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Twittern im Sekundentakt: Ai Weiweis kunstvolle Regimekritik
Er twittert auf Chinesisch, hat mehr als 55.500 Follower und folgt selbst fast 7.000 Leuten. Manchmal setzt er seine Tweets eruptionsartig ab. Der chinesische Künstler Ai Weiwei ist eine Art Kommunikationsmaschine, die nie stillsteht. Er hat die Regimekritik zur Kunstform entwickelt.
Als Ai Weiwei am vergangenen Wochenende von den chinesischen Sicherheitsbehörden die Mitteilung erhielt, er dürfe bis Sonntagabend sein Haus nicht mehr verlassen, damit er nicht am Protest-Happening gegen den Abriss seines Ateliers in Shanghai teilnehmen kann, mag er sich gedacht haben: “Jetzt erst recht!”
Für Ai Weiwei war der Arrest ein Ausgehverbot, aber dank Internet keine
Kommunikationsblockade. Teilweise im Sekundentakt erreichten die Tweets
des 53-Jährigen trotz Zensur ihre Leser. In mehr als 300 Kurznachrichen
tauschte er sich mit seinen Freunden und Anhängern aus – teilweise
überraschend kritisch und manchmal nur in Andeutungen oder mit einem
Augenzwinkern.
Ai Weiwei lässt sich nicht stoppen
Ai Weiwei ließ sich auch diesmal nicht durch Repressalien stoppen. Im
letzten Jahr wurde er von chinesischen Polizisten vor seiner Abreise zur
Ausstellungseröffnung nach München krankenhausreif geschlagen. In
Deutschland angekommen, musste er sich einer Notoperation unterziehen,
was ihn aber nicht davon abhielt, Bilder vom Krankenbett per Twitter zu
verbreiten.
Weltweit bekannt wurde er aber nicht durch seinen Netzprotest, sondern
durch seine Kunst, beispielsweise mit seinem Entwurf für das so genannte
“Vogelnest”-Olympiastadion in Peking. Aktuell werden in der Londoner
Tate Modern seine Millionen Porzellan-Sonnenblumenkerne ausgestellt –
alle handgefertigt und individuell. Seine Bekanntheit und seine
Unbeugsamkeit gepaart mit offener Regimekritik treiben die chinesische
Regierung immer wieder zur Verzweiflung und neuen Zwangsmaßnahmen gegen
ihn.
International gefeiert und vor der eigenen Haustür von
Staatssicherheitsbeamten bewacht. Dementsprechend lesen sich Ai Weiweis
Dialoge auf Twitter dann auch fast wie eine kleine Satire auf den
chinesischen Staatsapparat. So postete Ai am ersten Tag seines
Hausarrests: “Lange nicht mehr so gut geschlafen”. Antwort-Tweet: “Kein
Wunder, vor Deiner Türe stehen ja auch Deine “Behüter” und passen auf,
dass keine Einbrecher kommen.”
“Lehrer Ai”, schreibt ein anderer Fan, “wünsche Dir ein schönes
Wochenende!” Ai: “Danke sehr, ich werde es geborgen in den Armen des
Vaterlandes verbringen!” Wieder ein anderer lobt: “Ai Weiwei, toll, die
Aktionen, die Du durchziehst! Du bist Ohnegleichen!” Ai: “Ich würde
derzeit eher sagen: ohne Wahl.”
Twitter-Ironie ist Galgenhumor
Doch die Twitter-Ironie ist auch Galgenhumor, denn Ais politisches
Protestgebahren ist in China eine riskante Angelegenheit. Dennoch greift
er mit seinen Retweets auch heikle Postings anderer Nutzer auf:
„Erinnerungen an meine Begegnung mit der Polizei: Der Polizist meinte zu
mir ‘Warte nur, mit Dir rechne ich später noch ab. Und am Ende bist Du
tot und dann wird keiner wissen, woran Du gestorben bist.’”
Jeden Tag veröffentlicht Ai Weiwei auf Twitter außerdem die jeweiligen
Geburtstage von den mehr als 5.000 Kindern, die bei dem großen Erdbeben ![]()
von Sichuan 2008 ums Leben gekommen sind. Auch dies ist ein politisches
Statement, wie schon die 5.000 Schulrucksäcke an der Fassade des
Münchener Haus der Kunst bei seiner Ausstellung dort. Ai wirft mit
diesen Aktionen der Regierung vor, die Aufklärung der Todesfälle zu
behindern.
Über seinen eigenen Hausarrest kann Ai Weiwei, Sohn des berühmten
chinesischen Dichters Ai Qing, zwar lachen, doch wird auch seine
Betroffenheit deutlich: “Ich meine, als ehrenhafter Mensch vom Staat
einfach unter Hausarrest gestellt zu werden, ist eine ziemlich ernste
Angelegenheit.”Oder er kommentiert unverhohlen: “Der Totalitarismus kann
seine Menschen nicht sterben lassen. Er kann nur Deine Freude
einschränken. Jeden Tag und jede Stunde. Bis Du irgendwann die Fähigkeit
verloren hast, überhaupt Freude zu empfinden.”
