Und gerade eben: Ausgerechnet Lahm!!!!!!! Der Bursche, der bei einem Gegentor kräftig mitgeholfen hat - der im, am oder überm Strafraum dermaßen umgesäbelt wurde, dass ich dachte: o.k. - Elfmeter sind soeben abgeschafft worden - zumindest wenn es sich um ein EM-Halbfinale auf Schweizer Boden mit einem Schweizer Schiedsrichter handelt. Und schließlich auch derjenige Philipp, der seinem Gegner in der Tabu-Zone dann auch ein bissl am Trikot rumgezuppelt hat. Aber dann kam ja der Monsieur-permanent-online-UEFA-Chef Platini, der zum x-ten Mal das Telefon zückte und Signore Busacca ins Ohr flüsterte: "Also jetzt aben wir ausgleischend Gereschtischkeit - jetzt Sie könne pfeife, was sie wolle..." Und dann hat der Signore des Philipps Vorstoß nicht abgepfiffen, trotz der Straftatbestände "Unbotmäßiges Eindringen in des Gegners Strafraum" und "in-bester-Türkenmanier-ein-last-minute-Tor-erzielen".
Soso: noch zwei Stunden bis zum Anpfiff. Die Spannung steigt, das Fieber auch. Aber erstmal die wichtigste Nachricht: der Blog lebt!!!! Dank der verehrten Kollegin KMH, die anscheinend nicht nur vom Fußball-, sondern auch vom Blog-Fieber gepackt worden ist. Kompliment, Katrin - Klasse ! Du vertrittst uns mehr als würdig - uns unwürdige, daheimgebliebene, Fußball im trockenen Wohnzimmer Guckende...... Darf ich Dich im Namen aller abwesenden Blogautoren beglückwünschen zu Deinem Fleiß ???? Aaaaaaaber: ich wette, vorm Spiel kriegst Du keinen Eintrag mehr hin. Jetzt heißt es: schaffe, schaffe fürs Hauptprogramm.
5:0 lautete
Youri Mulders Tipp vor dem Viertelfinale seiner Holländer gegen Russland - und
ich glaub ihm das auch noch! Nun fahren die Holländer wieder heim - und ganz
ehrlich: ich finde das sauschade.
Also gut, ich schreib's doch, weil so viele Kollegen gesagt haben, ich solle es tun. Und weil es so unglaublich ist und doch irgendwie so alltäglich.
Auf dem Weg nach Salzburg, Unterbringung nicht in der Stadt, sondern in einem Dorf vor der österreichischen Grenze. Ein volkstümlicher Gasthof, musizierende Wirtsleute, hemdsärmelige Misthaufen-Atmosphäre statt Mozart-Metropole, könnte lustig werden!
Ein leicht verwirrter junger Mann an der Rezeption sagt, es gebe ein Problem am Aufzug, wir sollten die Treppe nehmen. Also gut, 20kg-Koffer und zwei Arbeitstaschen stemmen, es gibt wahrlich andere Probleme als zwei Stockwerke zu besteigen.
Am Fuß der Treppe der erste Schock: zwischen Aufzug und Flur liegen 2 Frauenwaden auf dem Boden. Als ich um die Ecke schaue, entdecke ich den ganzen Körper und den Notarzt. Herzmassage, Reanimierung, „das geht gleich zu Ende," sagt mein medizinkundiger Kollege Laurens. Die ältere Dame auf dem Fußboden stirbt tatsächlich, der Wirt des Hauses steht mit verschränkten Armen daneben und kein Mensch kommt auf die Idee, die Szene abzuschirmen vor den neugierigen Blicken anderer Pensionsgäste. Ein unwürdiger Tod zwischen Aufzug und Treppe, aus der Küche wabert Fritteusengeruch, am Zapfhahn plätschert Bier ins Glas.
