Vom Demo-TV zum Offenen Kanal 2.0

Kamerateam von fluegel.tv; Foto: Fiete Stegers

Kamerateam von fluegel.tv; Foto: Fiete Stegers

Er war das Al Jazeera der Stuttgarter Bürgerproteste. Der spontan entstandene Internetsender fluegel.tv übertrug Demonstrationen und Diskussionen rund um “Stuttgart 21″ live ins Netz. Nach dem Regierungswechsel im Ländle: Mission accomplished? Im Gegenteil, meinen die Macher. Gerade erst hat fluegel.tv eine offizielle Sendelizenz bekommen.

Angefangen hat alles mit einer billigen Webcam. Robert Schrem richtete sie im August 2010 von seinem Bürofenster auf den Stuttgarter Hauptbahnhof, als sich dort etwas anbahnte. Der Nordflügel sollte für “S21″ abgerissen werden, Gegner des Bahnhofsneubaus wollten das verhindern.

Boller- wird zum Ü-Wagen

Mit der Eskalation um “S21″ wuchs das Interesse an Schrems Webcam sprunghaft. Zeitungen übernahmen den Livestream auf ihre Internet-Seiten. Bald war Schrem nicht mehr allein. Freiwillige mit Fernseh-Erfahrung halfen mit, andere stellten Kameraausrüstung zur Verfügung, um von den Demonstrationen im Schlosspark berichteten zu können. Als Ü-Wagen reichte fluegel.tv ein Bollerwagen mit Kamera und Autobatterie. Als Server setzen sie die kostenlosen Dienste Justin.tv und Ustream.tv ein. Zu Spitzenzeiten verfolgten Tausende Nutzer gleichzeitig die Übertragungen.

Nachdem der Abriss des Nordflügels begonnen hatte, war das ursprüngliche Konzept der reinen Übertragung von Live-Bildern obsolet geworden. “Dann hatten wir die Idee, die Kamera herumzudrehen”, sagt Robert Schrem. Gesprächspartner wurden eingeladen und Interviews geführt, ein Raum von Schrems IT-Firma als improvisiertes Fernsehstudio eingerichtet. Mit Sitzsäcken als Deko, bald auch mit Scheinwerfern, die eine Produktionsfirma ungefragt zur Verfügung stellte, wie Thorsten Puttenat erzählt. Der Musiker moderierte die Diskussionsendung “Auf den Sack”, befragte die Protagonisten der Protest-Bewegung, aber auch Befürworter von “S21″. Vor der Landtagswahl 2011 bat fluegel.tv alle Kandidaten zum Interview. Auch die damaligen Oppositionsführer Winfried Kretschmann und Nils Schmid kamen.

Glaube an “ungehetzte” Formate

Ist nach dem Wahlsieg von SPD und Grünen die Mission von fluegel.tv erledigt? Nein, widersprechen Schrem und Puttenat energisch. Gerade erst hätten sie eine offizielle Sendelizenz der Landesmedienanstalt erhalten. Sie setzen ihre Hoffnung auf die von der neuen rot-grünen Landesregierung versprochene stärkere Bürgerbeteiligung “Es passiert zur Zeit so viel hier in Stuttgart”, sagt Puttenat. Es gebe diverse Anfragen für Bürgerforen und Podiumsdiskussionen, die als Livestream übertragen werden sollten. Weiterhin soll es “ungehetzte” Interviews geben – ohne Sendezeitbeschränkung und nachträgliche Bearbeitung. Außerdem plant fluegel.tv mit anderen alternativen Medien wie der Wochenzeitung “Kontext” zusammenzuarbeiten.

Beispiel für andere

Ob das Publikumsinteresse nicht erlahmt und wie lange Schrem, Puttenat und ihre Mitstreiter selbst den Elan für ihr ehrenamtliches Engagement behalten, wird zu einem großen Teil von der politischen Entwicklung rund um “Stuttgart 21″ abhängen. Eine erneute Verschärfung kann zu einem Schub für fluegel.tv werden, ein Einschlafen des Konflikts auch das Projekt erlahmen lassen. Allerdings haben die Macher von fluegel.tv durch die vergangenen Monate schon deutlich mehr Erfahrung, bessere Ausrüstung und einen größeren Bekanntheitsgrad und damit bessere Startbedingungen als die allermeisten Offenen Kanäle oder freien Bürgerradios. Unabhängig von ihrer eigenen Zukunft wird aber das Beispiel fluegel.tv andere Interessengruppen in ähnlichen gesellschaftlichen Großkonflikten beflügeln. “Es gibt bereits‚ CastorTV” und einige andere Projekte – “das wird immer mehr”, sagt Puttenat.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich.)

