Ode an die schlechte Laune

Endlich wieder schlechtes Wetter, wurde ja auch mal Zeit. Dieses ständige Sonnenbaden macht doch träge und viel zu gut gelaunt. Wenn der harte Regen endlich wieder über uns hereinbricht, ist es doch viel schöner. Und wenn Euch Euer Leben lieb ist, fangt Ihr besser an, zu schwimmen. Denn es wird regnen, regnen, regnen und nie wieder aufhören. Bis es Winter wird.
Ein paar Gründe fürs Depressivsein: Das Nichtwachwerdenwollen. Das Aufstehen. Der Alltag. Zu wenig Sex. Zu viel Sex. Ein zu schlechtes Fernsehprogramm. Die miesen Bus- und Bahnverbindungen. Die blöden Busfahrer. Die trostlose Zukunft mit garantierter Arbeitslosigkeit. Das ist genug Schlechte-Laune-Sprengstoff für zwölf Monate.
PS: Das Wetter wird auch scheiße.
Das Berliner Magazin “Dummy” hatte zum Beispiel auf dem Titelbild nichts anderes als einen depressiven Text stehen: “Achtung”, hieß es dort, “es wird gleich anstrengend und frustrierend und langweilig und deprimierend und grau und auch ein wenig nervig. Willkommen in Deutschland.” Das Ganze dann noch mit einem netten “PS: Das Wetter wird auch scheiße” versehen, und fertig war die Bibel für Misanthropen und Selbsthassende.
Ein Freund von mir machte mich auf den Unterschied von Depression und Deprimiertheit aufmerksam: “Du bist nicht depressiv, du bist nur deprimiert”, sagte er. Eine Depression wäre nämlich schon eine richtige Krankheit und müsste behandelt werden. Ja, und? Wer wird denn da gleich kleinlich sein! Die Übergänge sind allemal fließend. “Ich weiß”, antwortete ich. “Aber depressiv klingt einfach noch trauriger. Deshalb fühle ich mich depressiv, wenn ich einfach bloß sehr deprimiert bin.” Ein weiterer Charakterzug von mir: Ich neige zu Übertreibungen.
Zu kalt, zu regnerisch, zu heiß
Die Band “Angelika Express” singt in ihrem Lied “Depression, Schätzchen”: “In deiner Straße siehst du nur Ruinen / Irgendjemand lacht, und du fühlst dich deplatziert / Deine Freunde wolln jetzt Kinder kriegen / Du bleibst liegen und hast dich selbst massiert.” Ja, genau. So ist das nämlich. So will ich leben. Und was wäre ein Leben ohne eine depressive, pessimistische Grundeinstellung?

Wo wir auch schon bei dem wären, was ein gutes Deprimiertheitsgefühl eigentlich ausmacht. Und was ist das eigentlich, eine Depression? Nach innen gekehrte Aggression?
Damit möchte ich mich ehrlich gesagt nicht zufrieden geben, denn ich möchte meine Aggression auch nach außen tragen und zeigen, wie sehr ich die Welt hasse – und das, wie gesagt, das gesamte Jahr lang.
Denn im Frühling ist es immer noch zu kalt, im Sommer entweder viel zu kühl und regnerisch oder viel zu heiß. Andererseits: Schweißtropfen auf seine geliebten Mitmenschen zu verteilen, kann schon Spaß machen. Obwohl: Möchte man als deprimierter Mensch überhaupt Spaß haben?
Und im Herbst? Da fallen die Blätter von den Bäumen, und es ist wieder furchtbar kalt, aber noch nicht kalt genug, und man braucht eine Übergangsjacke. Und der Winter. Na ja.
Wenn es nicht sibirisch kalt ist, gibt es glücklicherweise immer noch Weihnachten, wo man seine Familie knuddeln und in den Arm nehmen muss. Die gefühlte Gutmenschlichkeit lässt die Depression in ungeahnte Höhen springen.
Der Vorteil einer deprimierten Grundeinstellung ist, dass man sich über alles und jeden aufregen kann, sich selbst inbegriffen. So wird das Leben nie langweilig, was die Gute-Laune-Menschen höchst wahrscheinlich nicht von ihrem Dasein sagen können. Mit guter Laune gibt es kaum bis keine Dramen, keine Tief- und Höhepunkte, das Leben ist langweilig, aber schön. Dann lieber depressiv sein und sich über die Konflikte freuen, die daraus entstehen.
Hat doch alles keinen Sinn.
Freunde, die auf Grund der schlechten Laune nichts mehr mit einem zu tun haben wollen und die man davon überzeugen muss, dass man eigentlich gar nicht so ein widerlicher Muffel ist – was eine Notlüge ist, weil man natürlich widerlich und muffelig ist. Menschen auf der Straße, die einen traurig anschauen und fragen, was denn los ist und die man dann mit einem hasserfüllten Nichts ist los! anzischt. Sektenmitglieder, die einen wegen des pessimistischen Gesichtsausdrucks als potenzielles Opfer ansehen. Das alles bringt, Deprimiertheit sei Dank, Spannung ins Leben.
Um deprimiert zu bleiben, muss man übrigens die Kunst des Sich-selbst-Runterziehens beherrschen. Ein kleines Beispiel in angewandter Eigen-Aversion: Dieser Text hier. Ist belanglos. Doof. Interessiert niemanden. Hat langweilige Längen. Und ist einfach so runtergeschrieben – und das schon vor Jahren. Aber natürlich ist er das! Immerhin behandelt er das Thema der Depression. Und wer depressiv ist, dem ist alles andere egal. Auch hingeschluderte, schon einmal veröffentlichte und zweitverwertete Texte. Wirst schon damit durchkommen, denke ich mir. Und wenn nicht, hast du einen Grund mehr, depressiv zu sein.

Und dann höre ich die “Smiths”. Oder die “Eels”, eine der wunderbarsten Bands, um den Gefühlspegel auf einer Skala von 1 bis 10 auf Null runterzuschrauben. Der Vater des Sängers starb, seine Schwester beging Selbstmord, seiner Mutter wurde Lungenkrebs diagnostiziert.
Ungefähr so hören sich die Alben der Band auch an. “Laying on the bathroom floor / Kitty licks my cheek once more / And I could try / But waking up is harder / When you wanna die” heißt es im Lied “Elisabeth on the Bathroom Floor”, das mit den Zeilen “My name’s Elisabeth / My life is shit and piss” endet. Im Booklet der CD “Electro-Shock Blues” ist ein Grabstein abgebildet, auf dem “Everything is changing” eingemeißelt ist. Alles ändert sich. Alles wird immer wieder anders schlecht.
Und gerade diese Abwechslung ist es, die Deprimiertheit so unterhaltsam macht.
(Bilder: dpa)
(ZDF) Till Frommann | 2 Kommentare | 09. August 2011 | 15:22 Uhr |
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wo ist Lucas diesebWoche? beim “Der Marker” kann ich ihn nicht sehn! Bitte ändern. Danke!
Beim Lesen irgendeines mittleren Abschnitts musste ich die ganze Zeit an das Lied “I hate everyone” von Get Set Go denken. Obwohl.. das wäre wahrscheinlich doch noch zu lustig..