eG8: „Ich glaube, wir kommen nicht vom selben Planeten“

Jeff Jarvis auf dem eG8-Treffen, (Foto: Rodrigo Sepúlveda Schulz; Quelle: Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Jeff Jarvis auf dem eG8-Treffen, (Foto: Rodrigo Sepúlveda Schulz; Quelle: Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

von Torsten Kleinz

Internet und Politik zu vereinen – das war das erklärte Ziel des eG8-Forums in Paris. Doch die Veranstaltung zeigte einmal mehr, wie tief die Gräben zwischen den Lagern sind. Bürgerrechtler reden über Freiheit und einen neuen Lebensraum, Politiker und Wirtschaftsbosse vom Geschäft.

Die französischen Veranstalter haben sich Mühe gegeben: Die 800 Gäste wurden im Tulierengarten direkt neben dem Louvre untergebracht. Die zu Hause Gebliebenen konnten den Kongress im Livestream und auf YouTube verfolgen. Sogar einen Twitter-Hashtag bereiteten die Veranstalter vor. Doch die Twitter-User übten vor allem Kritik an der Veranstaltung. Denn die Netznutzer konnten sich nicht einbringen: Während Firmenbosse und Politiker auf den Podien die Bälle zuwarfen, waren sie im wesentlichen zum Zuschauen verurteilt.

Selbstvermarktung auf breiter Front

Was einige bereits vorher befürchtet hatten trat ein: Die angereiste Prominenz aus der (Internet-)Wirtschaft nutzten die Veranstaltung reichlich zur Selbstvermarktung. Jedem Manager wurde Zeit gegeben sein Geschäftsmodell als Erfolgsmodell darzustellen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg tauschte für den Fototermin im Élysée-Palast seinen Studenten-Look sogar gegen Anzug und Krawatte und durfte dafür das Forum nutzen, eine Stunde lang über die Erfolgsformel von Facebook zu sprechen. Dabei musste er den Enthusiasmus des Moderators für die vermeintlichen Facebook-Revolutionen in Nordafrika zügeln: „Facebook war weder notwendig, noch ausreichend, um die Jasminrevolution zu bewirken. Die Menschen waren es“, erklärte der Facebook-Gründer.

Der Publizist Jeff Jarvis hatte seine Thesen in einem Eid des Hippokrates für das Internet zusammengefasst, der als oberste Regel vorsieht: „Schade dem Netz nicht“. Gastgeber Nicolas Sarkozy nahm diese Vorlage dankbar auf: „Warum sollten wir dem Netz schaden? Es hat ein großes Potenzial für Wachstum und Wissen.“ Seine restriktive Internet-Politik diene schließlich dem Schutz der Kreativen und der Sicherheit vor Terrorismus und Kindesmissbrauch – wie könnte das dem Netz schaden? Seine Replik konnte Jarvis nur auf Twitter verbreiten: „Die Regierungen verhalten sich so, als ob sie uns vor dem Internet beschützen müssten. Dabei benötigt das Internet Schutz vor den Regierungen“.

Mahnung des französischen Präsidenten

Die Botschaft des Präsidenten war klar: Nicht die versammelten Internetgrößen repräsentieren die Bevölkerung: „Niemand sollte vergessen, dass die Regierungen die einzigen legitimen Repräsentanten der Bürger sind. Sonst geraten wir in Gefahr, ins soziale Chaos und in Anarchie zu verfallen“, mahnte der französische Präsident. Und schloss später an: „Ich bin sehr froh, dass Sie alle gekommen sind. Wenn sie geglaubt hätten, dass diese Veranstaltung nicht wichtig wäre, wären Sie nicht gekommen“.

Doch einigen Gästen reichte es nicht, den G8-Gipfel durch ihre Anwesenheit zu legitimieren. Als John Perry Barlow, Mitgründer der amerikanischen „Electronic Frontier Foundation“ zu einer Podiumsdiskussion geladen wurde, machte er aus seinem Unwillen keinen Hehl: „Ich weiß gar nicht, was ich auf diesem Panel soll. Die anderen Teilnehmer scheinen von einem anderen Planeten zu kommen“. Die von den Industrievertretern geforderten verschärften Maßnahmen zur Durchsetzung des Urheberrechts wies er zurück: „Man kann freie Rede nicht besitzen“. Damit distanzierte er sich auch von Industrievertretern wie dem Google-Aufsichtsrat Eric Schmidt, der davon fabuliert hatte, technische Lösungen gegen Urheberrechtsverletzungen zu finden, die wirkungsvoller seien als staatliche Regulierungen.

Die Faszination des Internets liegt für die Politiker nicht vorrangig in Freiheit, Kreativität und neuen Teilhabeformen, sondern in Wachstum und Arbeitsplätzen. So warnte Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums: „Was wir in Ägypten gesehen haben, kann nicht alleine in undemokratischen Ländern passieren“. Deshalb seien Arbeitsplätze elementar für die Zukunft. Um den jungen Menschen eine Perspektive zu geben, benötigen die Politiker den Jobmotor Internet (PDF, McKinsey-Studie).

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Autor: Torsten Kleinz

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Torsten Kleinz ist freier Journalist und Blogger aus Köln. Seine Kernfrage: Was macht das Netz mit uns und was machen wir mit dem Netz?
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