Frankreichs Unaussprechliche: Facebook und Twitter

Frankreichs oberster Medienrat möchte die Begriffe Facebook und Twitter nicht in den Medien hören; (Foto: Julius Endert, CC BY-SA 2.0)

Frankreichs oberster Medienrat möchte die Begriffe Facebook und Twitter nicht in den Medien hören; (Foto: Julius Endert, CC BY-SA 2.0)

Wie sagt man Facebook oder Twitter im französischen Radio und Fernsehen? Gar nicht! Das jedenfalls hat Frankreichs Medienrat vor kurzem entschieden. Ein Beschluss, der für Aufruhr unter den Bloggern des Landes sorgt und dem sich nicht alle Medien bereitwillig unterwerfen wollen.

Von Lisa Louis

„Die Geschichte kommentieren können Sie auf unserem Profil des sozialen Netzwerks, auf dem man Freunde hat. Aber Achtung: Ich sagte Freunde und nicht sogenannte Followers.“ So könnten bald Ansagen im französischen Fernsehen und Radio lauten, die auf Facebook oder Twitter verweisen.

Denn Frankreichs oberster Medienrat „Conseil Supérieur de l’Audiovisuel“ (CSA) hat kürzlich verboten, die Worte „Facebook“ oder „Twitter“ in Funk und Fernsehen auszusprechen. Das käme Schleichwerbung gleich und verstoße gegen ein Gesetz aus dem Jahr 1992, so die Behörde.

Eine Entscheidung, die im Internet für Unverständnis sorgt. Sowohl außerhalb der Landesgrenzen – die New York Times bezeichnet die Entscheidung als „French Resistance“ (Französischen Widerstand) – als auch innerhalb Frankreichs. Pierre Haski beispielsweise, Gründer und Chef des Onlinemagazins Rue89, schreibt: „Indem er Radio- und Fernseh-sendern verbietet, auf Seiten wie Facebook zu verweisen, die mehr als 20 Millionen Franzosen benutzen, oder auch auf das Netzwerk Twitter, das unter Journalisten, Politikern und Technologiefans sehr beliebt ist, zeigt der CSA einmal mehr, wie realitätsfern behördliche und politische Eliten heutzutage sind.“

„Zustände wie im Iran und in Libyen“

Der bekannte Blogger Maître Eolas tweetet, dass sich Frankreich mit dem Verbot, Twitter „on air“ zu nennen, unter Länder wie Iran und Libyen einreiht! Und Benoît Raphaël, ehemaliger Chef der partizipativen News-Webseite lepost.fr, wirft dem CSA entweder Unwissenheit oder schlicht Böswilligkeit gegenüber den Medien vor, die auf die zwei Netzwerke praktisch angewiesen seien. „Ein Viertel der Franzosen diskutieren und tauschen auf Facebook Informationen aus“, schreibt er auf seinem Blog. Der CSA habe anscheinend auch nicht die Affäre um Dominik Strauß-Kahn verfolgt, bei der die Twitterkonten der Medien praktisch die einzige Möglichkeit waren, Live-Informationen aus dem Gerichtssaal zu bekommen.

Und wie reagieren französische Rundfunkmedien? Unterschiedlich. Das staatliche Fernsehen France Télévision hat in einem Rundschreiben Anweisungen an seine Redaktionen gegeben, künftig „nicht mehr diese zwei Marken zu nennen, weder innerhalb eines Beitrags noch im Laufe von Diskussionen und Moderationen. Außerdem sollte man nicht mehr auf die Facebook- oder Twitterkonten der einzelnen Sendungen verweisen.“ Stattdessen solle der Begriff ‚soziales Netzwerk’ benutzt werden.

Widerstand gegen das Verbot

Der Chef des privaten Nachrichtensenders iTele, Albert Ripamonti, hingegen widersetzt sich dem CSA-Beschluss „Twitter und Facebook sind ganz normale Medien“, sagte er in einem Interview mit der Webseite Ozap, „Wir werden sie genauso wie andere Medien weiterhin als Quellen zitieren.“

Ein Interview, auf das der Medienrat übrigens prompt reagierte – und seine Entscheidung präzisierte: Als Quelle innerhalb einer Nachrichtensendung dürften die zwei Netzwerke schon noch genannt werden, schließlich sei das keine Werbung, sondern diene der Information, sagte der CSA gegenüber dem Blog technotes.

Auch die Handhabe in den Radio-Redaktionen ist uneinheitlich. So sagt beispielsweise Nicolas Pointcaré in der Abendsendung des Privatradios Europe 1 „und nun, eine Hörerfrage“ und nicht mehr „eine Hörerfrage auf unserer Facebook-Seite“. Ein Journalist des staatlichen Infosenders France Info hingegen meint, er benutze weiterhin die Worte Facebook und Twitter. „Keiner hier käme auf die Idee, Soziale-Netzwerke-Aperitif anstelle von Facebook-Aperitif zu sagen“, sagt er.

Für Rue89-Chef Haski gibt es langfristig jedoch nur einen Ausgang der Geschichte: „Radio- und Fernsehstationen werden die CSA-Entscheidung letzten Endes entweder ignorieren, denn sie kämpfen ja schließlich um Hörerzahlen“, schreibt er. „Oder aber der Medienrat sieht, in einem Anfall von Hellsichtigkeit, schließlich selbst seinen Fehler ein und macht den Beschluss rückgängig.“ Vielleicht ergreift ja sogar Präsident Nicolas Sarkozy Partei für die sozialen Netzwerke mit dem unaussprechlichen Namen. Schließlich hat er sich erst vor ein paar Tagen auf dem eG8-Treffen sehr gerne mit einem gewissen Herrn Zuckerberg von einem dieser Netzwerke gezeigt.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Julius Endert

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Julius Endert ist freier Journalist und Autor und koordiniert das Hyperlandblog im Auftrag von heute.de. Er ist Inhaber der Journalisten-Agentur Netz-Lloyd GmbH und aktiver Gesellschafter der European Web Video Academy.
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8 Kommentare

  • Wolfgang Messer
    15.06.2011, 12:10 Uhr.