Heute abend
ereilt also Frankreich, Italien oder Rumänien das gleiche Schicksal wie zuvor
Schweiz, Österreich, Tschechien, Polen und (schon sicher feststehend)
Griechenland: das Aus in der Vorrunde. Aber sie gehen nicht allein. Auch ich
werde mich verabschieden, von dieser Euro, von diesem Blog. Egal, wie das Spiel
Niederlande-Rumänien, unser letztes Spiel bei dieser Euro 2008, ausgehen wird:
Morgen früh treten Reporter Wolf-Dieter Poschmann, dem ich ja als Redakteur zur
Seite sitze, und ich die Heimreise an. Fortan werde ich also auch nur noch als
Fußball-Fan die weiteren Spiele vorm Fernseher verfolgen.
Doch es
hilft ja nicht und verbietet sich auch, jetzt über den Modus dieser EM zu
jammern. Schließlich hatten ja alle die gleichen Voraussetzungen. Und so hätten
die Franzosen oder Italiener ja auch einfach gegen die Niederlande oder
Rumänien gewinnen können. Dann wären sie nicht auf Schützenhilfe der Holländer
angewiesen. Und wir als Reporterteam hätten eben noch besser das Spielgeschehen
rüberbringen sollen, weniger Fehler machen sollen, noch bessere Infos geben
sollen. Ich nehm es sportlich, gebe heute noch mal 90 Minuten alles - und mir
vor, beim nächsten Mal noch besser vorbereitet zu sein.
In Wien beim superspannenden Kick Österreich-Polen habe ich wieder einiges über den Fußball und seine Freunde gelernt. Nämlich, dass sich der wirklich wichtige Fußballfan durch folgende Kriterien auszeichnet:
- 1. der VIP kommt möglichst spät zum Spiel (und damit schließe ich ausdrücklich den lieben Kollegen Norbert König aus, der eine Flugreisenodyssee erst kurz vorm Anpfiff beendete - wird er sicher in seinem nächsten Blog drüber schreiben, gell Norbert?)
- 2. der VIP lässt sich vom „Fußvolk" im Stadion gerne in entsprechende Stimmung versetzen - als stiller Genießer, selten als mitmachender Fan.
- 3. der VIP verweilt nach Spielschluß gerne noch in der Atmosphäre - des VIP-Caterings, für das er oder irgendwelche EM-Sponsoren schließlich ja auch viel bezahlt haben.
- 4. der VIP wird erst dann ein Super-VIP, wenn er danach aber auch sofort abreisen kann. Jede Sekunde zählt. Das Leben ist ja auch zu schön.
Vielleicht sollten sich diese VIPs und ihre Gehilfen aber auch merken: das Leben des normalen Fans ist ebenfalls schön. Und der normale Fan möchte es in der Regel auch gern weiterführen und nicht von einem Vollgas fahrenden VIP-Konvoi noch im Stadion-Bereich überrollt werden. So wie gestern in Wien, als sich das zahlende Fußvolk zahlreich nur durch einen Sprung zur Seite retten konnte. Um in der Fußballersprache zu bleiben: ein grobes Foulspiel.
Leute, dies ist ein verzweifelter Aufruf! Nicht etwa in eigener Sache (wie mancher Blogger jetzt vermuten könnte), nein, ich sage euch: „Spendet für die UEFA!"
Folgendes ist passiert: ein Kollege verabredet sich zum Interview mit der portugiesischen Fußballlegende Eusebio. Der wird vom Pressechef der Portugiesen an eine Ecke hinter das Medienzentrum im Stade de Geneve gebracht, Eusebio humpelt, deshalb nicht der weite Weg in die offizielle Interviewzone. Das Interview wird im ZDF gesendet und sorgt für großes Aufsehen.
Der Protest der UEFA kommt umgehend, das Interview sei in einer „verbotenen Zone" gemacht worden, der verantwortliche Redakteur soll benannt und seine Akkreditierung eingezogen werden.
