Wie Facebook die Konkurrenz auffrisst

Anderen sozialen Netzwerke erscheint Facebook wie ein Raubtier; Foto: Pelican; Quelle: Flickr:  CC BY-SA 2.0

Anderen sozialen Netzwerke erscheint Facebook wie ein Raubtier; Foto: Pelican; Quelle: Flickr: CC BY-SA 2.0

von Jens Schröder
Sie waren die großen deutschen Internet-Hypes der Jahre 2006 bis 2009: Soziale Netzwerke wie StudiVZ und wer-kennt-wen lehrten der amerikanischen Konkurrenz hierzulande das Fürchten und zogen mit ihren Nutzerzahlen selbst an Massenmedien wie Bild.de und Spiegel Online vorbei. Doch die Zeiten sind vorbei. Der US-Gigant Facebook trat auch in Deutschland einen unbeschreiblichen Siegeszug an und frisst die Nutzerzahlen von StudiVZ & Co. Stück für Stück auf. Eine Bestandsaufnahme des Community-Marktes.

Goldgräberstimmung bei Netzwerken

Es grenzte an Größenwahn, als sich “Der Spiegel” im September 2006 als erste große Mainstream-Publikation mit sozialen Netzwerken beschäftigte und StudiVZ-Gründer Ehssan Dariani zu Protokoll gab: „Die Sender können einpacken. Früher haben die [Studenten] beim Essen rumgezappt, heute klicken sie sich lieber durch die Profile in der Community.“ Und beim Erreichen der Eine-Million-Nutzer-Marke sei StudiVZ für „für Werbekunden attraktiver als RTL“. Nun. Selbst beim Erreichen von mehr als 10 Millionen Nutzern erzielten die VZ-Netzwerke (SchülerVZ und MeinVZ ergänzten StudiVZ nach einiger Zeit) nur einen Bruchteil der Werbeumsätze von RTL. Dennoch: Die folgenden zwei Jahre sollten bei den deutschen sozialen Netzwerken eine unglaubliche Goldgräberstimmung auslösen.

Mehr als 460 Millionen Visits, also Website-Besuche, zählte die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) im Oktober 2009, dem Höhepunkt der VZ-Euphorie, für die drei VZ-Netzwerke. In rund vier Jahren wurde das 2005 gegründete Unternehmen zur beliebtesten Web-Plattform Deutschlands. Selbst Giganten wie T-Online mit seinen zahlreichen Websites wurden beim Traffic zeitweise überflügelt. Kein Wunder, dass sich schon 2007, als die Pfeile steil nach oben zeigten, ein Medienhaus wie Holtzbrinck das Unternehmen gesichert hatte.

Die Wende kam im Frühjahr 2010

Doch nicht nur die VZ-Netzwerke wurden zum Massenphänomen. Auch wer-kennt-wen (wkw), das später von RTL übernommen wurde, und die Lokalisten, das inzwischen zum TV-Konkurrenten ProSiebenSat.1 gehört, feierten Nutzer-Rekorde. Auf mehr als 180 Mio. Visits kam wkw im März 2010, auf immerhin mehr als 43 Mio. die Lokalisten im Oktober 2009. Diese Zeit, der Herbst 2009, das Frühjahr 2010, sah gleichzeitig das Ende der Euphorie in der deutschen Netzwerk-Szene. Denn aus Kalifornien schwappte in diesen Monaten der Facebook-Hype endgültig auch nach Deutschland herüber. Und zwar mit gigantischem Tempo. Gab es im Sommer 2009 rund 3,5 Mio. aktive Facebook-Nutzer in Deutschland, sind es inzwischen fast 18,5 Mio. Wohlgemerkt: Aktive Nutzer, also Facebook-Mitglieder, die das Netzwerk mindestens einmal im Monat nutzen. Eine unglaubliche Zahl.

In Sachen Traffic ist Facebook im Spätsommer 2009 erstmals an den einzelnen VZs und wer-kennt-wen vorbei gezogen. Die Marktführerschaft wurde von da an nie mehr abgegeben. Im Gegenteil: Facebook wächst und wächst, während die deutsche Konkurrenz schrumpft und schrumpft. 9,1 Mio. Unique Visitors, also unterschiedliche Besucher auf der Website, errechnete Googles Research-Tool Ad Planner noch im September 2008 für SchülerVZ, 7,4 Mio. für StudiVZ. Nun, im April 2011, liegen die beiden nur noch bei 5,1 Mio. bzw. 2,9 Mio. Und auch die IVW maß im April mit 227 Mio. Visits nur noch etwa die Hälfte des einstigen VZ-Rekords. Kein Wunder also, dass Holtzbrinck inzwischen mit einem Verkauf der VZ-Netzwerke liebäugelt, wie die „Financial Times Deutschland“ Anfang Mai berichtete.