Ai Weiwei und seine Mitstreiter beschwören auf Twitter darum wieder und
wieder den gemeinschaftlichen Geist des „Gras-Schlamm-Pferdes
(chinesisch: Caonima)”, je nach Schreibweise verbirgt sich dahinter ein
verbotenes Schimpfwort. Dieser Begriff, ursprünglich in der Bloggerszene
entstanden, steht heute für den Widerstand gegen die chinesische
Zensur.
Mittlerweile ist der Name des Künstlers selbst zum Unwort geworden:
“Ai”, schreibt ein Fan an diesem Wochenende, “ich habe gerade etwas über
Dich auf der Renren-Webseite gepostet. Doch binnen Minuten war es
wieder gelöscht. Du bist jetzt ein sensibles Wort geworden!”
Per Twitter die Zensur umgehen
In Chinas Internet werden Wörter und Namen, die als politisch heikel
definiert sind, automatisch gelöscht. Anders auf Twitter, das, ebenso
wie Facebook, in China eigentlich verboten ist. Doch so wie Ai Weiwei
verschaffen sich viele Chinesen mit guten Internetkenntnissen Zugang
über internationale Netzwerke. Anleitungen dazu gibt es im Internet
selbst. Ein Tweet an Ai Weiwei lautet: “Hey Ai, hier bin ich, habe
gerade gelernt, wie man die great firewall umgeht. Übrigens: Hast Du
noch ein paar Sonnenblumenkerne zu verschenken?”
Ai Weiwei mundtot zu machen, ist den Behörden also nicht gelungen. Und
auch die Protestaktion vor seinem Atelier hat stattgefunden. Laut Ai
Weiwei ist sein neuer Werkstattkomplex, der über eine Million Dollar
gekostet haben soll, mit behördlicher Erlaubnis und sogar auf
ausdrückliche Aufforderung erbaut worden. Die Shanghaier Stadtverwaltung
behauptet jedoch das Gegenteil und hat nun den Abriss beschlossen.
Ob dies eine weitere Strafaktion wegen Ais politischem Engagement ist,
bleibt unklar. Am Sonntag fanden sich jedenfalls trotz Warnung lokaler
Behörden, nicht an der Veranstaltung teilzunehmen, hunderte unbeirrter
“Caonimas” vor Ais Atelier in Shanghai ein und twitterten dem
verhinderten Gastgeber nach Hause: “Lehrer Ai, wir sind vor Ort und
halten die Stellung!”
Statt Öffentlichkeit zu verhindern, haben es die chinesischen
Sicherheitsbehörden mit ihren Repressalien an diesem Wochenende sogar
noch geschafft, dem kreativen Ai Weiwei selbst neues Material zur
Verbreitung im Internet zu liefern. So nutzte er die Gelegenheit, die im
Auto vor seiner Pekinger Haustüre ausharrenden Sicherheitsbeamten auf
die Schippe zu nehmen. In einem kurzen Video, das Ai am Sonntag Abend
via Twitter veröffentlichte, gehen zwei seiner Freunde ungeniert auf ein
Auto ohne Nummernschild zu und verwickeln die völlig verdutzten
Bewacher in eine lächerliche Konversation:
-”Kann es eigentlich sein, dass Ihr schon seit zwei Tagen hier parkt?
Ihr habt ja gar kein Nummernschild!”
-”Tut das was zur Sache?”
-”Wartet ihr vielleicht auf jemanden?”
-”Das können wir nicht sagen.”
-”Es ist doch so furchtbar kalt hier draußen, geht doch lieber nach
Hause was Leckeres essen!” ·
-”Uns ist aber gar nicht kalt!”
Dieses absurde Umdrehen des Spießes konnte selbst den Häschern für einen
kurzen Moment ein Grinsen entlocken.
Ai Weiwei auf Twitter: https://twitter.com/aiww
Ai Weiwei-Ausstellung in der Londoner Tate Modern: http://www.tate.org.uk/modern/exhibitions/unileverseries2010/default.shtm
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2 Kommentare | 10. November 2010 | 09:30 Uhr |
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Indem die westlichen Staaten der chinesischen Wirtschaft in den Arsch kriechen, unterstützten sie das totalitäre politische System dort nur. Daran zeigt sich, dass für Politiker aus dem Westen Freiheit, Demokratie und Menschenrechte nur Lippenbekenntnisse sind, die verkündet werden, wenn es in den Kram passt und nicht, wenn es darauf ankommt.
Gibt es eigentlich was Neues von Ai Weiwei? Der darf nicht in Vergessenheit geraten!