Warum die UEFA so etwas macht? Das Interview hätte vor einer Stellwand mit den Logos der Sponsoren stattfinden müssen, es geht ums Geld und nichts anderes! Könnte also eine Riesenloch in die Kasse der UEFA gebracht haben, diese eineinhalb Minuten ohne Logos. Deshalb meine Bitte: trinkt mehr Cola, prügelt euch noch mehr Big Macs rein, kauft die neue Spiegelreflexkamera von Canon, unterstützt JVC, schafft euch neue Adiletten an, lasst das Bargeld stecken, bezahlt auch kleinere Beträge mit der master card und trinkt ein paar Carlsberg auf diese EM! Das schmeckt euch nicht? Dann spendet bitte für die UEFA!
Das schönste, was gestern Abend in Basel eintreten konnte, ist tatsächlich eingetreten. Damit meine ich nicht das Ausscheiden der Schweiz oder die Wiederauferstehung der Türkei. Auch nicht, dass sich diese Partie trotz zwischenzeitlich irregulärer Bedingungen von Wasserspielen zu einem mitreißenden, temporeichen, spannenden Fußballspiel entwickelte. Nein, es war für mich als Redakteur vor Ort schlichtweg ein Höhepunkt in meiner Karriere, diese Atmosphäre miterleben zu dürfen. Auf den Zuschauerrängen und vor allem auf dem Platz: Bedingungsloser Einsatz beider Teams, aufopferungsvoller Kampf um jeden Ball auf beiden Seiten. Aber niemals ein unfaires, geschweige denn gehässiges Spiel.
Toll, wie die Akteure auf dem Platz miteinander umgegangen sind. Freundliche Umarmungen, selbst nach einem Foulspiel - heutzutage ohnehin schon nicht mehr alltäglich. Aber angesichts der bewegten Vorgeschichte dieses Duells umso bemerkenswerter. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Und darum hat die Türkei dieses Spiel zwar sportlich für sich entschieden. Aber gewonnen haben beide Nationen. Und der Fußball auch. Wäre zu schön, wenn's heute in Wien und Klagenfurt so weiterginge.
Regel 11 -
Abseits
- wenn er der gegnerischen Torlinie näher ist als der Ball und der vorletzte Abwehrspieler.
- in seiner eigenen Spielfeldhälfte oder
- auf gleicher Höhe mit dem vorletzten Abwehrspieler oder
- auf gleicher Höhe mit den beiden letzten Abwehrspielern.
- ins Spiel eingreift oder
- einen Gegner beeinflusst oder
- aus seiner Stellung einen Vorteil zieht.
- einem Abstoß oder
- einem Einwurf oder
- einem Eckstoß.
Das Leben stellt einem Redakteur in diesen Tagen schon wirklich wichtige Fragen: wer ersetzt den verletzten Emre B. heute Abend? Kann Tuncay seine Form wiederentdecken, vielleicht in anderer taktischer Position als zuletzt gegen Portugal?
Wie hat Streller seine miese Leistung gegen Tschechien verkraftet - und bekommt er überhaupt noch die Chance, sein wahres Können unter Beweis zu
stellen?
Fast
scheint's, als habe das Leben nichts Wichtigeres parat. Schließlich wollen die
taktischen Aufstellungen schon früh geschrieben sein - unsere moderne Technik
fordert ihren Tribut. Früher hat's gereicht, wenn man vorm Spiel auf den
Aufstellungsbogen schaute und sah: aha, es werden 11 gegen 11 spielen. Und nach
90 Minuten ist das Spiel vorbei.
So dämlich
ich dieses Vorgeplänkel heutzutage auch finde, so sehr freue ich mich, dass es
bei diesem speziellen Spiel heute Abend bei den seriösen Medien dann doch im
Vordergrund stand. Schließlich ist Schweiz-Türkei noch ein besonderes Spiel -
für uns Journalisten. Jeder hat die Jagdszenen von vor drei Jahren noch in
Erinnerung (oder sie wurden ihm in diesen Tagen in jedem zweiten Beitrag wieder
in Erinnerung gerufen), als sich Türken und Schweizer 2005 nach dem
WM-Quali-Spiel in Istanbul nach Spielschluss einen fürwahr offenen Schlagabtausch
lieferten. Wenn also heute eher wieder die taktische Marschroute der beiden
Teams wichtig ist, so werte ich das als gutes Zeichen: dafür, dass die Prügelei
vom Bosporus Vergangenheit ist und bleibt.
