Facebook für Tote: Friedhofsruhe auf Stayalive
von Marcus Bösch
Für immer leben. Zumindest im Internet – „Stayalive“. Mit viel medialem Getöse ist im letzten Herbst das deutsche „Facebook für Tote“ gestartet. Finanziell und personell unterstützt von niemand geringerem als Helmut Markwort. Angeblich haben im Mai 2011 fast 16.000 Menschen einen Account. Ich bin einer davon. Wo sind die anderen?
Ich habe mich angemeldet, habe auf den Knopf „Mich digital unsterblich machen“ gedrückt und dann habe ich ein Galeriebild ausgewählt – die Freiheitsstatue. Fertig ist mein kostenloser Testaccount bei www.stayalive.com – dem Portal für digitale Unsterblichkeit. Falls ich in naher Zukunft ableben sollte, haben Freunde und Bekannte einen digitalen Ort zum Erinnern, inklusive digitaler Erinnerungskerze. Auf den Stammbaum und auf Fotoalben muss ich leider verzichten. Für diese Features braucht man mindestens ein so genanntes „Individual Package“. Das kostet 19,90 Euro, zu teuer – noch lebe ich ja.
Fast so teuer wie eine Grabstätte samt Stein auf einem realen Friedhof ist das „Premium-Eternity-Package“, es soll 499 Euro kosten, inklusive der Möglichkeit zum Upload von 5.000 Bildern und 10.000 MB Daten.
Unendlichkeit in Zeile drei
Alle Accounts sind für die Ewigkeit. Das steht in der Preisliste (http://www.stayalive.com/de/static/preise). In Zeile drei steht „Laufzeit“ und daneben liegt eine acht auf der Seite. Die Unendlichkeit. Es sei denn, es kommt anders. „Wir behalten uns vor, die Stayalive Website … einzustellen…“, steht in den Nutzungsbedingungen – fristgerecht natürlich.
Die Zahl der digitalen Untoten auf dem Portal nimmt stetig zu, glaubt man den Machern: „Wir wachsen“, erzählt „Stay Alive“-Web-Entwickler Matthias Krage am Telefon. Und das offenbar zügig. Im Gespräch mit Meedia Mitte Februar einige Monate nach dem Start sollten es bereits rund 12.000 Nutzer sein. Am 22. April berichtet Krage im Tagesspiegel von rund 15.000 Nutzern. Mitte Mai „kratzen wir an den 16.000“, berichtet Krage nun.
Tot und unsichtbar
Sonderbar: Eine Suche nach verbreiteten deutschen Nachnamen auf der Seite liefert nie mehr als eine Hand voll Ergebnisse. Das läge daran, dass die allermeisten und übrigens sehr jungen Nutzer ihr Profil auf privat stellen würden, sagt der Entwickler. Vielleicht nutzt diese unsichtbare Armee von Nutzern auch die mannigfaltigen Möglichkeiten der Seite, lädt Botschaften, Küchenrezepte, Fotos und Lieblingsmusiken hoch, zündet virtuelle Kerzen an und sperrt wichtige Dokumente in einen virtuellen Tresor. Die frei einsehbaren Profile jedoch sind überwiegend leer.
Auch Profilbilder scheinen eher eine Ausnahme zu sein. Kein gutes Zeichen für ein aktives soziales Netzwerk. Nicht zu finden ist Business Angel Helmut Markwort – egal ob mit oder ohne Profilbild. Natürlich habe der auch einen Account, nur leider sei der eben auch nicht sichtbar, erklärt Krage auf Nachfrage.
Neue iPhone App
Abgesehen vom reinen Erinnerungsportal soll „Stay Alive“ ganz praktisch auch eine Übersicht aller deutschen Friedhöfe liefern. Die gäbe es sonst nicht, sagt Krage. Ein Test zeigt jedoch: Noch nicht mal für das Erzbistum Paderborn ist bei „Stay Alive“ ein einziger Friedhof verzeichnet. Dabei verfügt die Stadt über „12 Friedhöfe mit einer Gesamtgröße von derzeit 63,7 ha“, wie es sich auf der Seite des virtuellen Rathauses leicht ermitteln lässt.
Auch Krages neuer Plan einer location based iPhone-App, die auf Friedhöfen Gedenkstätten und Gräber virtuell anzeigen soll, will nicht richtig überzeugen. Denn Benutzerkonten die auf privat gesetzt wurden, sind da natürlich auch nicht frei zu sehen. Augmented Reality hin oder her. Damit wird die Auswahl recht schnell dünn.
Tod mit Schlapphut
Das Ganze klang irgendwie nach einer tollen Idee. Zumindest im letzten Herbst. Noch toller hörte es sich an, als bekannt wurde, dass ein deutschlandweit bekannter Journalist, Verlagsmanager und Herausgeber bei dem Projekt mitmacht. Und richtig toll wurde es, als Helmut Markwort mit Schlapphut am Frankfurter Volkstheater im “Jedermann” den Tod höchstselbst spielte. Und verkündete vom Internet nicht so richtig eine Ahnung zu haben, aber „Stayalive“ mit vollem Engagement unterstützen zu wollen. Man telefoniere regelmäßig, sagt Krage: „Mindestens einmal im Monat, eher mehr.“
Vielleicht liegt die seltsame Friedhofsruhe auf Markworts Portal auch daran, dass seine Idee von gestern ist. Martin Kunz, Markworts früherer Ressortleiter Forschung & Technik beim Focus hatte bereits 2008 zusammen mit Anton Stuckenberger das Erinnerungsportal eMorial gegründet. Hier ist man mit der Vermarktung einen Schritt weiter: Erste Versicherer bieten bereits Premium-Veträge bei eMorial als Bestandteil einer private Sterbegeldversicherung an.
Das Geschäft mit dem Tod hat im Web noch nicht richtig gezündet. Warum auch sollten Menschen, die ihr Leben gemeinsam mir ihren Freunden auf dem sozialen Netzwerk X verbracht haben, nach ihrem Ableben in ein digitales Grab umziehen? Beerdigungsinstitute für Facebook sind überflüssig. Dort können Angehörige den Account eines Verstorbenen auf einen Erinnerungsstatus setzten lassen. Ganz umsonst. Da bleibt er dann, bis Mark Zuckerbergs Erben den Stecker ziehen.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich.)
2 Kommentare | 15. Mai 2011 | 11:17 Uhr |
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Online-friedhof? vielleicht um meine Haustiere im Netz zu verehwigen. …aber doch nicht für Menschen!
Ein Armutszeugnis gesellschaftlichen Denkens!!
PS:Virtuelle Gefühle,
in der virtuellen Welt,
virtuelle Geschenke,
für virtuelles Geld!
Du brauchst keinen Körper,
nur das Auge und das Ohr,
der Rest von dir vergammelt,
denn du brauchst ihn jetzt nicht MEHR!!!
RE:
Soll das wirklich dieses Leben sein,?
Wovon man Jahre schon erzählt.
Soll das wirklich dieses Leben sein,?
ich hab´s mir anders vorgestellt…
-Textausschnitt: Untergangskommando
kleine Korrektur:
Im Refrain des Liedes von Untergangkommando heißt es richtig: “Soll das wirklich dieses Eden sein?”
Eden = Garten Eden steht für das Paradies