Fußball, Mangas und glückliche Japaner

Mit einem demütigen Knicks bedankt sich die MARKER-Redaktion bei den japanischen Fußballerinnen für ein großartiges Finale gegen die USA. Rosa Vollmer ist Manga-Übersetzerin beim Verlag “Tokyopop” und arbeitet außerdem für die japanische Zeitung “Asahi Shimbun”. Sie ist in Tokio sowohl mit der deutschen als auch der japanischen Kultur aufgewachsen. Wir wollten uns von ihr das Finale analysieren lassen.

Pokémon besiegt Superman – trifft diese Beschreibung auf das Finale der Fußball-WM zu?

Allein von der Körpergröße schon einmal definitiv. Von der Spielart vielleicht auch, weil die Amerikanerinnen gerade am Anfang einfach nur mit Pressing und Draufdreschen gespielt haben und mit Power durchgesaust sind. Die Japanerinnen waren am Anfang sehr unbeholfen und wurden mit der Zeit immer besser. Am Ende war es so, dass die wuselige Technik die schiere Kraft bezwungen hat.

Am Ende hat sich eine japanische Spielerin geopfert, indem sie eine rote Karte herausgefordert hat. Ist das typisch japanisch?

Sich für das Kollektiv zu opfern ist etwas sehr Japanisches, aber ich würde das eher unter dem allgemeinen Fußballaspekt sehen. Da ist auch die Notbremse von Michael Ballack im Halbfinale der WM 2002 ziemlich berühmt. Er wusste: Wenn er die gelbe Karte bekommen würde, wäre er im Finale gesperrt. Aber er hat es gemacht – weil es die letzte Möglichkeit gewesen ist. Ich denke also, dass in dem Moment dann doch eher der Sportler auf dem Platz ist als irgendeine Nationalität.

Was bedeutet der Sieg bei der Fußball-WM für Japan?

Es ist besonders schön für Japan nach der Katastrophe im März. Das sehe ich auch bei Facebook und den Reaktionen meiner japanischen Freunde. “Gestern habe ich noch einmal gesehen, was es bedeutet, niemals aufzugeben”, hatte ein Freund von mir dort zum Beispiel geschrieben. Auch die japanischen Freunde, mit denen ich hier in Berlin das Spiel gesehen habe – zum Teil gestandene Kerle – haben geheult. Das war ein besonderer Moment für alle.

Es war die schiere Freude. Wahnsinn, dass wir das wirklich gewonnen haben! Die beiden Nationalmannschaften sind 25 mal aufeinander getroffen, 22 mal haben die USA gewonnen, drei mal spielten sie unentschieden – sprich: Japan hatte noch nie gewonnen.

Die japanische Mannschaft ist davon getragen worden, dass sie nie aufgegeben und immer diszipliniert gespielt hat.
Die Spielerinnen hatten nur noch drei Minuten, um einen Ausgleich zu schaffen, was sie eiskalt durchgezogen haben. Sie sind nicht panisch aufs Tor gerannt, was ja sonst gerne passiert.

Das ist die japanische Disziplin, die sich auch im Spielstil widergespiegelt hat?

Definitiv. Auch der Trainer ist eine coole Sau, dass man es kaum aushält, wie er ganz entspannt und stoisch sitzen geblieben ist – auch nach dem Sieg. Ganz zum Schluss habe ich ihn mit einer Fahne herumhüpfen sehen, wo ich mir dachte, was denn nun mit ihm passiert ist. Er ist völlig außer Rand und Band gewesen, er hat seine Fassung verloren! Dass das Kühle aufgebrochen ist, hat gezeigt, dass der Sieg eine große Bedeutung für ihn hatte.

Es war ein Spiel mit Händchen und Füßchen – die deutschen Kommentatoren haben immer wieder auf die Schuhgröße der Spielerinnen hingewiesen. Ist Ihnen das auch aufgefallen?

Sicherlich. Irgendwann wussten doch alle, wie die Durchschnittsgröße der japanischen Spielerinnen gewesen ist und dass eine Spielerin die Schuhgröße 34 hat. Das hat der Kommentator glaube ich drei mal gesagt. Überhaupt – dass immer wieder erwähnt wurde, wie klein die Japanerinnen sind! Eigentlich kommt es beim Fußball im Gegensatz zum Basketball doch nicht allzu sehr auf die Körpergöße an. Es ist schon ein bisschen nervig, wenn darauf herumgeritten wird.

Das andere, worüber sich Japaner immer amüsieren, ist, wie die Namen ausgesprochen werden. Wobei man positiv anmerken muss, dass der Kommentator sich wohl einige Dinge angeeignet hat, zum Beispiel, dass man das S nicht stimmhaft ausspricht, bestimmte Vokale nicht langgezogen werden und die Betonung etwas anders ist.

Insgesamt fand ich den Kommentator beim Finale bis auf die Körper- und Schuhgrößenerwähnungen sehr gut. Er hat nicht permanent etwas von Kamikaze, Sushi und Sayonara oder – mein Lieblingswort! – Harakiri gebracht im Gegensatz zu einem Artikel von sueddeutsche.de.

Die kleine Torfrau sah schon sehr putzig aus in diesem riesigen Tor.

Sie hat sogar einen Ball gehalten, der über sie gegangen ist. Das war phänomenal.

Sie übersetzen auch Mangas und sind mit diesen Comics aufgewachsen. Gibt es dabei auch Fußballthemen? Ist Fußball also auch in Japan ein großes Thema?

Nationalsportart ist mit Abstand Baseball, das haben die Amerikaner nach dem Krieg salonfähig gemacht. Fußball ist seit den Achtzigern ein Thema. Seitdem die japanische Liga in den neunziger Jahren professionalisiert wurde, wird Fußball immer beliebter. Bei der jüngeren Generation ist Fußball definitiv ein Thema. In den Achtzigern kam das erste erfolgreiche Fußball-Manga “Captain Tsubasa” auf den Markt, also in meiner frühen Kindheit. Ich erinnere mich noch daran, dass ich als Kindergartenkind wie besessen von der Fernsehserie dazu gewesen bin. Jeder Japaner, der jünger als 35 ist, kennt “Captain Tsubasa”.

Was halten Sie von amerikanischen Superheldencomics?

Ich muss zugeben, dass ich damit relativ wenig anfangen kann, weil sie mich grafisch nicht ansprechen. Nicht nur, dass die Figuren eine ganz andere Ästhetik besitzen als bei Mangas, sondern auch die Schrift mit diesen Blockschriftsprechblasen und dem vielen Text strengt mich an. Ich denke aber, dass sie wichtig sind für die amerikanische Kultur und Populärgeschichte.

Gerade die älteren Marvel-Comics sind sehr politisch – man kann sie lesen und versteht den Kalten Krieg. Diese politische Bedeutung haben Mangas nicht, sie greifen wahnsinnig viele gesellschaftliche und historische Themen auf, aber die großen politischen Themen werden dort nicht für einen Massenmarkt ausgebreitet.

Mangas und amerikanische Comics sind zwei vollkommen verschiedene Dinge – es ist so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Wenn man von Haus aus nicht auf Äpfel steht, bringt es halt nichts. Natürlich ist das auch eine Sozialisationssache.

(Bilder: dapd / privat / © Carlsen Verlag)

(ZDF) Till Frommann | Kommentieren | 18. Juli 2011 | 15:52 Uhr | Twittern | Facebook

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