Schade nur,
dass sich die Türken bei ihrer Abschlusspressekonferenz gestern zu diesem Thema
gar nicht äußern wollten. Das wäre doch die Gelegenheit gewesen, die rein
sportliche Bedeutung der Partie in den Vordergrund zu stellen.
Bern, 16.30 Uhr, Hunger mischt sich in die Vorfreude auf Holland-Italien. Also Restaurantsuche etwas ausserhalb der überlasteten City, freundliches Gasthaus, geöffnete Tür, ansprechende Speisekarte mit lokalen Schmankerln, erste Wasserbildung im Mundraum, gleich wird es so weit sein. Im Halbdunkel des Schankraums ein Kellner mit weit aufgerissenen Augen. „Die Küche ist zu"; frage ich im Dämmerlicht, wir sind schon Kummer gewöhnt, zwischen 15 Uhr und 18 Uhr schläft Bern. „Die Küche," fragt der Kellner und bricht ab. Ich nutze die Pause, um schon mal einen Platz auszugucken, der Kellner scheint immer noch nachzudenken, lässt mir auch noch Zeit, den in der Ecke schnarchenden Dackel eingehender zu betrachten. Ja, so geht die Zeit dahin...Die Gesichtsmuskel des Kellners verraten urplötzlich wieder Leben. „Die Küche," nimmt der Bursche die vor gefühlten drei Minuten unterbrochene Antwort wieder auf, „die Küche ist zu
!" Ein Zeitlupenkellner wie aus dem Lehrbuch!
So geht das bei etwa 348 Versuchen, etwas zu Essen zu bekommen. Bern schläft und Holland erobert unterdessen Wankdorf.
Ich weiß jetzt auch, warum sich das Europameisterschaft nennt. Weil ich als Journalist durch halb Europa fliegen muss, um ein Fußballspiel gucken zu können. Umzug von Wien nach Basel. Das sind mal eben schlappe 1200 Kilometer. Und damit wir Redakteure des Zweiten Deutschen Fernsehens kein Heimweh bekommen, wohnen wir in Deutschland, ganz nah bei Freiburg. Das hat gleich mehrere unschätzbare Vorteile: Erstens sehe ich so auf keinen Fall irgendwelche Fans, die mir womöglich das Euro-Fieber übertragen könnten. Zweitens versagen hier die technischen Wunderwerke, die unsere Techniker uns zur Verfügung gestellt haben, damit wir uns überall in Österreich und der Schweiz ins Internet einloggen können. Denn wir sind ja nicht mehr in den Ausrichterländern dieser Euro 2008. Und daran haben die ZDF-Computerexperten ja nicht auch noch denken können - dass wir bei einer Euro zwischendurch quasi Heimschläfer sein würden. Dumm gelaufen, nennt man das wohl. Immerhin entgehe ich so dem Email-Euro-Begrüßungs-Überflutungsterror, der sich seit Tagen in meinem virtuellen Postfach abspielt.
Und vielleicht geht es mir als deutschem TV-Euro-Teilnehmer, der zwar nicht mittendrin, aber immer noch dabei ist, deutlich besser, als den meisten Österreichern oder Schweizern. Denn die sind zwar in der Mehrzahl noch in ihren Euro-Gastgeberländern, aber wenn die Zeichen nicht trügen womöglich bald aus der Euro raus. Beide ausgeschieden nach der Vorrunde. Man kann sich schönere Szenarien für eine Europameisterschaft ausmalen.
