Nichts weniger als die Zukunft YouTubes

YouTube

 

Von Markus Hündgen

Die weltgrößte Videoplattform steht vor einem Kurswechsel. 2005 als Plattform für Video-Jedermann gestartet, sind mittlerweile professionelle Videomacher in den Fokus YouTubes gerückt. Trotzdem möchte die Google-Tochter Nutzer der ersten Stunde nicht vergrätzen.

Als vor sechs Jahren YouTube-Mitgründer Jawed Karim das erste Video einstellte, war die Marschrichtung klar. Auch heute noch gilt der Gründungsgedanke: „Du bist der Star“. Wettbewerbe wie der seit 2007 veranstaltete „Secret Talents Award“ möchten den Nachwuchs mehr Öffentlichkeit geben. Doch nirgendwo sonst zeigte sich das Dilemma YouTubes deutlicher, als bei der Finalshow vergangene Woche in Köln.

Gelungene Show ohne das gewisse Etwas

Wer die Show vor Ort oder per Livestream mitverfolgte, bekam das neue YouTube zu Gesicht. Ein haargenau durchgeplantes Programm, viele bekannte YouTube-Gesichter und den einen oder anderen Promi, Fernsehtechnik wie zur Primetime. Die Veranstaltung, sie wirkte rund. Und glatt. Vielleicht ein Stück zu glatt. Als der Bassist der Gruppe „Blockheads“ kurzzeitig die Bühne wechselt und den Fans zuwinkt, spielt der Bass weiter. Vom Band. Playback lässt nur wenig Raum für musikalische Eigenheiten.

Als „DJ der guten Laune“ ist der Kölner DJ Christian Horsters in die Annalen YouTubes eingegangen. Während des Talents Awards sollte er zehn Minuten lang für gute Laune sorgen. Er gab sich sichtlich Mühe. Doch der Funke wollte nicht überspringen. Das, was auf dem zufällig gefilmten Webvideo für mehr als vier Millionen Zuschauer sorgte, fehlte beim bestellten Spaß-Auftritt. Authentizität, Improvisation – die wahren Stärken eines guten Webvideos lassen sich nicht auf Knopfdruck in die Kohlenstoffwelt übertragen.

Strategie: Mehr Aufmerksamkeit

Mit dem Wettbewerb verfolgt YouTube eine klare Strategie. „Mehr Aufmerksamkeit und damit mehr Abrufe für die Teilnehmer“, erklärt Google-Pressesprecher Kay Oberbeck. Hintergrund: Mehr Abrufe bei den Videos bringen sowohl den Videomachern als auch YouTube mehr Geld in die Kasse. Verwerflich ist dies nicht. Denoch haben einige YouTuber Probleme mit den Begleiterscheinungen.

Alte und neue Zeiten

„Ich vermisse ein bisschen die alten Zeiten“, sagt einer der großen deutschen YouTuber hinter vorgehaltener Hand. „Da war der eine noch für den anderen da. Jetzt sind viele Einzelkämpfer unterwegs.“ Der Nachwuchs sieht das ähnlich: „Es ist ein bisschen so, als wenn YouTube seine Richtung verliert“, meinen die Jungs von wavetimeinc.

Ganz auf Kurs hingegen sieht Stefan Keuchel, Pressechef Google-Deutschland, den Videoableger. „Bei YouTube sind weiterhin die Nutzer die Stars, sagt er. „YouTube ist kein Inhalteproduzent. Im Gegenteil: Wir fördern unsere Nutzer.“ So wie der Untertitel des Secret-Talents-Wettbewerbs schon verdeutlicht: “We make Stars”. Wir machen Stars. Abzuwarten bleibt dennoch, was YouTube mit dem Kauf der US-Webvideo-Schmiede “Next New Networks” vorhat.

Dass der eingeschlagene Weg nicht jedem gefalle, sei nachvollziehbar. „Wir möchten aber niemanden zurücklassen.“

Zwei Welten in einer

Hinter verschlossenen Türen geht es derweil mit großer Geschwindigkeit um die Professionalisierung der Inhalte. Bis jetzt sind mit Partnern, also Nutzern mit besonderem Status, kleine Workshops und Gespräche dazu gelaufen. Mittlerweile lädt YouTube auch zu Einzelgesprächen über eine „gemeinsame Zukunft“.

Und diese scheint zweigeteilt zu sein: Neben den nutzergenerierten Inhalten entwickelt sich YouTube zur Abspielstation für professionelle, oft auch zweitverwertete Videos. Unternehmen entdecken die Plattform für ihre PR-Filme, die ersten Hollywood-Studios haben bereits Partnerschaften unterzeichnet, mehr und mehr unabhängige Produktionsfirmen verlagern ihr Geschäft ins Internet und exklusiv auf YouTube.

Eine Frage der Zukunft

48 Stunden neues Videomaterial werden jede Minute bei YouTube hochgeladen. Drei Milliarden Minuten Videos werden täglich geschaut. Wie viele Minuten von normalen Nutzern stammen und welchen Anteil professionelle Videos am Zahlenkuchen haben, ist Verschlusssache.

YouTubes Zukunft hat erst begonnen. Bleibt zu hoffen, dass die Vergangenheit nicht allzu schnell vergessen wird.

P.S.: Der Gewinner des „Secret Talents Awards“ 2011.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Markus Hündgen

Markus Hündgen - Videopunk

5 Kommentare | 12. Juni 2011 | 19:17 Uhr | Twittern | Facebook

5 Kommentare

  1. Genialer Beitrag kann dem nur so zustimmen. :)

    Malte G | 12. Juni 2011 | 21:40 | Antworten
  2. Als ich mich letzthin bei diesem Videoportal einloggen wollte, um einen weiteren Film, meinen fünften, hochladen wollte, verlangte dieses, ich solle mich bei Google registrieren, um mein Konto weiter nutzen zu können.
    Hallo?
    Jetzt habe ich bei diesem Videoportal kein Konto mehr, sondern meine Filme sind bei “dailymotion” zu finden, einem weniger bekannten, aber unabhängigen, in Frankreich beheimateten Videoportal mit deutlich faireren AGBs.
    Meine Zukunft ist youtubelos.

    Chris | 12. Juni 2011 | 23:22 | Antworten
    • … um einen weiteren Film, meinen fünften, hochzuladen,…

      Chris | 12. Juni 2011 | 23:23 | Antworten
  3. Gut gemacht, Guys!

    fritz7000 | 13. Juni 2011 | 00:23 | Antworten
  4. Link: YouTubes Livestreaming vor dem Aus?

    [...] Zu besonderen Veranstaltungen, z.B. in Deutschland die hauseigene Talentshow „Secret Talents“, überträgt der Konzern eine Livesendung ins Internet. Seit April 2011 steht diese [...]

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