Medienkompetenz? WTF?!

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Für Politiker ist es Totschlagargument, wenn alles andere versagt, aber dringend etwas gesagt werden muss. Doch Medienwissenschaftler und -pädagogen wehren sich zunehmend gegen das Modewort „Medienkompetenz“ und ringen um eine gültige Definition.

Es war die Aktuelle Stunde im Bundestag nach dem Amoklauf von Winnenden. Petra Pau (Die Linke) trat ans Rednerpult und versuchte, die möglichen politischen Konsequenzen aus der Bluttat zu resümieren. Sie sprach über das Waffenrecht, das Schulsystem und schließlich sagte sie jenen denkwürdigen Satz: „Gegen Gefahren aus dem weltweiten Gewebe hilft letztendlich nur eins: Medienkompetenz.

Es sind Sätze wie dieser, die Medienpädagoge Jöran Muuß-Merholz aufregen. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie Erwachsene und Kinder mit Medien umgehen lernen sollen. Mittlerweile distanziert er sich zunehmend von dem Buzzwort. „Wenn Medienkompetenz gesagt wird, werden damit Debatten abgekürzt: Medienkompetenz würde helfen. Dann hätte der Schüler keinen Amoklauf begangen. Dahinter stehen natürlich bei diesem Amokläufer ganz andere Dinge, aber ganz sicher hätte ein Medienkompetenzkurs ihn nicht davon abgehalten Amok zu laufen.“

Hinter diesen Debatten, da ist sich Muss-Meerholz sicher, stehen eigentlich oft größere Fragen, auf die unsere Gesellschaft noch keine Antwort hat, auch noch gar nicht haben kann. Denn die technische Entwicklung ist immer einen Schritt voraus. Der Wandel in die digitale Gesellschaft hinein findet gerade statt – schneller, als wir es begreifen können, um die passenden Richtlinien auszuhandeln.

Medialer Umbruch verändert die Gesellschaft

Dass dieser Umbruch derzeit dabei ist, unser Leben und unseren Alltag rasant zu verändern, beobachtet auch Medienwissenschaftlerin Lisa Rosa. „Dieser Leitmedienwechsel ist vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, nur viel schneller und radikaler als damals“, sagt sie. „Beim Buchdruck hatte die Gesellschaft ein paar Jahrzehnte Zeit sich anzupassen. Heute geschieht das alles innerhalb von wenigen Jahren.“

Doch gerade politische Entscheider scheinen diese Veränderungen noch nicht wirklich zu begreifen. Dass das Internet unser Leben, Arbeiten, Lernen und Zusammenleben wohl für immer verändern wird, ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen meint Jöran Muuß-Merholz: „Die Debatte hapert oft daran, dass Medien immer noch als ein Sonderfall von Welt gesehen werden. Hier ist die richtige Welt und dann gibt es mal den Fall Medien, die in die richtige Welt reinkommen. Wenn wir jetzt aber spätestens in den nächsten Jahren alle mit einem Smartphone in der Tasche rumlaufen und das Internet und der Computer ständig bei uns ist, dann funktioniert diese Trennung nicht mehr.“

Auch Lisa Rosa kritisiert die Unterscheidung zwischen „echter Welt“ und „Internet“. Für sie ist ein Medium nicht nur ein Gerät oder ein Inhalt in einem beliebigen Container, sei es eine Website, ein Videobeitrag oder ein Zeitungsartikel. „Das Leitmedium, in dem die Kultur spielt, ist der Lebensraum, in dem der Mensch sich als Mensch realisieren kann in der Gesellschaft. Und deswegen spielt sich eigentlich das gesamte Leben da ab.“

Qualifikation ist nicht gleich Kompetenz

Doch wie jeder Lebensraum braucht es auch in einem Leitmedium Konventionen, gesellschaftliche Spielregeln, die das Zusammenleben dort regeln und ordnen. Die Politik ist redlich bemüht, diese zu entwickeln und die Bürger an die Regeln zu gewöhnen. Mit „Internet-Führerscheinen“, Medienkompetenztrainings und „Internet-Seepferdchen-Kursen“ für Kinder sollen Heranwachsende und Große lernen, „richtig“ mit dem Netz umzugehen.

Doch allzu oft begehen die so Bemühten einen folgenschweren Fehler: Sie verwechseln Qualifikation mit Kompetenz. „Eine Qualifikation ist relativ deutlich zu definieren,“ erklärt Jöran Muuß-Merholz, „da gibt es ein bestimmtes Problem oder eine Aufgabe und mit der Qualifikation bin ich in der Lage dieses bestimmte Problem zu lösen. Kompetenz heißt aber, dass ich von mir aus etwas entwickele an Wissen und Einstellungen. Dass ich mir Fähigkeiten aneigne, die mir helfen Probleme zu lösen, von denen ich heute noch gar nicht weiß, dass ich sie einmal haben werde.“

Für Lisa Rosa ist daher das einzige, was Sinn macht, zusammen mit den neuen Generationen im Netz zu leben und dort gemeinsam die neuen Standards zu entwickeln, die dort gelten sollen. Ein frommer Wunsch und eines der Hauptprobleme der Politik heute, die noch viel zu selten mit dem Internet und den sich dort entwickelnden Kulturen in Berührung kommt.

Der Titel dieses Blogposts ist dem Titel des re:publica-Panels von Medienpädagoge Jürgen Ertelt entliehen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Daniel Bröckerhoff

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Freier Journalist, TV-Reporter, Autor und Regisseur für Fernsehen und Online.
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6 Kommentare

  • Pierre Dumaine
    06.07.2011, 11:02 Uhr.

