gesellschaft noch keine Antwort hat, auch noch gar nicht haben kann. Denn die technische Entwicklung ist immer einen Schritt voraus. Der Wandel in die digitale Gesellschaft hinein findet gerade statt – schneller, als wir es begreifen können, um die passenden Richtlinien auszuhandeln.

Medialer Umbruch verändert die Gesellschaft

Dass dieser Umbruch derzeit dabei ist, unser Leben und unseren Alltag rasant zu verändern, beobachtet auch Medienwissenschaftlerin Lisa Rosa. „Dieser Leitmedienwechsel ist vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, nur viel schneller und radikaler als damals“, sagt sie. „Beim Buchdruck hatte die Gesellschaft ein paar Jahrzehnte Zeit sich anzupassen. Heute geschieht das alles innerhalb von wenigen Jahren.“

Doch gerade politische Entscheider scheinen diese Veränderungen noch nicht wirklich zu begreifen. Dass das Internet unser Leben, Arbeiten, Lernen und Zusammenleben wohl für immer verändern wird, ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen meint Jöran Muuß-Merholz: „Die Debatte hapert oft daran, dass Medien immer noch als ein Sonderfall von Welt gesehen werden. Hier ist die richtige Welt und dann gibt es mal den Fall Medien, die in die richtige Welt reinkommen. Wenn wir jetzt aber spätestens in den nächsten Jahren alle mit einem Smartphone in der Tasche rumlaufen und das Internet und der Computer ständig bei uns ist, dann funktioniert diese Trennung nicht mehr.“

Auch Lisa Rosa kritisiert die Unterscheidung zwischen „echter Welt“ und „Internet“. Für sie ist ein Medium nicht nur ein Gerät oder ein Inhalt in einem beliebigen Container, sei es eine Website, ein Videobeitrag oder ein Zeitungsartikel. „Das Leitmedium, in dem die Kultur spielt, ist der Lebensraum, in dem der Mensch sich als Mensch realisieren kann in der Gesellschaft. Und deswegen spielt sich eigentlich das gesamte Leben da ab.“

Qualifikation ist nicht gleich Kompetenz

Doch wie jeder Lebensraum braucht es auch in einem Leitmedium Konventionen, gesellschaftliche Spielregeln, die das Zusammenleben dort regeln und ordnen. Die Politik ist redlich bemüht, diese zu entwickeln und die Bürger an die Regeln zu gewöhnen. Mit „Internet-Führerscheinen“, Medienkompetenztrainings und „Internet-Seepferdchen-Kursen“ für Kinder sollen Heranwachsende und Große lernen, „richtig“ mit dem Netz umzugehen.

Doch allzu oft begehen die so Bemühten einen folgenschweren Fehler: Sie verwechseln Qualifikation mit Kompetenz. „Eine Qualifikation ist relativ deutlich zu definieren,“ erklärt Jöran Muuß-Merholz, „da gibt es ein bestimmtes Problem oder eine Aufgabe und mit der Qualifikation bin ich in der Lage dieses bestimmte Problem zu lösen. Kompetenz heißt aber, dass ich von mir aus etwas entwickele an Wissen und Einstellungen. Dass ich mir Fähigkeiten aneigne, die mir helfen Probleme zu lösen, von denen ich heute noch gar nicht weiß, dass ich sie einmal haben werde.“

Für Lisa Rosa ist daher das einzige, was Sinn macht, zusammen mit den neuen Generationen im Netz zu leben und dort gemeinsam die neuen Standards zu entwickeln, die dort gelten sollen. Ein frommer Wunsch und eines der Hauptprobleme der Politik heute, die noch viel zu selten mit dem Internet und den sich dort entwickelnden Kulturen in Berührung kommt.

Der Titel dieses Blogposts ist dem Titel des re:publica-Panels von Medienpädagoge Jürgen Ertelt entliehen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Daniel Bröckerhoff

Autorenbild

Freier Journalist, TV-Reporter, Autor und Regisseur für Fernsehen und Online.
Alle Beiträge von Daniel Bröckerhoff anzeigen