„Das Auslieferungsverfahren hat Assange zugesetzt“

Julian Assange seit sechs Monaten unter Hausarrest; (Foto: stiksa; Quelle: Flickr CC BY-SA 2.0)

Julian Assange seit sechs Monaten unter Hausarrest; (Foto: stiksa; Quelle: Flickr CC BY-SA 2.0)

von Fiete Stegers
Seit sechs Monaten unter Hausarrest: WikiLeaks-Gründer Assange wartet auf dem englischen Landgut Ellingham Hall auf die Entscheidung der Justiz, ob er nach Schweden ausgeliefert wird. Das Auslieferungsverfahren sei nicht spurlos an Assange vorbeigegangen, sagt WikiLeaks-Kenner Holger Stark. Er hält WikiLeaks trotzdem weiterhin für arbeitsfähig – auch wenn sich an den „Strukturen wie bei einer kleinen Bürgerinitiative“ einiges ändern müsse.

„Das ganze Prozedere um die Frage, ob er ausgeliefert wird, hat Assange erkennbar zugesetzt“, meint Holger Stark. Stark ist einer der Autoren des Buchs „Staatsfeind WikiLeaks“ und hat als „Spiegel“-Redakteur intensiv mit Assange zusammengearbeitet. „Vor ein paar Tagen habe ich das letzte Mal mit ihm gesprochen, als er sich wegen einer Recherche bei mir gemeldet hat. Persönlich getroffen habe ich ihn zuletzt Anfang des Jahres, als wir Ellingham Hall besucht haben, wo er sich derzeit aufhält.“

Gezwungenermaßen – eine elektronische Fußfessel überwacht die Einhaltung des Hausarrests während des laufenden Auslieferungsverfahrens. Gerade weil sich das juristische Verfahren hinziehe, müsse sich Assange inzwischen nicht mehr ausschließlich „mit der Frage seines persönlichen Schicksals beschäftigen“, sagt Stark. „Jetzt hat er auch wieder Kraft und Kapazitäten, mit WikiLeaks weiterzumachen.”

Ellingham Hall ist eine Art Hauptquartier von WikiLeaks

“Mittlerweile ist Ellingham Hall eine Art Hauptquartier von WikiLeaks geworden.“ Dort habe sich ein neues Kernteam zusammengefunden. Dazu gehören laut Stark neben alten australischen Bekannten von Assange und dem isländischen Journalisten Kristinn Hrafnsson, der seit Anfang 2010 dabei ist, auch neue Programmierer. Letzteres war auch dringend notwendig: Im Herbst 2010 hatten der deutsche Informatiker Daniel Domscheidt-Berg und wichtige technische Mitarbeiter WikiLeaks im Streit mit Assange verlassen. Von außen betrachtet schien WikiLeaks in den vergangene Monaten nur noch bedingt produktiv.

„In Teilen trügt da der deutsche Blick auf WikiLeaks“, widerspricht Stark. „In den letzten Monaten sind die diplomatischen Depeschen in sehr viele Länder verteilt worden. In Lateinamerika, in Asien, in Indien oder Osteuropa hat WikiLeaks mit diversen Medien kooperiert und dort eine Reihe von lebhaften politischen Diskussion ausgelöst. Teilweise hat das bis zur Abberufung von amerikanischen Botschaftern geführt.“ Dieses Aufsplitten der Informationen aus den rund 250.000 WikiLeaks vorliegenden Dokumente der US-Botschaften in „nationale Tranchen“ sei auch keine Notlösung oder Strategieänderung bei WikiLeaks, sondern von Anfang an mit dem „Spiegel“, der „New York Times“ und den anderen Medienpartnern so vereinbart gewesen, sagt „Spiegel“-Redakteur Stark. Auch die Veröffentlichung der Guantanamo-Akten im April sei ein Beweis für die Arbeitsfähigkeit von WikiLeaks.

Grundpfeiler der Enthüllungsplattform ist weiterhin offline

Doch ein Grundpfeiler der Enthüllungsplattform ist weiterhin offline: Das System, mit dem Informationen eingereicht werden können, ohne dass der Weg zum Informanten zurückverfolgt werden kann. „Nach allem, was ich weiß, wird daran mit Nachdruck gearbeitet. Dass es für die weitere Arbeitsfähigkeit von WikiLeaks entscheidend ist, das System zu reparieren, mit dem vertrauliche Dokumente über die Website eingereicht werden können, ist klar“, sagt Stark.
Die große öffentliche Aufmerksamkeit im Herbst 2010 und die Vorwürfe gegen die Person Assange machen für Stark aber deutlich, dass vor allem WikiLeaks seine internen Strukturen der veränderten öffentlichen Aufmerksamkeit anpassen müsse: „In vielen Punkten erinnert es immer noch an eine kleine Bürgerinitiative mit einem charismatischen Sprecher an der Spitze. Ein Projekt dieser Größenordnung sollte aus meiner Sicht auf breitere Füße gestellt werden. Ob Assange dazu bereit ist, ob die Organisation dazu bereit ist, wird sich zeigen.“

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1 Kommentar | 08. Juni 2011 | 06:00 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. Hoffentlich kommt Herr Assange schnell wieder frei. Er hat soviel für die Möglichkeit der freien Meinungsbildung getan.
    Ein mutiger Mann…

    Tim | 8. Juni 2011 | 21:58 | Antworten

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