Hilfe, ich bin nicht frisch! – Eine Ermahnung an die ideenwiederkäuende Filmindustrie in fünf Akten


Prolog und Erklärung: Diesen Text habe ich geklaut – zum Glück nur von mir selbst. Ich habe ihn vor acht Jahren geschrieben, das einzige, was ich jetzt getan habe war, ihn an die aktuellen Umstände anzupassen. Das ist keine Faulheit, das ist kreative und intelligente Leistungsökonomie.

Erster Akt: Vielleicht gibt es sie ja wirklich, diese mysteriöse Maschine. Hinter dem Hügel, auf den man neun große Buchstaben gepatscht hat – dort irgendwo müsste sie stehen. “HOLLYWOOD”, schreien einem die Buchstaben entgegen, “Recycling”, grunzt die mysteriöse Maschine.

Zweiter Akt: Der wunderbaren Traumfabrik gehen die Ideen aus – und das nicht erst seit gestern. Anstatt etwas Originelles, Neues und vielleicht sogar Gewagtes in Auftrag zu geben, verlassen sich die verantwortlichen Filmstudios meist auf Altbewährtes. Weshalb ein Risiko eingehen, wenn die zweite, dritte, vierte Fortsetzung eines Erfolgsfilms mehr als genug Geld einspielt? Der x-te Harry-Potter-Film, schon wieder ein X-Men-Film, Transformers – und die deutsche Filmindustrie hat sogar “Werner” wieder aus der Vergessenheit ausgegraben.

Dritter Akt: Der Seminarraum einer Filmhochschule. Das Thema der Veranstaltung: Fortsetzungen von erfolgreichen Kinofilmen. Einige Fortsetzungen seien besser als das Original, wird da in den Raum gestellt – als Beweise dienen “Terminator 2″, “Aliens 2″, “Das Imperium schlägt zurück” und der zweite Teil von “Der Pate”. Ist doch eh nur eine Frage des Geschmacks, und über Geschmack lässt sich nun einmal nicht streiten, stellt ein anderer Diskussionsteilnehmer klar. Mitnichten! Bei Fortsetzungen geht es nur ums schnöde Geld, und niemand schert sich um die Qualität, behauptet ein weiterer Student. Und: Definitionsgemäß seien Fortsetzungen sowieso als schlechte Filme abzutun, erklärt ein Kommilitone.

Der gewitzte Autor Kevin Williamson erfand diese fiktive Debatte für ein Drehbuch, an dem er herumwerkelte – nämlich für das Script der Fortsetzung von “Scream”. Wie selbstironisch! Eine Fortsetzung, die das leidige Thema von Fortsetzungen behandelt.

Und weil “Scream 2″ ebenfalls Erfolg hatte, musste die Welt nicht lange auf den dritten Teil warten. Und auf diverse Nachmachen. Und auf etliche Parodien dieses Horrorstreifens.

Vierter Akt: Noch ein paar Stufen, und dann hat der erfolglose Autor sein Ziel erreicht. Nicht nach unten gucken, nicht nach unten gucken, guck bloß nicht nach unten. Ihm läuft der Schweiß über die Stirn, sein Toupet ist ihm verrutscht, aber der Aufwand ist es ihm wert. Und nur, weil er den Erfolg vor Augen hat, klettert er die gigantisch hohe, gefährlich wackelnde Leiter hinauf, die ungesichert an der mysteriösen Maschine lehnt. Bloß noch ein paar Sprossen! Und nicht nach unten gucken. Kurz zuvor hatte er eine beachtliche Summe an Geld in den Münzeinwurf geschoben, was die Maschine mit einem gegrunzten “Danke” quittierte. Die Bearbeitungsgebühr wird der Erfolg schon wieder einspielen, denkt sich der Autor. Und er guckt nach unten. Unglaublich viele Meter über den Boden ist er die Leiter bereits hinaufgeklettert. Und dem Schreiberling wird schwindelig.

Fünfter Akt: Globalisierungskritiker Benjamin Barber bemerkte diese Wagnislosigkeit der Filmbranche bereits 1998 in seinem Aufsatz “Wie demokratisch ist das Internet?” , in dem er kurz vom eigentlichen Thema seiner Abhandlung abschweifte: “Der postmoderne Kapitalismus stellt sich außerhalb aller Natur und scheut das Risiko: Er ist ganz und gar nicht unternehmerisch. Das bedeutet, dass Hollywood einem Megahit den Nachfolger mit demselben Strickmuster hinterherschickt, statt mit neuen künstlerischen Filmformen zu experimentieren; … und dass das Fernsehen alles ablehnt, was ihm zu abwegig erscheint: politisch zu radikal oder zu reaktionär, zu religiös oder zu atheistisch, zu exzentrisch und abseitig und daher zu weit vom Mittelmaß entfernt, zu (ganz wörtlich zu nehmen) unpopulär.”

Epilog: Dem erfolglosen Schreiberling laufen Tränen über das errötete Gesicht. “Nicht massentauglich”, grunzt die mysteriöse Monetenmachmaschine immer wieder. “Nicht massentauglich. Nicht massentauglich. Nicht massentauglich.” Aus dem Schornstein der Maschine schießen Tausende an kleinen Papierschnipselchen und verteilen sich über Los Angeles und den gesamten Westen der Vereinigten Staaten.

Da fliegt es dahin, das Drehbuch, an dem der Autor viele Monate lang gearbeitet hatte! So viele schlaflose Nächte. So wundgetippte Finger. Und sein Script war überraschend und originell, und phantasievoll war es auch, jawohl – doch wahrscheinlich war genau das der Fehler. Gerüchten zufolge sollen die Autoren Charlie Kaufman und Paul Thomas Anderson einige Jahre lang durch die Weltgeschichte kutschiert sein, um alle Konfettistückchen ihrer Drehbücher “Being John Malkovich” und “Magnolia” wiederzufinden und in aller Seelengeduld neu zusammenzukleben, damit die Filme doch noch in die Kinos kommen konnten.

Und auch der Autor mit dem verheulten Gesicht fährt los, um sein Werk zu retten.

(Bild: ap)

(ZDF) Till Frommann | 2 Kommentare | 12. Juli 2011 | 16:31 Uhr | Twittern | Facebook

2 Kommentare

  1. Toller Artikel ich finde den 3 teil von Transformers ganz besonders spannend :) was ich bisher auch noch nie in dieser form gesehen habe ist der einzigartige Humor der in diesem Film verwendet wird… :)

    Fashionszene | 14. Juli 2011 | 13:22 | Antworten
  2. einfach nur wahsinn der Film!!! Die Effekte und Szenen sind wirklich klasse umgesetzt worden… würde sogar behaupten das war bisher der beste von den 3 Transformers Filmen…

    bollerwagen | 26. Juli 2011 | 17:25 | Antworten

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