Doch vielleicht geht es diesen Österreichern und Schweizern immer noch besser als manchen deutschen Fußball-Fans. Denn die übernachten während der Euro in herrlichen Rigips-Zellen. Gemeinsam mit 3000 anderen Fußballfreunden in 3000 anderen Rigips-Hütten, aufgereiht in einer Messehalle, gleich neben dem Stadion. Für 34 Euro pro Nacht offenbar ein unvergessliches Erlebnis. Leider haben sich ein paar der sogenannten Fans dann direkt für Schlagen statt Schlafen entschieden. Angesichts dieser Bilder war ich hin- und hergerissen, ob ich ihnen ein baldiges Ausscheiden ihrer, unserer deutschen Mannschaft wünschen sollte: damit bald wieder alle zu Hause in einem vernünftigen Bett schlafen können.
Da gab es doch tatsächlich ein paar türkische Freunde, die meinen, mein Kommentar gestern zu Portugal-Türkei sei zu einseitig pro Portugal gewesen. Tut mir leid, wenn das so rübergekommen ist, aber eine Niederlage ist eine schlechte Nachricht und der Überbringer solcher ist auch immer gleich der Buhmann. Nur gut, dass man heute dafür nicht mehr geköpft wird...
Im Ernst: wer war denn die bessere Mannschaft, wer hatte mehr Torchancen, wer hat denn am Ende verdient gewonnen? Eine Mannschaft wie Portugal, die zudem die herausragenden Spieler stellte und ganz nebenbei drei Latten- und Pfostentreffer hatte, wird vom Reporter zwangsläufig anders und besser gewürdigt als der Verlierer. Das aber hat nichts mit Antipathien für die Türkei zu tun!
Cenevre ' den selamlar,
Thomas
Ich muss sagen, dass dies eine völlig übertriebene Darstellung ist. Sooo doof sind die doch gar nicht. Ich habe beispielsweise einen neuen Lieblingstrainer - und das sage ich ausdrücklich, bevor Österreich heute Abend ins eigene Fußball-
Eingefädelt hat dies Hicke - und sich somit Ruhe an allen anderen Fronten geschaffen. Fehlende Disziplin im Team, fehlende Klasse im Team. Alles kein Thema. Es dreht sich nur um die M-Frage. Ob's ein Macho oder ein Mann(inger) im Kasten sein soll. Der Höhepunkt gestern Abend. Abschlusspressekonferenz im Stadion. Abschlussfrage an Hickersberger: Wer denn nun gegen Kroatien im Tor stehe. Abschlussantwort: „Die Aufstellung gebe ich morgen (also Sonntag) bekannt. Und wer das Tor hütet, stand ja heute schon in allen Zeitungen." - Bis hierhin eine der üblichen Non-Sense-Antworten, wie sie Trainer so im allgemeinen gerne von sich geben. Aber dann setzte Josef Hickersberger eben einen drauf, was ihn für mich fürs Erste zu meinem Euro-Lieblingscoach macht. Er sagte schlicht noch: „Hoffen wir, dass das stimmt." Wunderbarer Wiener Schmäh.
Mehr zu Hickersberger und seinem Team
P.S. (weibliche) Vorschläge für den Titel "Mister Euro":
"Michael Ballack ist ein ganzer Kerl, hat eine ordentliche Statur. Sehr männlich, das gefällt mir." (Raquel Lehmann, auch Model)
"Ich weiß nicht, ob Buffon der beste Goalie ist. Aber er ist ganz sicher ein attraktiver Mann." (Franziska Teuscher, Nationalrätin)
Herrlich, was eine Europameisterschaft so alles schafft. Jahrelang haben die Österreicher bestimmt neidisch zu uns großen Nachbarn mit unseren großen Autos geschaut. Weil wir da seit Klinsmann zu jedem Fußballspiel nationalen Ausmaßes so schöne schwarz-rot-goldene Wimpel aufstellen. Und der Österreicher durfte nicht. Verboten per Gesetz. Der Österreicher zerrissen im Konflikt zwischen «Kraftfahrgesetz Paragraf 54» und der «Kraftfahrgesetz- Durchführungsverordnung Paragraf 26a». Danach wird unter Androhung von bis zu 5000 € Strafe festgelegt, dass nur bei hohen Beamten wie dem Bundespräsidenten Fähnchen mit Staatswappen am Auto flattern dürfen.
