DIY: Selbstgemachtes erobert das Netz
von Markus Hündgen
Ebay, Amazon und irgendwo dazwischen schwebt etsy. Der virtuelle Marktplatz für Selbstgemachtes und Antikes möchte nach den USA nun Deutschland erobern. Wir haben den Europachef Matt Stinchcomb in Berlin getroffen.
Matt Stinchcomb lächelt gern. Und viel. Was direkt auffällt: Es ist nicht diese allmorgendlich vor dem Spiegel einstudierte Parade frisch gebleichter Zahnreihen, die Firmenvertretern in dieser juppy-esken Branche als optische Visitenkarte dient. Der etsy-Direktor für Europa lächelt, weil er heute wieder über sein Thema reden darf: DIY – Do-it-yourself.
Für einen Webunternehmer ebenso ungewöhnlich: Seine Ausführungen haben nur wenig mit Zahlen, Statistiken und technischen Spielereien zu tun. Auch wenn auf Deutschlands selbst ernannter Leitkonferenz zur digitalen Wirtschaft, der next in Berlin, alles im Zeichen der Daten steht: Mr. Stinchcomb sieht diese eher als Mittel zum Zweck.
Ja, etsy ist ein virtueller Marktplatz. Ja, Daten seien für den Erfolg unerlässlich. Nein, etsy funktioniere anders. “Unsere DNA ist Bauchgefühl”, sagt Stinchcomb. Aber wie lange noch. “Wir werden nicht ewig nur aufs Gefühl setzen können. Aber etsy lebt vom Faktor Mensch. “Dieser Faktor lässt sich bei etsy schnell ausmachen. Statt industriell gefertigter Produkte wimmelt es bei etsy von selbstgemachten Dingen. Von Unikaten, die bis dato ihr Leben im Bastelgeschäft unweit eines Münsterländer Dorfes gerfristet hätten. Oder von Omas Schätzchen, die es seit Jahren mit Karriere auf dem Flohmärkt versuchen.
Dabei ist etsy weder Resterampe noch Trödelmüllhalde. Auf etsy haben viele Subkulturen der Netzgeneration ihr Zuhause gefunden. Prominentes Beispiel: Steampunk – die Verknüpfung von Technikliebe mit dem Stilempfinden der viktorianischen Epoche.
Etsy hilft, verborgene Talente zu entdecken
Mit fortwährendem Lächeln sprudeln die Werbebotschaften aus Matt Stinchcomb heraus. “Etsy hilft, verborgene Talente zu entdecken. Etsy fordert die Kunstwelt heraus. Etsy erlaubt dir, du selbst zu sein.” Zumindest ist etsy eines: Erfolgreich. 2010 wurden Waren im Wert von 314 Mio. Dollar umgesetzt, die Kurve zeigt weiterhin nach oben.
Doch wieder weg von den Zahlen. Schließlich sei etsy ein Ausdruck eines Gefühls. “Diese Art des Herstellens von Produkten ist nicht einfach eine Arbeitsweise. Es ist eine Art zu leben geworden”, erklärt Stinchcomb. Tatsächlich erfreut sich das kreative Handwerkern zunehmender Beliebtheit im Netz. Muster werden ausgetauscht, Videos zeigen jeden Arbeitsschritt und in virtuellen Galerien wird um Bewertung der eigenen Kreationen gebettelt. Ein Stück “Landlust” in Digitalien. YouTube und Co. haben es vorgemacht: Jeder kann sich im Netz austoben und ausleben, nur die eigene Kreativität setzt Grenzen. Und, man mag es kaum glauben, Erfolg ist für viele Menschen dann doch keine entscheidende Motivation.
In Berlin hat der US-geführte Online-Marktplatz sein Europa-Hauptquartier aufgeschlagen. “Die einzige Alternative wäre London gewesen”, sagt der US-Amerikaner Stinchcomb. “Aber London hat nicht den richtigen Vibe für uns. Und es wäre zu einfach gewesen.” Europa sei im Technologie- und Internet-Geschäft eben nicht Großbritannien. “Berlin ist mitlerweile die kreativste Stadt der Welt”, schwärmt er und fügt lächelnd hinzu: “Der heiße Scheiss passiert hier.”
Der Griff nach dem deutschen Markt ist für etsy nur logisch, kommt allerdings reichlich spät. 2009 ging der deutsche etsy-Klon dawanda.de an den Start. Vier Jahre nach dem US-Vorbild. “Wir freuen uns jetzt aber über eine friedliche Ko-Existenz”, sagt Stinchcomb. Und lächelt. Schon seit geraumer Zeit mehren sich Gerüchte, dass etsy den unliebsamen Konkurrenten aus Berlin vom Markt kauft. Natürlich folgt auf eine derartige Frage prompt das Dementi. “Wir haben derzeit keine Pläne, dawanda zu kaufen”, versichert Matt Stinchcomb. Und ergänzt mit einem breiten Grinsen: “Aber zitieren Sie mich bloß nicht damit.”
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2 Kommentare | 19. Mai 2011 | 15:06 Uhr |
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Also meines Wissens ging Dawanda bereits Ende 2006 an den Start. Ist das evtl. ein Tippfehler?
DaWanda ist Ende 2006 gestartet, nachdem es das im Frühjahr 2006 gestartete sozeug.net gekauft hat.