    Oh, da sind Sie offenbar unabhaengig von mir fast auf die gleiche Headline zum Thema gekommen:
    http://fastvoice.net/2011/06/10/die-unaussprechlichen/

    • Julius Endert
      15.06.2011, 12:26 Uhr.

      ja, stimmt – irgendwie war das eine naheliegende aber auch passende Formulierung.

  • MrBlack
    15.06.2011, 12:19 Uhr.

    lol, als ob es nicht andere Probleme gäbe! Die haben echt nichts zu tun… egal aus welchem Land!

    • DaveDurden
      15.06.2011, 15:14 Uhr.

      lol, ja echt! deswegen spüle ich mein Geschirr auch nicht mehr, weil ich ja andere Probleme habe und wenn man andere Probleme hat, muss man sich um die kleinen ja nicht kümmern, ne?

  • payload
    15.06.2011, 13:35 Uhr.

    das is ne richtige Entscheidung imho!

    Twitter und Facebook oder hierzulande auch *VZ bilden ein Oligopol, was durch den beschränkten Wortschatz, der auch durch die Medien mit Phrasen wie “Folgen Sie uns auf Twitter!”, gefördert wird.

    Das ist jetz mal ne Chance auch mal andere Angebote zusätzlich zu nutzen. Z.B. http://identi.ca als eine Website, die ähnlich ist zu Twitter und von der Technologie her sogar unterstützen würde, dass man Heute.de z.B. auch direkt auf http://heute.de folgen könnte, solange man einen identi.ca oder anderen Status.net Account hat.

    Zu Facebook gibt es Diaspora als zusätzliche Alternative, z.B.

  • André Wendt
    15.06.2011, 13:50 Uhr.

    Ich hab mir zu dem Thema noch keine endgültige Meinung gebildet. Aber die Beweggründe hinter dieser Entscheidung sind durchaus nachvollziehbar (siehe Dave Winers „The French really get this one right” — http://scripting.com/stories/2011/06/06/theFrenchReallyGetThisOneR.html).

    Diesen Aspekt vermisse ich ehrlich gesagt ein wenig in einem Blog vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

  • Name
    15.06.2011, 19:00 Uhr.

    Ich finde so ein Verbot konkreter Firmennennungen sympathisch — ein einfaches “Wege zur Kontaktaufnahme finden Sie auf unseren Webseiten” mit dortigen Verweisen auf Twitter, Google oder wen auch immer sollte es auch tun – und ist letzlich weit transparenter, als die Schleichwerbung beiläufiger Kommentare.

  • Merlino
    19.06.2011, 11:36 Uhr.

    ich finde es schwach, Kommentare zu diesem Beitrag zu schreiben, die nur die eigene Meinung wiedergeben, sich aber nicht mit den Fakten beschäftigt, also mit den Gesetzen.
    1. Schleichwerbung ist verboten, auch in Frankreich
    2. Fakt ist aber auch, dass Schleichwerbubng nur vorliegt, wenn es dafür eien Gegenleistung des Beworbenen gibt, also Bezahlung oder eine andere Leistungen.
    3. Ich bin mir nicht im Klaren, welche Befugnisse auf rechtlicher Grundlage der Medienrat in Frankreich hat. Jedoch stellt dieses Verbot eine glasklare Zensur der Medien dar, denn auch in Frankreich gibt es eine Presse- und Medienfreiheit in der franz. Verfassung.
    4. Sollte es gesetzliche Befugnisse für den Medienrat geben, ein solches Verbot einzufphren, müsste man sich dieses Gesetz einmal ansehen, was die Grundlage dafür ist. Denn Gesetze, die gegen die Verfassung “verstoßen”, dürfen nur in ganz speziellen Fällen erlassen werden, wenn es dazu ganz besondere Gründe gibt – zum beispiel die Verletzung anderer Grundrechte, wenn es diesen Ausnahmefall nicht gäbe. Welches Grundrecht dann mehr wiegt, bleibt der Beurteilung durch den gesetzgeber und die Verfassunggerichte überlassen.
    5. Wir sollten von deutscher Seite gesehen aufhören, die “Sitten & Gebräuche” (Gesetze) zu beurteiklen, da wir sie immer nur durch unsere “deutsche Brille betrachten”. Was wäre, wenn es in Frankreich keien Oressefreiheit gäbe und das für die Franzosen ganz normal wäre? Hätten wir dann ein recht, uns darüber aufzuregen? Darüber, dass es keine Presefreiheit gäbe ganz sicherlich!! Aber düfür wären wir mit unserer Aufregung zum Anlass dieses Verbotes reichlich spät dran!
    6. Wenn facebook, Twotter & Co verbioten werden weil es Schleichwerbung sei, müsste konsequenterweise auch die nennung jeder anderen Unternehmen verboten werden. Also kein Air France, Renault, Lufthansa, Google mehr. Selbst Wikipedia wäre verboten…

    Ich persönlcih halte die Entscheidung des französichen Medienrates für falsch, weil es einfach zum üblichen Sprachgebrauch gehört, Internetseiten beim namen zu nennen.

    Merlino
    Merlino

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