Cognitive Cities: Die Stadt bekommt ein Bewusstsein

Von Tobias Moorstedt

Die Stadt, schrieb der Kritiker und Flaneur Walter Benjamin, ist wie ein Buch, das man lesen kann, mit den Augen und den Füßen und allen Sinnen. Die Straßenschilder, Lichtsignale, Richtungspfeile und Werbeplakate geben den Bewohnern wichtige Informationen und Navigationshilfen. Das Zeichenrepertoire der traditionellen Stadt jedoch bildet ein eher langweiliges Buch, ist kein spannender Roman, sondern eine Bedienungsanleitung. Das könnte sich bald ändern, glaubt man den Vordenkern der Idee von “Cognitive Cities“ – den Städten mit einem eigenen Bewusstsein.

Mit freundlicher Unterstützung von “Elektrischer Reporter“,
heute um 22.45 Uhr im ZDFinfokanal.

Der Science-Fiction-Autor Warren Ellis denkt dabei an Städte, “die dir deine Fragen beantworten können, die auf ihre Bewohner reagieren, die dir alle Informationen, die eine Stadt beinhaltet, auf ein Telefon oder eine Bildschirm liefert“. Adam Greenfield, einer der Theoretiker und gleichzeitig kritischer Beobachter dieser Idee spricht in seinen Vorträgen stets von “The long here and the big know“ und meint damit, dass die intelligente Stadt alles über ihre Geschichte verrät (the long here) – also zum Beispiel die Historie von bestimmten Bauwerken, an denen sich ein Besucher gerade aufhält – und zugleich auch in der Lage ist, alles anzuzeigen, was sich gerade an einem Ort abspielt, vielleicht welche Menschen dort sind und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben (the big know).

Im 21. Jahrhundert lebt der Stadtbewohner also nicht nur zwischen Betonmauern und Metallschildern, sondern bewegt sich auf einer urban-digitalen Oberfläche, die er jederzeit anzapfen kann – Stadtautobahn und Daten-Highway sind eins. In der intelligenten Stadt sammeln Kameras, Sensoren, Mikrophone und Automaten unendlich viele Daten über Verkehrsströme, die Luftqualität oder die Kommunikationsaktivitäten der Einwohner. Die Stadt hat Sinnesorgane und ein Gedächtnis – plötzlich ist es möglich, das Stadtleben in Echtzeit abzubilden und zu analysieren.

Der Weg des Mülls

Am renommierten MIT in Boston untersuchte man zum Beispiel den Weg des Hausmülls von San Francisco, um herauszufinden, auf welchen – bislang unsichtbaren Wegen – der Müll durch die Städte wandert. “Das Interessante ist schon, einfach mal die Komplexität dieser unsichtbaren Infrastrukturen vor Augen geführt zu bekommen”, sagt Dietmar Offenhuber, der ein Jahr am SENSEable City Lab des MIT (Massachusetts Institute of Technology) an dem Projekt Trash Tracker mitgearbeitet hat.

Vielleicht fördert das Projekt “Trash Tracker” ja tatsächlich Umweltbewusstsein und Recycling. Die urbane Informationsrevolution bringt unendlich viele Anwendungsmöglichkeiten hervor, mit denen der Nutzer oder Bürger je nach Position und Interessenlage auf das Geschehen reagieren kann: Apps und Programme berichten über Staus, freie Parkplätze in der Gegend oder die aktuelle Wartezeit in einer Behörden. Der Mensch erhält dank Datenbanken und mobilen Endgerät neue Sinne, um die Stadt zu lesen.

Bewohner werden selbst zu Datenquellen

Die Bewohner sind jedoch nicht nur Nutzer der urbanen Datenbanken, sondern auch Beobachtungsgegenstand und Informationsquelle. “Wenn ich an der Bushaltestelle stehe und merke, der Bus kommt nicht um sieben Minuten nach zehn, sondern fünf Minuten zu spät, kann ich das zurück melden. Und wenn viele Fahrgäste das tun, erhält man ein System, welches diese Daten visualisieren und anzeigen kann”, sagt Adam Greenfield.

Die intelligente Stadt – wird durch dieses ständige Geben und Nehmen von Daten selbst zu einem lebendigen Wesen. Aber mit welchem Charakter? Handelt es sich um einen Ratgeber, eine Klatschtante, den Freund und Helfer oder doch einen Blockwart? Architektur, sagt der Software-Guru Mitch Kapor, ist Politik. Und das gilt nicht nur für Mauern und Schranken und dicke Eisentüren, sondern auch für den Programm-Code der Stadtsoftware. “Wer hat das Recht, diese Aufmerksamkeit zu okkupieren und was passiert mit meiner Information?”, fragt Dietmar Offenhuber. “Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass man, wenn man diese Dienste nutzt, gleichzeitig auch Daten über sich selbst preisgibt”, sagt Adam Greenfield.

Die intelligente Stadt weiß Bescheid über unseren Aufenthaltsort, Identität, unsere Ansichten und Vorlieben. Was geschieht damit? Gegenwärtig gibt es einen Kampf um die Seele der intelligenten Stadt. Software-Giganten wie IBM, Cisco oder Oracle werben mit Slogans wie “Smart City” um das Milliardengeschäft des urbanen Betriebssystems. Sicherheitsbehörden interessieren sich für Videosoftware, die Gesichter erkennt, Bewegungsprofile erstellt und verdächtiges Verhalten identifiziert, und Konzerne und Werber schwärmen davon, die Zielgruppen dank Videoanalyse und Handy-Peilung noch direkter ansprechen zu können. Nutzt man die Macht der intelligenten Stadt, um möglichst schnell von A nach B zu kommen oder ein bestimmtes Produkt zu finden oder kann man die Stadt und ihre Bewohner neu kennenlernen?

Klare Regeln gefordert

Adam Greenfield möchte vor allem eins, dass es von Anfang an klare Regeln gibt: “Was ich meine ist, dass wir eine gesetzliche Festlegung benötigen, in der steht, was diese Systeme sind, was sie können und wie die Daten verfügbar gemacht werden.” Besonders wichtig sei es, dass sich nicht private Unternehmen dieser neuen Infrastruktur bemächtigen, sie in Eigenregie betreiben und nutzen. Der Strom an Daten müsse offen, frei zugänglich und verfügbar für jeden sein, der diese Daten nutzen wolle.

Das traditionelle Leben in der Stadt wird durch Gesetze, Verkehrsregeln und ungeschriebene Konventionen bestimmt. Für den neuen urban-digitalen Raum hat man noch keine Regeln gefunden. Während Deutschland also heftig über Google Streetview, Wikileaks und Facebook diskutiert, erlangen Themen wie Offenheit, Transparenz und Privatsphäre auch im realen Raum eine enorme Bedeutung, die weder Öffentlichkeit noch Politik realisiert haben.

Kommentieren | 18. Mai 2011 | 11:06 Uhr | Twittern | Facebook

Was sagen Sie dazu?