 

7 Kommentare | 12. Mai 2011 | 09:08 Uhr | Twittern | Facebook

7 Kommentare

  1. Fluegel.tv ist spitze und ein seit dem 30.09.2010 Teil meiner Medienwelt geworden. Leute macht weiter so. Viele Menschen habe die Nase voll von abgesprochnenen Interview-Aussagen und der Schnelllebigkeit der Medien.

    Björn | 12. Mai 2011 | 14:00 | Antworten
  2. Wenn man sich überlegt, was hier mit Idealismus und Spenden aufgebaut wurde – ganz ohne Zwangsgebühren !!! Bis heute ist die Lüge eines Befürworters im mit Zwangsgebühren finanzierten Fernsehsender Phoenix nicht öffentlich richtig gestellt worden! Trotz mehrmaliger Korrespondenz mit Phoenix steht die Lüge eines Befürworters von S 21 im Raum – er würde nicht von S 21 profitieren und wäre trotzdem dafür. Dieser Lügner hatte gleichzeitig Container seiner Firma am Nordflügel stehen! Es braucht Sender wie Flügel.TV, welche solche Lügen öffentlich machen. Die Frage ist nur wie werden diese finanziert??? Die Rundfunkgebühren sollten abgeschafft werden bzw. alternative Rundfunkanstalten auch davon profitieren. Es kann doch nicht sein, dass wir mit unseren Rundfunkgebühren eine Plattform für Lügner bieten!

    Rene Engelhardt | 12. Mai 2011 | 15:06 | Antworten
  3. Stimme Björn voll zu!flügel-tv entschleunigt,vermenschlicht.Diese Qualität bringt wieder SINN in die Medien und ist am Puls der Zeit.Eine erfrischende und lobenswerte Initiative!

    Ingrid Merglen | 12. Mai 2011 | 15:06 | Antworten
  4. Ohne fluegel.tv wäre ich in Heilbronn bzgl. S 21 weiterhin desinformiert. Danke an R. Schrem und das gesamte Team. Unterstützenswert!!!!!!!!!!!

    Boeckle | 12. Mai 2011 | 16:59 | Antworten
  5. Ja danke an Putte und dem ganzen Flügel TV Team. Es ist wahr wenn man über S21 Informationen suchte kam man nur sehr schwer an ungeschminkte Infos ran. Dank Flügel TV war die Informationsfreiheit gewährleistet. Sie haben das gemacht was die großen Medien nicht leisten können oder wollen. Flügel TV gehört bei mir auch zur Medienwelt genauso wie Cams21 im Gegensatz dazu nimmt das zuschauen beim Staatsfernsehen bei mir ab. Wobei Frau Slomka als ZDF Ausnahme einen hervorragenden Job macht aber leider bei zu wenig Sendezeit.

    Dieter | 12. Mai 2011 | 18:21 | Antworten
  6. So ein tolles Projekt kann nur mit Spenden überleben. Deshalb freuen sich die Macher sicherlich über eine kleine Unterstützung. http://www.fluegel.tv/index.php?article_id=11

    Verena | 13. Mai 2011 | 22:37 | Antworten
  7. Auch nach dem Wahlsieg von Grünen und SPD sollte die Mission von fluegel.tv unbedingt weiter fortbestehen. Wir brauchen objektive, wahrheitsgemäße und frische bürgernahe Berichterstattung! Von dieser, aus der Not spontan geborenen Institution können die verstaubten und gekauften Medien einiges lernen! Deshalb besonderen Dank an Putte, der beherzt mit jugendlicher Frische die angehäuften Probleme der Welt- und Bäderstadt Stuttgart, journalistisch übermittelt!

    Artaperma – Im jetzigen Tun gestalte ich den Morgen!

    Gerhard Haberl | 14. Mai 2011 | 10:21 | Antworten

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