Aber inzwischen hat die Alpenrepublik eine Revolution erlebt. Der Mob der Straße hat gesiegt, sozusagen, und Bundeskanzler Gusenbauer in die Knie gezwungen. Eigens zur Euro hat er das Gesetz (das Sprit sparen hilft) außer Kraft gesetzt. Und die ersten Ösis zeigen Flagge. Wenige nur, aber der Ansturm kommt noch. Bestimmt. Zumal die Spritpreise hierzulande ja eh noch human(er) sind. 1.38 € für einen Liter Diesel. Jetzt gucken die Deutschen neidisch...
Nochmal Abstand nehmen vom Schauplatz - dauerlaufend die Stadt erobern, zumindest einen kleinen Teil. Tatsächlich Bäume, ein Mini-Park, ein Jogging-Pfad den kleinen Fluss entlang. Der See noch fern - das Zentrum auch.
Ein Kandidat für die Wahl "Fan-Haus der Woche". Hübscher Hinterhof, Route du Grand-Lancy, Hausnummer 62A. Geschätzt achtzehn Fahnen aus etwa zehn Teilnehmerländern - und eine Fußball-Kette als Zugabe.
P.S. Rekord schon vor dem Anpfiff. Kleine Stadien, großer Gewinn: Die UEFA erlöst mit der EURO 2008 voraussichtlich zwei Milliarden Fränkli. Glückwunsch auch von meiner Seite.
P.P.S. (Abt. wichtiger als Fußball) Atmen, Trinken, Essen, Laufen, Schlafen, süß Träumen - halten Leib und Seele zusammen. And what else ???
Hundstage am Genfer See, Dauerregen, kalt, Hotel mit Blick auf Bahngleise und aus dem Stadion nebenan klingt es, als würde der Muezzin zum Gebet rufen, dabei versucht nur ein heiserer Schweizer die Lautsprecheranlage zu testen, hoffentlich finden sie bis morgen einen geeigneten Stadionsprecher... Es gibt trotzdem viel zu lachen: unser Kollege Martin Wolff, Reporter bei der türkischen Mannschaft, erzählt beim Frühstück, dass er in der Türkei ein Star werden wird. Der türkische Sender "Lig-TV" hatte eine Live-Schaltung vom Trainingsgelände, aber keiner der Spieler war zur gebuchten Satellitenzeit zu sehen. Also setzte der türkische Moderator Martin Wolff auf einen Stuhl, Mikro in die Hand und schon ging's los! Unser Kollege Koray, der übersetzte, konnte nicht mehr verhindern, daß unser Martin groß als "Sportchef des ZDF" gefeiert wurde, eine Ehre, die durch ein eilends angefertigtes Namensinsert noch gesteigert wurde. Jetzt wird Martin in der Türkei berühmt, hat aber Angst vor den Konsequenzen des wahren Chefs, Dieter Gruschwitz.
Humor scheint sowieso das am heftigsten umstrittene Thema dieser EM zu werden. Gestern die "abbe Köpp" (hessisch, umgangssprachlich für abgetrennte Köpfe oder enthauptet) in Polen, heute findet sich dieser Link http://www.titanic-magazin.de/typo3temp/pics/23960757e2.jpg in meiner Post.
Jetzt langt auch die "Titanic" bei dieser EM hin und wieder wird die Geschmacksfrage gestellt werden. Darf ein Satiremagazin mit einem Mann, der mehrere Menschen jahrelang in ein Kellerverlies eingekerkert hatte, auf dem Titelblatt Humor betreiben oder verhöhnt das nicht die Opfer? Bin gespannt auf Reaktionen, vor allem aus Österreich, denn da ist es ja passiert...
Der Fußball-Speicher wächst und wächst. Sonderhefte, Tageszeitungen, Agenturen, Infomappen, Recherche-Gespräche, Internet-Surf-Marathon, CD und CD-Rom und DVD und persönliche Erinnerungen. Warnung des Hirn-Systemadministrators: "Die zulässige Maximal-Beladung wird in Kürze überschritten!" Egal. Suche nach externer Festplatte. Alles muss rein. Alles wird gelesen sein - vermutlich etwa Mitte Juli.
