Die Daten der Anderen

Viber verlangt Einsicht ins Adressbuch: Foto: Screenshot-Collage

Viber verlangt Einsicht ins Adressbuch: Foto: Screenshot-Collage

von Daniel Bröckerhoff

Für viele Internetnutzer ist es zur Lebensaufgabe geworden, auf ihre Privatsphäre im Netz zu achten. Doch wenn es um die Daten von Freunden, Kollegen und Kunden geht, herrscht erstaunliche Gleichgültigkeit. Das öffentliche Bewusstsein für fremde Daten gehört dringend geschärft.
„Kommt zu Viber, Freunde des kostenlosen Telefonierens“, lautete die euphorische Statusmeldung auf Facebook. Dazu ein Link zur Homepage, des Internet-Telefonier-Dienstes. Der verspricht seinen Nutzern weltweit gratis Anrufe und SMS – werbefrei und mit dem eigenen Smartphone. Ein vermeintlich tolles Angebot, natürlich mit einem Haken: Beim ersten Start bittet die App darum, das Telefonbuch des Handys auf die Firmenserver laden zu dürfen.

Kein Telefonbuch? Kein Gratis-Telefonat!

Wer das verweigert, kann Viber nicht benutzen. Denn der Service unterscheidet sich von Diensten wie Skype: Die User sind nicht unter einem Nickname im Viber-Netz unterwegs, sondern unter ihrer Handynummer. Freunde, Kollegen und Verwandten müssen daher nicht einzeln über ihren Kunstnamen zusammen gesucht werden. Stattdessen wird das Handy-Adressbuch als Kontaktliste benutzt.

„Ohne Einwilligung eigentlich nicht möglich.“

So weit, so praktisch. Leider vergessen die begeisterten Viber-Nutzer, dass es sich bei den Telefonnummern nicht um ihre Daten handelt, über die sie frei verfügen dürfen, sondern um die Daten Dritter. „Solange es meine eigenen Daten sind und ich dem zustimme, dürfen Anbieter sie speichern und nutzen. Bei fremden Adressen ist das sehr viel kritischer“, meint IT-Fachsanwalt Sebastian Dosch dazu. „Die Leute, um deren Daten es geht, wissen ja gar nicht Bescheid darüber, dass und von wem ihre Daten gespeichert wurden. Ohne Einwilligung dürfte das eigentlich gar nicht möglich sein.“

Denn jeder hat das Recht selber zu bestimmen, wer seine Daten bekommt und vor allem ein Recht darauf zu wissen, wie sie dort verwendet werden. Die „informationelle Selbstbestimmung“ ist seit dem Volkszählungsurteil 1983 als Grundrecht fest verankert. Auf diesem Recht sind große Teile des deutschen Datenschutzgesetzes aufgebaut. Die verbieten eigentlich einen solch sorglosen Umgang mit fremden Daten.

Wenig Unrechtsbewusstein: „Reg Dich nicht so auf.“

Doch es scheint derzeit nur wenig Unrechtsbewusstsein darüber zu geben, dass man mit fremden Kontaktdaten noch vorsichtiger umgehen sollte als mit den eigenen. Werden Viber-Nutzer auf die datenschutzrechtlichen Bedenken angesprochen, reagieren die meisten gleichgültig bis patzig. Man solle sich nicht so aufregen. Was könne mit den Daten schon passieren?
Ein Phänomen, das auch Rechtsanwalt Dosch kennt. „Den meisten ist es nicht bewusst oder es ist ihnen egal. Das ist das große Problem, mit dem der Datenschutz zu kämpfen hat. Wenn ich mit Leuten darüber diskutiere, heisst es: Ich hab ja nichts zu verbergen. Da fehlt das Bewusstsein darüber, was mit solchen Daten passieren kann.“

Das Problem ist allgegenwärtig – und unsichtbar

Viber ist nicht die einzige Firma, die den gesamten Datenbestand ihrer Kunden vereinnahmen möchte. Auch die Messenger-App whatsapp funktioniert nach dem selben Prinzip. Google und Apple bieten ihren Kunden an, Adressbücher von PC und Handys via Google Contacs oder Mobile.Me zu synchronisieren und außerdem via Web immer darauf zugreifen zu können.

Facebook fordert indes seine Mitglieder auf, mit dem „Friendfinder“ ihre Adressbücher nach Kontakten zu scannen, die auch schon bei Facebook sind. „Wie praktisch“, dachten viele und luden arglos ihre Kontakte hoch. Die so gesammelten Email-Adressen nutzte das Unternehmen, um Nicht-Mitglieder zu Facebook einzuladen – ohne das Einverständnis der Beteiligten.

Viber sichert zwar in den AGB zu, die Kontaktdaten nicht weiter zu geben. Doch schließt das nicht die Möglichkeit aus, im Namen eines Mitglieds an sein gesammtes Adressbuch eine SMS zu verschicken: „Komm zu Viber! Ich bin auch schon dabei!“ Und wie leicht Datenbanken gehackt werden können, hat der Fall Sony gerade bewiesen.
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Autor: Daniel Bröckerhoff

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Freier Journalist, TV-Reporter, Autor und Regisseur für Fernsehen und Online.
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