Instant E-Books: Eilige Sachbücher verändern den Buchmarkt

Buchtitel (Screenshot RandomHouse.com)

Von Tobias Moorstedt

Im 21. Jahrhundert wird Geschichte in Echtzeit geschrieben: Genau sieben Tage oder 144 Stunden nachdem ein Spezialkommando der US-Navy Seals Osama Bin Laden in seinem Versteck in Pakistan erschossen hatten, erschien auf Amazon.com das Buch „Beyond Bin Laden: America and the Future of Terror“, das, so der Verlag Random House, endlich eine Antwort geben sollte auf die Frage: Was ist genau passiert? Und was kommt als Nächstes auf uns zu? „Beyond Bin Laden“ ist das eiligste Sachbuch seit Erfindung der beweglichen Lettern. Ein „Instant E-Book“.

Sieben Tage, 144 Stunden – ist das genug Zeit, um die lange Karriere von bin Laden und den zehn Jahre lang währenden „War on Terror“ abschließend zu analysieren? Das Buch zu 1,99 Dollar ist für Kindle, iPad und Co. verfügbar und enthält unter anderem Aufsätze von dem ehemaligen US-Außenminister James Baker, Karen Hughes, einer engen Beraterin von George W. Bush und anderen prominenten Autoren.

Die Entstehung einer neuen Art

Der Inhalt dieses Instant E-Books verändert nicht unbedingt die Sicht auf das Thema. Das Format aber hat das Potential, das Mediengeschäft kräftig durcheinander zu wirbeln. Die Kombination von Textverarbeitung, E-Mail, digitalem Satz und Download-Plattformen für elektronische Druckwerke „gibt den Verlagen die Möglichkeit, ihre Bücher genauso schnell zu produzieren und zu vertreiben wie Magazine oder Zeitungen“, sagt Kent Anderson, von der Society for Scholarly Publishing, “wir erleben einen wichtigen Moment der Hybridisierung.“ Die Entstehung einer neuen Art.

Herausgeber Jon Meacham, ehemaliger Chefredakteur von Newsweek, Pulitzer-Preisträger und Autor der so genannten alten Schule, klingt selbst ein wenig verwundert, wenn man ihn fragt, wie er es geschafft hat, in wenigen Tagen ein Buch zusammen zu stellen: „Wir haben einfach ziemlich viele E-Mails rumgeschickt und die Leute um Beiträge gebeten.“ In einer Talkshow verglich er den kurzen Produktionsprozess mit einem biblischen Wunder: „Jesus hat nur drei Tage gebraucht um von den Toten aufzuerstehen.“ Das ist natürlich ein Witz, der zeigt, dass auch Meacham, mit der neuen, schnellen Buch-Form noch fremdelt.

„Instant E-Book“ – klingt das nicht nach Instant Coffee, nach Fertiggerichten ohne frische Zutaten und liebevolle Zubereitung? Das Buch hingegen lässt sich auf dem Weg vom Autor zum Leser besonders viel Zeit; seine aufwendige, langwierige und auch ein wenig heilige Produktion, das Setzen, Drucken, Lagern, Liefern erzeugt eine autoritäre Aura, die fester Teil des Produkterlebnisses ist. Der Leser, der den schweren Papierquader in der Hand wiegt, hat das Gefühl (oder die Hoffnung?), dass sich der Autor bei der Anordnung der Informationen und Wörter ebenso viel Zeit gelassen und Mühe gegeben hat, wie die imaginären tintenschwarzen Handwerker in der Druckerei. Die fehlende Aktualität des Buches war schon immer das beste Argument für seine Substanz.

Schwerelose Instant Books

Das unsichtbare, schwerelose „Instant Book“, das sich kurz nach dem Ereignis, das es beschreibt, auf dem Lesegerät materialisiert, kann natürlich mühelos in die Klagen über den Verfall und der Zerstreuung eingeordnet werden. Früher, schreibt zum Beispiel Nicholas Carr in seinem berühmten Essay „The Shallows“, sei man in ein Buch abgetaucht wie in den tiefen Ozean. Im Internetzeitalter fühle er sich dank der vielen Mails, Nachrichtenalarme und Google-Suchen als rase er in einem Schnellboot über die Wasseroberfläche.