Wer-kennt-wen erreichte im April noch 117,5 Mio. Visits, die Lokalisten nur noch 11,4 Mio. – auch hier sehen die Verluste der vergangenen Monate also dramatisch aus. Laut Ad Planner kam Facebook.com im April allein in Deutschland auf 38 Mio. unterschiedliche Besucher. Alle anderen der 20 größten sozialen Netzwerke erreichten zusammen 31 Mio. Zwar dürfen diese Traffic-Zahlen nicht mit den Zahlen der aktiven Nutzer einer Plattform verwechselt werden, dennoch sind sie eindrucksvoll.

Facebook-Hype kennt (noch) keine Grenze

Ein weiterer eindrucksvoller Beweis für den Wechsel der Machtverhältnisse sind die Suchanfragen bei Google. Die folgende Grafik aus Google Trends zeigt, dass StudiVZ (rote Kurve) und SchülerVZ (blaue Kurve) in dieser Wertung 2008 ihren Peak erlebten und seitdem stetig verlieren. Wer-kennt-wen (gelbe Kurve) überholte das Duo Anfang 2009 erstmals und liegt seit 2010 deutlich vor der Konkurrenz, verliert aber ebenfalls.

Nimmt man nun aber noch die deutschen Suchanfragen für Facebook hinzu, so wird das Dilemma der VZs & Co. deutlich: Seit 2009 spielen sie kaum noch eine Rolle, der Facebook-Hype kennt (noch) keine Grenze.

Ein Grund für die Entwicklung: Gab es in der Frühzeit der sozialen Netzwerke noch unterschiedliche Plattformen für Studenten, für Schüler, für Ältere und Jüngere, so gelang es Facebook, in allen Altersgruppen das Maß der Dinge zu werden. Lediglich die Unter-13-Jährigen, die sich bei Facebook noch nicht (offiziell) anmelden dürfen, fehlen noch. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis Facebook-Boss Marc Zuckerberg auch die Kleinen in sein Netzwerk holt. Zwar sei das derzeit keine Option, sagte er auf dem eG8-Gipfel in dieser Woche in Paris, doch in der Zukunft könnte es sinnvoll sein, darüber nachzudenken.

Fraglich ist derzeit lediglich noch, wann das Facebook-Wachstum endet, wann jeder, der ein solches Netzwerk nutzen möchte, auch angemeldet ist. Die vielen Datenschutz-Probleme schrecken bisher offenbar noch kaum jemanden ab. Und auch ein Angreifer, ein „nächstes großes Ding“, das Facebook ablösen könnte, ist nicht in Sicht. Das Auffressen der Konkurrenz – es wird weitergehen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: schroeder.j

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Jens Schröder ist freier Journalist, Autor und Daten-Analyst für verschiedene Auftraggeber vom Medienportal MEEDIA bis zum ZDF-Blog Hyperland. Nebenbei ist Schröder ein Blogger der ersten Stunde, betrieb und betreibt seit zehn Jahren verschiedene Blogs. 2013 startete er die Social-Media-News-Charts 10000 Flies.
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12 Kommentare

  • Tobias
    28.05.2011, 16:48 Uhr.

    Die Gründe, warum die deutschen Netzwerke untergehen, sind doch ganz simpel: sie haben zum einen die Entwicklung neuer, innovativer, Features verpennt, und es vor allem versäumt ihre Netzwerke international bekannt und benutzbar zu machen. Jeder, der Freunde im Ausland hat, ist damit auf die Nutzung von Facebook angewiesen (wenn er denn ein soziales Netzwerk nutzen möchte).

    • Aufgemerkt!
      28.05.2011, 19:36 Uhr.

      Genau so ist es. Man könnte den Blog nun schließen…

  • Kristina
    28.05.2011, 21:04 Uhr.

    Viele meiner Mitstudenten waren bei StudiVZ, haben dann gesehen was für tolle Spiele es bei Facebook gibt.
    Zuerst wars nur wegen den Spielen, aber dann waren ja alle bei Facebook, warum sollte man da noch bei StudiVZ nachschauen was irgendein vergessener Langeweiler noch schreibt?

    Die meisten haben mittlerweile sogar ihren StudiVZ-Account gelöscht.

    PS: Zuckerberg ist einer der wenigen, die “Mark” heißen

  • Detlef E. Friedrich
    28.05.2011, 22:13 Uhr.

    Es zeigt sich eines, wer im Online Geschäft erfolgreich werden will bzw. vor allem beleiben möchte muss sich von Anfang an Global ausrichten.

  • Faceheft
    28.05.2011, 22:24 Uhr.

