Google-Wan Kenobi in Berlin


Von Fiete Stegers

Der weiße Bart lässt ihn aussehen wie Obi-Wan Kenobi in den alten Star-Wars-Filmen. Auch mit seinem Namen könnte er im Star-Wars-Universum durchgehen, ohne aufzufallen: Googles „Chief Evangelist“ Vint Cerf ist ein feiner alter Herr, der seinen Vortrag in Berlin höflich auf Deutsch beginnt und dann ein Paar Dinge in Googles Zukunftsuniversum zurechtrückt.

So wie Obi-Wan die Geheimnisse aus der Zeit des alten Star-Wars-Reichs offenbart, baut Cerf in seinen Vortrag Ende vergangener Woche in Berlin immer wieder Anekdoten aus den siebziger Jahren ein. Damals war er an der Entwicklung der Grundlagen des Internets beteiligt: „Im Grunde benutzen sie heute immer noch die experimentelle Version, mit der wir damals online gegangen sind. Die Testphase hat einfach nie geendet“, sagt er und hat die Lacher des in der Konrad-Adenauer-Stiftung versammelten Publikums auf seiner Seite. Oder Cerf erwähnt beiläufig, dass er als einer von sieben Menschen einen Teil des geheimen Codes in Verwahrung hat, mit dem nach einem Totalzusammenbruch des Domain-Namen-Systems ein Neustart des Internets veranlasst werden kann.

Aber was ist Google-Wans Mission in Berlin? Der Vortragstitel „Die Zukunft von Sicherheit und offenen Standards im Internet“ bleibt allgemein. Und so predigerhaft, wie es sein Job-Titel „Evangelist“ erwarten lassen könnte, ist der Auftritt von Googles oberster Lobby-Galionsfigur nicht. Keine glasklaren Ansagen, was das Unternehmen von den Vorschlägen der eG8, einzelnen staatlichen Regulierungsideen oder konkreten Auseinandersetzungen zwischen offenen Standards und proprietären Formaten hält. Stattdessen argumentiert er als Wissenschaftler und veranschaulicht komplexe Vorgänge so, dass sie auch Internetausdrucker verstehen können.

Aufklärung statt Überreglementierung

„Internetregulierung darf keine Einschränkung der Meinungsfreiheit bedeuten“, sagt Cerf. Telefonsysteme und Autobahnen könnten auch missbraucht werden. Trotzdem rufe dort niemand nach präventiven Regulierungsmaßnahmen, sondern Missbrauch und Straftaten würden nachträglich verfolgt. „Dafür dafür brauchen wir auch im Netz bessere forensische Werkzeuge, um beispielsweise Betrugsfälle aufzuklären. Und bis zu einem gewissen Grad können Sie sich selber gegen Übeltäter im Internet schützen: durch kritisches Denken.“ Wieder hat er die Lacher auf seiner Seite.

Doch die Internetausdrucker sind im Publikum auch klar in der Minderheit. Mindestens 80 Prozent der Anwesenden sind Männer, darunter viele, die sich die Minuten bis zum Beginn der Veranstaltung mit ihren Smartphones und Tablets vertreiben, auch ein klassischer Informatik-Student mit langen Haaren, Bart und Trapperhut. Nein, obwohl der Moderator der Stiftung die Begrüßung mit „Sehr geehrte Abgeordnete …“ einleitet und tatsächlich graue Haarschöpfe der Generation der Internet-Zwangseingemeindeten zu sehen sind, die Berliner Machtelite ist nicht gekommen, um Cerf zu hören. Hoffentlich ist wenigsten der eine oder andere Büroleiter oder Referent da, um etwas zu lernen.

Cloud-Computing „auf dem Stand von 1973“

Denn für die, die sich besser auskennen, bietet Cerf wenig Interessantes: Ein Lacher über Passwörter auf Post-Its am Bildschirm, der eigene Browser als größte Sicherheitslücke im Internet, ein Plädoyer für IPv6 – nichts davon ist neu. Was im Gedächtnis, sind Antworten auf Publikumsfragen. Cerfs Standpunkt zur Netzneutralität etwa: Ein System, bei dem Provider dem Datentransport für eigene, besser zahlende Kunden bevorzugt behandeln, erfordere ein viel zu kompliziertes Abrechnungssystem: „Das ist teurer, als die Netzwerkkapzitäten für alle auszubauen“, glaubt Cerf.

Und noch einmal wählt der Chef-Evangelist die Langzeitperspektive und kritisiert ausgerechnet ein paar Tage nach der Vorstellung des Google-Chromebooks, dessen grundlegendes Funktionsprinzp: Das vielgepriesene Cloud-Computing sei heute etwa auf dem Stand wie Computer-Netzwerke 1973. Man beachte: Das Chromebook funktioniert nicht ohne die Cloud. Holt sich die benötigten Programme und Daten aus dem Internet. Doch Vint Cerf glaubt: Jede Firma hat ihr eigenes System, nichts ist kompatibel. Auch bei Google könne kein Kunde realistisch größere Datenmengen von den Servern holen und problemlos zur Konkurrenz übertragen. „Daran müssen wir arbeiten“, mahnt der weise alte Mann seine Schüler und hört sich dabei eher an wie ein Häretiker.

Kein Wunder, dass Google in dieser Sache sensibel reagiert. Als auf ZEIT online ein Artikel mit der Überschrift „Cloud-Dienste sind nutzlos“ erschien, protestierte der Konzern und die ZEIT wählte eine andere Überschrift (Cloud-Dienste sind noch am Anfang). Man sah wohl Cerf falsch zitiert. Was am Ende zutrifft, wird auch in diesem Fall die Zukunft zeigen.

Eine Dokumentation der Veranstaltung findet sich auf der Seite der Konrad Adenauer Stiftung: “Glühbirne mit Internet”.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

2 Kommentare | 31. Mai 2011 | 10:15 Uhr | Twittern | Facebook

2 Kommentare

  1. Guter Artikel! Danke!

    flnca | 1. Juni 2011 | 14:42 | Antworten
  2. This is great achievement and great creativeness…

    mortgage loan | 18. Januar 2012 | 21:59 | Antworten

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