Jetzt endlich auch wissenschaftlich belegt: „Don’t feed the trolls“

Ein Troll von vielen, (Foto: chillihead; Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Ein Troll von vielen, (Foto: chillihead; Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Wer das Wesen des Trolls verstehen will, der muss sich an Goscinny und Uderzo halten. Keine andere Kunstfigur steht so sehr für die Geißel der Foren und Kommentarspalten wie Tullius Destructivus aus dem Asterix-Band „Streit um Asterix“, der bösartige kleine Mann, dessen bloße Anwesenheit alle seine Mitmenschen miteinander in Streit geraten lässt, und den die Römer darum als Geheimwaffe gegen das gallische Dorf einsetzen. Nur, wie wird man mit ihm fertig?

Tullius Destructivus sät Zwietracht nicht etwa nur, weil es sein Auftrag ist; nein, es entspricht ganz schlicht seiner Natur, die ihn eine diebische Freude empfinden lässt, sobald alles um ihn herum in Keiferei und Keilerei versinkt.

Der Vorwurf, ein anderer Kommentator sei ein Troll wird in Blogs und Foren täglich unzählige Male erhoben. Ob immer zu Recht ist natürlich oft schwer zu beurteilen. Wenn jemand im EMMA-Forum einen seit Monaten laufenden Thread zur Debatte zwischen Jung- und Altfeministinnen im 299. Kommentar mit dem neuen Betreff „Benachteiligungen von Männern“ versieht und anmerkt: „Interessant ist übrigens, dass viele der hier schreibenden Foristinnen die Privilegien von Frauen ebenso verteidigen wie dies die Männer zu Beginn des Kampfes von Frauen um Gleichberechtigung getan haben!“, ist das dann ein erfrischender neuer Blickwinkel, oder will da ein Troll Krawall anzetteln?

Probleme bei der Troll-Definition

Wo sortiert man das mutmaßliche Treiben eines deutschen Verlagsmanagers im Blog von Stefan Niggemeier ein? Der Gebrauch von vielen verschiedenen Identitäten, den so genannten Sockenpuppen, wäre zwar trolltypisch gewesen: Doch wer will letztlich sagen, ob es ihm nicht tatsächlich um die Sache, nein, um die vielen, vielen Sachen ging, auf die er in seiner Off-Topic-Kommentarflut so zu sprechen kam. Die Grenze zwischen dem narzisstischen Versuch eine Diskussion an sich zu reißen und der bewusst-destruktiven Störung der Kommunikation anderer ist schwer zu ziehen.

Wer der Troll ist, was er will, und wie man am besten mit ihm umgeht, das sind darum auch die Fragen, die sich die Linguistin Claire Hardaker von der britischen University of Central Lancashire gestellt hat. In einer Studie, die kürzlich im Journal of Politeness Research veröffentlicht wurde, hat sie die Kommentarstränge in einem Online-Forum für Pferdefreunde untersucht. Sie suchte dort unter den Wortmeldungen aus neun Jahren (immerhin 172 Millionen Wörter) nach Stellen, an denen sich Diskutanten über das Wirken angeblicher Trolle beschwerten, und betrachtete diese Gesprächsfäden eingehender.

Daraus abgeleitet hat Hardaker eine Definition des Trolls als jemand, „der die Identität konstruiert, aufrichtig Teil der in Frage stehenden Gruppe sein zu wollen, der dabei auch pseudo-aufrichtige Absichten bekundet oder vermittelt, dessen wahre Absicht(en) es aber ist/sind Unfrieden zu stiften und/oder zum Zwecke des eigenen Amüsements Konflikte auszulösen oder anzuheizen.“ So lässt er sich etwa vom Flamer, dem aggressiven Pöbler abgrenzen, eine Unterscheidung die sonst oft verwischt wird.

Don’t feed the trolls

Und auch eine Art Handlungsanweisung für den Umgang mit Trollen hat Claire Hardaker zu entwickeln versucht. Ihr (nicht völlig überraschendes) Ergebnis: Trollen kann ihr Tun am effektivsten verleidet werden, wenn sie von den anderen Usern als solche erkannt und benannt, aber ansonsten ignoriert werden. „Don’t feed the trolls“ ist eben nach wie vor die goldene Regel. Aufrichtige Antworten auf die unaufrichtigen Diskussionsanstöße des Trolls dagegen sind, man hat es sich ebenfalls bereits gedacht, das sicherste Mittel ihn bei der Stange zu halten.

Was einen User zum Troll werden lässt, dazu gibt eine weitere aktuelle Untersuchung einige Hinweise. Der Studie der US-amerikanischen Northwestern University zufolge, können sich Internetnutzer an ihrer Anonymität im gleichen Maße berauschen, wie das etwa mit Alkohol oder durch Machtausübung geschehen kann. Die enthemmende Wirkung ist psychologisch und neurologisch durchaus vergleichbar, glaubt man den Psychologen Jacob B. Hirsh und Adam Galinsky. Das, so sagen die Forscher, schlage sich dann entsprechend auch in Verhaltensänderungen nieder. Extreme Einstellungen, vor allem antisoziale Positionen träten offen zu Tage. Allerdings könne die Anonymität auch das entgegengesetzte Extrem befördern: Ein ausgeprägt sozialverträgliches Verhalten.

Der Schein-Troll

Vielleicht fällt in diese Kategorie ja auch der so genannte „Schein-Troll“, den Claire Hardaker noch ausgemacht haben will. Der Schein-Troll zeigt in Foren scheinbares Troll-Verhalten, dabei geht es ihm in Wahrheit aber nicht um die Störung der Kommunikation, sondern im Gegenteil um eine Stärkung des Gruppenzusammenhalts. Das deckt sich gut mit einigen Punkten, die Sascha Lobo auf der republica 11 in seinem Vortrag über „jüngste Erkenntnisse aus der Trollforschung“ formuliert hat (wobei Forschung in diesem Fall hieß: Beobachtungen in seinem eigenen Blog).

Lobo stellte nämlich die Behauptung auf, der Troll festige in der Reaktion auf ihn die sozialen Strukturen der Restgruppe von Kommentatoren und stelle sozusagen den evolutionären Druck her, der die Community stärker und überlebensfähiger mache. „Gruppen, die von Trollen attackiert werden,“, so die Lobo-These „entwickeln einen wesentlich höheren Zusammenhalt.“ Insofern hätte der Troll dann doch eine sehr nützliche Funktion, was bei allem Kopfzerbrechen, das er Community-Managern bereitet, vielleicht ein kleiner Trost ist. Und außerdem: Tullius Destructivus hat das kleine gallische Dorf ja auch nicht kleingekriegt.

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Autor: Niklas Hofmann

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Niklas Hofmann ist freier Journalist und lebt in Berlin. Er arbeitet u.a. für die Süddeutsche Zeitung, den Elektrischen Reporter und die Deutsche Welle.
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