    Eigentlich schlimm, dass es gerade Facebook ist, das so groß geworden ist. Wer bei Facebook Bilder hochlädt, gibt Facebook die Erlaubnis, die Bilder zu nutzen und weiterzuverkaufen. Hallo?!? Jeden besch**** Spiel bei Facebook will mehr Daten einsehen dürfen als es alle diese unsäglichen Packback-Karten zusammen. Was kommt als nächstes? Muss man demnächst auch ne Speichelprobe abgeben um sich bei Facebook einloggen zu können (NUR zur Sicherheit natürlich, was auch sonst).
    Wie wäre es mit dem “lustigen” DNA-Spiel. Jeder schickt Facebook ne Speichelprobe, Facebook analysiert mal schnell sämtliche Veranlagungen zu diversen Krankheiten und in seinem Profil darf man dann stolz mit Freunden teilen: “Wahrscheinlichkeit für Krebs: 80%”. “Boah, cool. Du kriegst auch bald Krebs. Genau wie ich. Yeah, Groovy.”

    Es ist absurd. Es ist bescheuert. Es ist Facebook.

  • Tom
    28.05.2011, 22:32 Uhr.

    Genau. Die Internationalität ist es, nicht die Features. Aber selbst wenn die deutschen Netzwerke wie SVZ einen internationalen Weg eingeschlagen hätten, hätte ich erfahrungsgemäß die US-Konkurrenz durchgesetzt. Man ist mit ausländischen Freundeskreis einfach auf FB “angeweisen”. Ich bin einer der “Langweiler”, der noch (und nur) im StudiVZ ist. Komischerweise sind es die meisten meiner Freunde auch noch – wenn sie synchron nun auch noch bei Facebook sind. Natürlich werden auch meine Freunde im StudiVZ weniger, aber solange die 20% nicht überschritten werden, mach ich mir keine Gedanken darüber, zu Facebook zu wechseln. Für meinen Geschmack ist Facebook einfach zu unaufgeräumt und strukturell wenig ansprechend.
    Zuckermanns Gier, die Facebookherkunft und die mangelnde Einhaltung der Datenschutzrichtlinien halten mich weiter davon ab, mich bei Facebook zu registrieren.

  • Torsten
    28.05.2011, 23:09 Uhr.

    Es hat alles sein für und wieder.

  • Chris
    28.05.2011, 23:38 Uhr.

    Der Bericht spiegelt exakt mein persönliches “Social Network Verhalten” wieder … Anfang 2010 war ich noch in 3 Netzwerken vertreten, doch dann habe ich alle Accounts gelöscht und bin nun nur noch bei Facebook.

    Warum? Es geht mir nicht um die Spiele, sondern weil bei Facebook alle meine Kontakte zu finden sind und Facebook zu meiner persönlichen Kommunikationszentrale gewachsen ist, die ich täglich nutze.

    Wollte man seinem Netzwerk früher etwas mitteilen, musste man eine Menge SMS schreiben oder Anrufe tätigen. Heute reicht eine Statusmeldung bei Facebook und alle Freunde & Bekannte sind informiert.

    Zusätzlich kenne ich keine Plattform, wo man so wahnsinnig viele Informationen zeitnah bekommen kann wie bei Facebook. In meinen Facebook Abos sind z.B. mehrere Nachrichtendienste (heute.de, Tagesschau, n-tv, etc.) enthalten. Passiert etwas wichtiges auf der Welt, bin ich sofort informiert, da die Facebook Seite sowieso die ganze Zeit auf meinem Mac offen ist :)

    Facebook hat eine neue Zeit der Kommunikation eingeleutet und ich finde es gut. Und was die Sicherheitsbedenken angeht … es wird niemand gezwungen, sich bei Facebook zu registrieren ;)

  • Michael
    29.05.2011, 01:19 Uhr.

    War das Leben schön ohne PC und Handy

  • Thomas
    29.05.2011, 02:53 Uhr.

    Ich kann mich dem ersten Kommentar von Michael nur anschließen. Bei mir lief es genauso ab. ^^

    War bis Ende letzten Jahres/Anfang dieses Jahres noch bei VZ (das einzige SocialNetwork, in dem ich vorher war) angemeldet; bis zu meiner Abmeldung hatte sich schon ein Großteil meiner dort vorhandenen “Freunde” abgemeldet, die meisten von denen hab ich dann bei facebook wiedergefunden und noch viele ehemaligen Bekannte von früher, an die ich gar nicht mehr gedacht habe.

    Aber ich bin mal gespannt, wie es mit facebook die nächsten Jahre so weitergeht.

    • Thomas
      29.05.2011, 02:55 Uhr.

      Ach sorry, war ja gar nicht der erste Kommentar von Michael, auf den ich mich bezogen hab, war der letzte ;)

  • Dr. House
    03.06.2011, 14:45 Uhr.

    Zur Zeit scheint es, als ob FB auf dem Weg zum alleinigen Social-Media-Netzwerk ist. Doch falls FB seinen lockeren Umgang mit den Nutzerdaten nicht ändert, haben andere Anbieter durchaus die Möglichkeit mit einer alternativen Lösung erfolgreich zu werden.

    Neben Diaspora scheint das relativ neue Alty (Startup von einem MySpace CTO) gute Chancen zu haben. Beide Alternativen setzten vor allem auf die Wahrung des Privatsphäre. Und die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Wechsel zu einem anderen Netzwerk durchaus möglich ist.

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