Deutsches Google Street View: Die verschleierte Stadt

von Peter Glaserstreetview02.jpg

Es hat etwas von einer Bhurka-Invasion, nur dass in diesem Fall nicht Frauen-Gesichter hinter einem Stoffschleier verschwinden, sondern Hausfassaden hinter Pixelschleiern. Google legt 20 deutschen Städten die Daten-Burkha an. 

Ein Google-Foto-Fahrzeug.
Foto: Julius Endert

Für den in Deutschland frisch gestarteten Panoramadienst Google Street View hat sich das kalifornische Werbeunternehmen auf Anregung deutscher Datenschützer hin der Selbstverpflichtung unterworfen, jedem Einwand gegen das Fotografieren eines Gebäudes stattzugeben und die entsprechende Fassade in der visuellen Straßendurchfahrt durch Unschärfeflächen unkenntlich zu machen.

Durch das Internet werden die Wände, die uns umgeben, zunehmend durchlässig. Immer mehr vormals Privates wird öffentlich. Schnappschüsse, die früher in Schuhkartons im Wohnzimmerschrank vergilbten, werden nun auf Fotoportalen wie Flickr millionenfach vor den Augen der Welt ausgebreitet. Was bisher auf Dachböden und Kellern in aller Herren Länder verborgen war, läßt sich auf Ebay durchwühlen. Über Mitmach-Netze wie Facebook und Twitter teilen die Menschen mit, wo sie sind und was sie tun.

 

Street View entzweit die Geister

Google Street View entzweit die Geister. Die einen sehen das Angebot als Teil einer rasch anwachsenden digitalen Öffentlichkeit, in der jeder quasi automatisch Mitglied ist. Wer seine Hausfassade nicht digitalisiert sehen möchte, gilt als gestrig. Andere fühlen sich regelrecht überrollt und von den aus fast drei Meter Höhe über Hecken und Zäune fotografierenden Google-Kameraautos ausspioniert. Fotografen dagegen sehen die Panoramafreiheit gefährdet, also das Recht, in der Öffentlichkeit ohne besondere Genehmigung fotografieren zu dürfen. Manche fürchten, Einbrecher könnten die Bilder zu ihren Zwecken nützen. Über eine Zunahme der Kriminalität in den Städten, in denen Street  View bereits zum Teil seit drei Jahren verfügbar ist, war bisher allerdings noch nichts zu hören.

Dass ein Dienst, der kostenlos der Öffentlichkeit etwas Öffentliches zur Verfügung stellt, eine solche Kontroverse auslöst, während beispielsweise Adresshändler seit langem weitaus intimere, mikrogeografische Daten von Häusern und ihrer Bewohner zu Millionen sammeln und verkaufen, zeigt, dass StreetView stellvertretend für ein Unbehagen an dem vielfältigen digitalen Wandel steht. Die Firma Google hat sich im Vorfeld allerdings alles andere als geschickt angestellt. So wurde bekannt, dass von den Kamerafahrzeugen im Vorbeifahren nicht nur Fotos aufgenommen, sondern auch Funknetze belauscht worden waren.

Der praktische Nutzen, etwa für Wohnungssuchende, die einen Eindruck von der Umgegend bekommen möchten oder für Rollstuhlfahrer, die nach einem barrierefreien Zugang Ausschau halten, wird durch die Verknüpfung mit zusätzlichen Informationen ohne Zweifel bald zunehmen. Ladenbetreiber oder Hotels werden Interesse daran haben, die bloßen Fotos ihrer Immobilie auch interaktiv zugänglich zu machen. Hier zeichnet sich schon der nächste Schritt der Digitalisierung ab: Die Besitzer von Geschäften werden mit Sicherheit die ersten sein, die einer Erfassung von Innenräumen, ob fotografisch oder dreidimensional, zustimmen werden, um ihr Angebot in aller Ausführlichkeit darbieten zu können, gefolgt von öffentlichen Gebäuden wie Museen und durchaus auch Behörden.

 

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Widerstand gegen die Hopplahopp-Methoden von Google macht nichtsdestotrotz Sinn. Das durch unkenntlich gemachte Fassaden getrübte Vergnügen einer virtuellen Fahrt durch die Stadt kann auch einen Konzern wie Google dazu bringen, seine immer neuen Dienste vielleicht nicht mehr ganz so aggressiv wie bisher einzuführen. 

Der Gärtnerplatz in München, wie er in Street View erscheint: einige Häuser sind unkenntlich gemacht. Foto: Google Street View, Screenshot

 

Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter

Im übrigen sind es längst nicht mehr nur virtuelle Technologien, die eingreifen in das, was Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter bedeutet. Wer die automatische S-Bahn zwischen dem Hafen der japanischen Stadt Kobe und der davor künstlich angelegten Insel Rokko benutzt, kann während der Fahrt ein bemerkenswertes Phänomen beobachten. An einigen Streckenteilen fährt der Zug sehr nahe an Wohnhäusern vorbei, jeweils kurz davor werden die Fensterscheiben des Zugs plötzlich undurchsichtig – um die Privatsphäre der Anwohner zu schützen. Die Scheiben sind aus sogenanntem “Privacy Glass” gefertigt, das sich auf Knopfdruck zwischen durchsichtig und milchig umschalten läßt. Kleine Signalgeber an der Strecke teilen den Zugfenstern automatisch mit, wann sie den elektronischen Vorhang zuziehen sollen und wann der Blick wieder freigegeben werden kann in die Bereiche, die uns gemeinsam verfügbar sind – in die Öffentlichkeit.

Ein Kommentar

  • Anti-Like: Europa gegen Facebook
    10.11.2011, 14:55 Uhr.

    [...] der Hysterie um Google Streetview sind die Deutschen weltweit als Daten-Mimosen bekannt. Da wirkt es stimmig, dass [...]

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