P.S. EM-Fernsehtipp für heute abend 22:30 Uhr (Fr. 6.6.): ausnahmsweise mal
ORF 1 (darf ich das hier überhaupt schreiben?): Das Wunder von Wien! (I werd narrisch - und Österreich Europameister) -> Das Wunder von Wien
P.P.S. (Abt. wichtiger als Fußball) Endlich ein paar nette Landsleute getroffen im Restaurant: maulen über Wartezeit, mäkeln über Qualität, mokieren sich über Rechnungsstellung. Herrlich !
Der Österreicher, nein halt, der Wiener, ist schon so total im EM-Fieber, dass er bereits jetzt jede Orientierung verloren hat. Ankunft vorm Wiener Ernst-Happel-Stadion, wo sich am Sonntag die ehemals Grande Fußballnation Österreich erstmals bei einer Europameisterschaft präsentiert. Hat schon fast was ehrfürchtiges, insbesondere, wenn man vor der Hundertschaft der Polizei steht. Die freundlichen Herren wollen hier für Ordnung sorgen, haben aber nix, was sie versorgen könnten. Keiner da. Außer uns. Und wir wollen wissen, wo sich das Internationale Pressezentrum, in Fachkreisen kurz IBC für International Broadcasting Center genannt, befindet. Wir können nicht mehr weit davon entfernt sein. Doch leider weiß der österreichische Ordnungshüter nicht Bescheid. Pressezentrum? IBC? Nie gehört!
Wir kehren um, weil unser Navi versagt, schließlich hat der Österreicher die Straße vorm Stadion eigens für die Euro um fünfzig Meter verlegt, so dass im Navi alles außer Kontrolle gerät. Wir drehen uns stundenlang im Kreis, fragen hier, fragen dort. Keiner kennt die Schaltzentrale, von der aus von Samstag an ganz Europa und die halbe Welt die Bilder empfangen wollen. Immerhin landen wir so mir nichts, dir nichts in einem großen Kongress eines Kommunikationsunternehmens, in dem sich alle duzen. Nett, die Österreicher. Aber eben ahnungslos.
Nach nur wenigen Stunden erreichen wir dann doch unser Ziel. Ein Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes der Wiener Messe wusste, dass es in Messehalle D zu finden wäre. Wunderbar. Die EM kann beginnen.
P.S.: Das IBC war hinterrücks nur 100 Meter von der Hundertschaft der Polizei entfernt...
P.S. Auch kopflose polnische Reporter werden noch den rechten Weg finden - hoffentlich.
P.P.S. (Abt. wichtiger als Fußball) Spritsparend Autofahren kann übrigens richtig geil sein - oder ??
Live-Reporter zu sein bedeutet auch immer, auf der Jagd nach
dem
Super-Kick zu sein, dem ultimativen Spiel, dem Highlight.
Da könnte die Gruppe A mit dem ewigen Geheimfavoriten Portugal vielleicht am ehesten alle Bedürfnisse befriedigen, diese Auswahl der extrovertierten Jungstars, von denen ausser Christiano Ronaldo fast alle bei einem Marktwert um 25 Mio Euro taxiert werden. Nani, Moutinho, Pepe, Bosingwa: die nächste sog. "Goldene Generation", nach dem 2. Platz bei der EM 2004 und dem 4. Platz bei der WM in Deutschland ist Portugal in diesem Jahr für mich der Favorit, vor Spanien und Deutschland und Kroatien. Und dann kommt da noch Quaresma, der neue Dribbelkönig Portugals, vielleicht der neue Star dieser EM neben Ronaldo?
Schon das erste Spiel am Samstag gegen die Türkei könnte eines der aufregendsten dieser EM werden, prallen da schließlich 2 Systeme aufeinander, die passen würden....für jeden Reporter ein gefundenes Fressen!