Ist das „Instant Book“ also nun die Kapitulation der Buchbranche vor der Echtzeit-Gesellschaft, oder ein smarter Mittelweg, ein, um in Carrs aquatischer Terminologie zu bleiben, gut temperierter Pool, in dem man schwimmen und trotzdem stehen kann? „Beyond Bin Laden” ist das bislang einzige „Fertig-Buch” eines großen Verlages. Dass sich weder Random House noch deutsche Verlage zu ihren diesbezüglichen Plänen offiziell äußern wollen, ist kein Hinweis auf Desinteresse, sondern eher ein Argument dafür, dass man dort intensiv über Format, Marketing und Vertrieb nachdenkt und sich nicht in die Karten schauen lassen möchte.

Beschleunigung auf dem Buchmarkt

Die schnellen Bücher sind kein abgeschlossenes Sachbuch im traditionellen Sinne, sondern Lang-Reportagen, Dossiers, Essays und Materialsammlungen. Das E-Book oder das gedruckte Express-Buch könnte so zur Heimat eines neuen Textgenres werden, das detaillierter und ausgeruhter ist als ein Magazin und aktueller und zugänglicher als eine Monografie.

Gesellschaftlicher Wandel hat schließlich immer wieder neue Formate der Informationsvermittlung hervor gebracht. „Das traditionelle Sachbuch“, erklärt Michael Schikowski, Autor von „Immer schön sachlich“, „ist ein Kind der Industrialisierung”. Während in vormodernen Zeiten die Wissensvermittlung von Mensch zu Mensch erfolgte, erhöhte die rasante Technisierung und Ausdifferenzierung der Gesellschaft im späten 19. Jahrhundert das „Informations- und Orientierungsbedürfnis der Bürger“, wie Schikowski schreibt. Informationen haben wir im 21. Jahrhundert genug. Die Orientierung aber haben immer mehr Leute verloren. Vielleicht kommt das „Instant Book“ zur rechten Zeit. „Das Sachbuch“, sagt Schikowski, „war schon immer ein Text, das die Gegenwart in Worte fasst, um uns auf die Zukunft vorzubereiten.“

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

3 Kommentare | 17. Juni 2011 | 11:15 Uhr | Twittern | Facebook

3 Kommentare

  1. Bin ganz Ihrer Meinung. In dieser schnelllebigen Zeit braucht es “schnelle Medien” – auch im Buchbereich. Dieser Trend ist einfach der Spiegel zur allgemeinen gesellschaften Medien- und Gesellschaftsentwicklung. Er befriedigt den Wunsch der Konsumenten nach kompakter Information im Gewusel der Informationsvielfalt zu einem bestimmten Thema – auch wenn man diesem neuen Leseverhalten kritisch gegenüberstehen kann …

    Ein weiteres schönes Bspl. für Instantbooks: das Twitter-Buch zum Beben in Japan: http://ow.ly/5k001

    Beste Grüße
    Alexa Brandt

    Alexa Brandt | 17. Juni 2011 | 11:51 | Antworten
  2. Aktualitätsprobleme gibt es da auf jeden Fall nicht. Jetzt wird also auch noch das letzte Medium angegriffen, das vom Web 2.0 bis jetzt mehr oder weniger verschont geblieben ist. Ich kann mir gut vorstellen, das es immer Klassiker geben wird, aber der Konsum verändert sich und dadurch auch die Buchformate und wie diese geschrieben werden. Wer will da schon einen Klassiker? :)

    Micha | 18. Juni 2011 | 06:12 | Antworten
  3. Also ich kann mich mit der Idee des Instant-Buchs sehr schnell anfreunden. Es ist genau das, was mir an der heutigen Zeitung fehlt: Die tiefergehende Betrachtung eines aktuellen Ereignisses. Wenn man da auch noch die verschiedenen Beiträge mehrerer Leute findet: um so besser. Quasi mehrere, ausfühliche Zeitungsbeiträge. Noch Hintergrund-Informationen, Hinweise auf weiterführende Texte, bei Bedarf noch “Nachlieferungen” dazu – das wäre es.

    Bei wichtigen Themen wäre es genau das richtige. Längere, qualifizierte Texte. Mehrere Meinungen und Quellen. Hintergrund und Querverweise. Erläuterungen und Erklärungen zu den Ereignissen und Gründen. Schnell verfügbar, zu einem “annehmbaren” Preis.

    Michael Döring | 30. Juni 2011 | 22:55 | Antworten

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