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Atom-Werber kapern Castor-Demo
Massendemonstration gegen verlängerte Atom-Laufzeiten und Castor-Transport – und mittendrin marschieren ein paar Leute, die etwas ganz anderes im Sinn haben.
Foto: sixt
Ein vermutlich absichtlich verwackeltes Video zeigt, wie sie sich unter die Demonstranten mischen und ihre mitgebrachten Plakate entrollen. „Stoppt teure Transporte” ist auf den Bannern zu lesen. Gemeint ist allerdings nicht die Atommüll-Lieferung. Stattdessen empfehlen die Banner potenziellen Mietwagenkunden, bei Bedarf ein günstiges Fahrzeug des Autovermieters Sixt zu mieten.
Im Firmenblog jubelt Sixt über seinen „Castor-Coup”, „dokumentiert und verbreitet von der zahlreich erschienenen Presse” (http://www.sixtblog.de/werbekampagnen/der-castor-coup-von-sixt/). Doch unter den rund 200 Nutzer-Kommentaren zu dem Blog-Eintrag und auf der Facebook-Seite von Sixt finden sich neben vereinzelten Befürworterstimmen vor allem solche, die mit der Aktion hart ins Gericht gehen. „Niveaulos”, heißt es dort und „völlig neben der Spur”. Auch bei Twitter lief vor allem negatives Feedback auf. „Es gibt aber auch Leute aus der Kommunikationsbranche, die finden das sehr gelungen”, sagt der PR-Fachmann Björn Eichstädt. „Wenn Sixt mit vergleichsweise wenig Geld eine große Aufmerksamkeit generieren wollte, dann ist das gelungen.”
„Dass Sixt mittlerweile JEDEN politischen Anlass” mit Werbung kapere, „finde ich nicht mehr lustig, sondern anbiedernd-nervig”, twitterte am Montag hingegen Martin Oetting, Experte für virales Marketing (http://twitter.com/oetting).
Sixt bedient sich in der Politik
Sixt greift seit langem immer wieder politische Motive in seinen Kampagnen auf – „egal wie sehr der Zusammenhang zum aktuellen Thema an den Haaren herbeigezogen wird”, meint Eichstädt. Viel beachtet wurde etwa die Cabrio-Werbung, die Angela Merkel mit vermeintlich vom Fahrtwind zerzauster Frisur zeigte. „Schwierig ist hier, dass es sich nicht um einen Politiker dreht, der immer im Rampenlicht steht, sondern um Bürger, die sich für ihre Interessen einsetzen und dafür etwas auf sich nehmen”, erklärt Oetting im Gespräch mit Hyperland.
Ausgedacht und umgesetzt wurde die „beispiellose Guerilla-Aktion” (Sixt-Eigenlob) von der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. Deswegen ist es vielleicht nicht erstaunlich, dass die Bild.de das Sixt-Video bereits als „der Renner im Internet” anpries, als dieses erst von einigen hundert YouTube-Nutzern angeguckt worden war. „Bild” ist Jung- von-Matt-Kunde.
Jung-von-Matt geht selbst gegen Trittbrettfahrer vor
Nicht nur das: Die Werbeagentur arbeitet auch für den Energiekonzern RWE. Und unmittelbar vor der politischen Entscheidung zur Verlängerung der
Atomlaufzeiten war Jung von Matt außerdem für den „energiepolitischen Appell” verantwortlich – eine Anzeigenkampagne, in der sich RWE-Chef Jürgen Großmann und weitere deutsche Topmanager für die Kernenergie einsetzten.
Foto: Fiete Stegers
Fragwürdig mutet noch etwas anderes an. 2009 drohte die Agentur, die nun die Anti-Atomkraft-Demonstration als Werbekulisse nutzte, ihrerseits einer Umweltschutzorganisation rechtliche Schritte an, weil diese ein RWE-Plakat parodiert und für ihre Zwecke verwandt hatte (http://www.urgewald.de/index.php?page=12-185-664). Jung von Matt gab auf Nachfrage keine Stellungnahme dazu ab.
Werbebranche lebt von Grenzüberschreitungen
Ist die Castor-Aktion nun ein Rohrkrepierer? Schwer zu sagen, meint Marketing-Experte Oetting: „Die bewusste Provokation gehört ja dazu. Sixt will anecken. Das passt zur Marke. Und es kann natürlich sein, dass die Mehrheit der potenziellen Sixt-Kunden Atomfreunde sind.” Falls ja, dann haben sich diese im Web noch kaum zu Wort gemeldet – sondern vor allem solche, die ankündigen, nun auf andere Autoverleiher ausweichen zu wollen. „80 Prozent derjenigen, die sich jetzt im Internet aufregen, haben ein Eigeninteresse – zum Beispiel, weil sie sich selbst als die besseren Social-Media-Berater profilieren wollen”, kommentiert dagegen Eichstädt die Reaktionen im Web. „In einer Woche ist die Erregung abgeflacht und die Sache vergessen.” Welchen moralischen Ansprüchen Werbung genügen müsse, sei freilich eine andere Frage: „Die Branche lebt von Grenzüberschreitungen.”
Weitere Links:
„Voll daneben” meint Blogger Matthias Priebe
http://www.mathias-priebe.de/wordpress/?p=1148
„Geniale Werbung” sagt Dimodo
http://www.dimido.de/geniale-werbung-von-sixt-bei-der-castor-demo
Off the record: „7 Sünden von Jung von Matt”
http://off-the-record.de/2010/11/09/sixt-und-andere-sauereien-7-suenden-von-jung-von-matt/
(Das ZDF ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Webseiten)
Kommentieren | 09. November 2010 | 15:38 Uhr |
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