    Ja, immer wieder traurig, wenn sich Politiker hinstellen und von “Medienkompetenz” reden, selbst aber weniger Kompetenz und Qualifikation bei dem Thema haben, als jedeR ElfjährigeR. Amokläufe passieren schließlich nicht wegen mangelnder “Medienkompetenz” des Täters, sondern wegen gesamt-gesellschaftlichem Versagen. Aber es auf das Internet oder “Killerspiele” zu schieben, ist halt einfacher.

  • Jöran Muuß-Merholz
    06.07.2011, 11:19 Uhr.

    Auf der am Ende des Artikels erwähnten re:publica gab es auch eine linkwerte Podiumsdiskussion “Beyond Medienkompetenz – Wie kommt der Leitmedienwechsel in die Schulen?”
    Videoaufzeichnung -> http://www.joeran.de/beyond-medienkompetenz/

  • Prof. Eku Wand
    06.07.2011, 11:22 Uhr.

    Abenteuerlich wird es, wenn man einige Empfehlungen der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft zum Thema „Vermittlung von Medienkompetenz“ liest. Die Tatsache, dass Kompetenzen und Expertise vor allem durch aktives Handeln und der Reflexion der gemachten Erfahrungen und nicht allein durch institutionellen didaktischen Schuluntericht und die Bereitstellung von Hardware erworben werden können, sollte doch eigentlich jedem einleuchten, der aktiv an der Erziehung seiner eigenen Kinder mitwirkt oder mitgewirkt hat.

    Auf die Frage „Wo man denn eigentlich diese Expertise „Medienkompetenz“ erlangen – möglicherweise sogar professionell studieren könne?“, erntet man in der Regel nur Achselzucken – sicherlich kaum im Jura-, BWL- oder Medizinstudium. Das Mediendesign (also das Gestalten und Arbeiten mit Medien) z.B. im Studium Kommunikationsdesign an deutschen Kunsthochschulen unterrichtet wird, wissen die Wenigsten und verwechseln hierbei Gestaltung mit Freier Kunst. Freie Kunst ist in den Köpfen mancher Politiker auch eher als ein kultureller Luxus anzusehen – ergo auch Design und (Medien-)Gestaltung – der nach ihrem Denken keinerlei besonderer Pflege bedarf und einfach vom Baum fällt, wenn der Apfel reif ist. Fazit: Der universitäre Medienkompetenz-Erwerb in der professionellen Ausbildung ist weitläufig gar nicht bekannt, zumal als Disziplin mit Freier Kunst verwechselt und wird deshalb auch nicht ausgebaut und gefördert, sondern bestenfalls gekürzt und eingespart.

    Wenn deutsche Politik (aktuell in Niedersachsen) mit ihrem Sparkurs aber gerade in diesem Bildungsbereich so weitermacht (leider mussten wir auch im Rahmen des Hochschul-Optimierungsgesetzes 2004 sämtliche medienaffine Lehramtsstudiengänge einstellen), dann ist es nicht weiter verwunderlich, dass hierzulande kein medienkompetenter Nachwuchs reifen und nachwachsen kann und die Defizite für unsere mediengesellschaftliche Zukunft damit auch immer größer werden.

    Schizophrenie – wer Kinder in die Welt setzt, sollte ihnen eine unabhängige Entwicklung, Erziehung und Ausbildung ermöglichen, aus der heraus diese eigenverantwortlich und bewusst in der Lage sind, ihre (gesellschaftliche) Zukunft gestalten zu können.

    Der Verweis der Politik an Bildungseinrichtungen verstärkt auf Drittmittel und Expertise aus Medien und Industrie zu setzen, die sich jedoch davon in erster Linie billige Arbeitskräfte versprechen und damit bestenfalls eine Konkurrenz für Studienabsolventen schaffen, klingt wie Kinderarbeit ab 10 Jahren, weil das Unternehmen Familie Pleite ist! Gute Nacht auch!

  • Karl-Heinz Petersen
    06.07.2011, 15:42 Uhr.

    Ja, verehrter Pierre Dumaine, so einfach ist das! Vor allem in Ihren Vorstellungen und in denen vieler anderer. Kommt jemand mit etwas nicht klar: Schule und Poltik hat versagt. Leben Menschen in virtuellen Scheinwelten: Wo sind staatliche Maßnahmen dagegen? Und der Gipfel (siehe Pierre Dumaine): Läuft jemand Amok, ist das die Schuld der Gesellschaft, also derer, die Opfer des Amoklaufes werden! Über soviel Unfähigkeit zu (möglicherweise) angebrachter Selbstkritik und Eigenverantwortung der “Erziehungs”berechtigten, kann ich nur den Kopf schütteln. Alle verabscheuen diesen Staat, seine Politiker und die dort Beschäftigten (meist als Bürokraten), bei jedem individuellen Problem wird indes von den gleichen Menschen nach diesem “verhassten” Staat gerufen. Merken Sie eignetlich nicht, wie doppelzüngig und unerlich Ihre Argumentation ist!?

  • Marks
    07.07.2011, 00:12 Uhr.

    Aus meiner Sicht ist jemand “Medienkompetent”, wenn er die zugrundeliegende Technologie im Prinzip verstanden hat. Das gehört dazu, damit man weiß was da passiert (wie Anonym bin ich wirklich?) und sich entsprechend verhalten kann. Das hätte einen Amoklauf nicht verhindert – im Gegenteil: Ein Amokläufer mit Medienkompetenz ist sogar in der Lage sich nicht im Internet ausversehen zu verraten.

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