“Routiniert freundlich”: Harald Martenstein über München

Harald Martenstein ist Kolumnist der “Zeit” und Autor des “Tagesspiegels”. Wir haben mit ihm über München geredet – eine Stadt, zu der er ein überaus zwiegespaltenes Verhältnis hat.

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Herr Martenstein, was gefällt Ihnen an München?

Als ich in München eine gewisse Zeit gelebt habe, hatte ich die Erfahrung gemacht, dass man dort, um in München wirklich dazuzugehören und von dieser Stadt an die Brust gedrückt zu werden, ungefähr fünfzig Jahre gelebt haben muss. Leider war ich schon in einem Lebensalter, in der mir diese Zeitreserve nicht mehr zur Verfügung gestanden hat. Ich bin dann nach Berlin zurückgezogen, wo man schon nach einem halben Jahr dazugehört.

Irgend etwas muss Ihnen an München doch auch gefallen haben – Leberkäs wird es jedoch nicht gewesen sein?

Naja, die Berge sind schon toll bei Föhn. Wobei ich sagen muss, dass mir die Münchener Gastronomie insgesamt doch ein bisschen zu schweinslastig war.

Und die Menschen? Sind die Münchner sympathisch?

Die Münchner sind unglaublich nett, unglaublich freundlich, die ganze Zeit, nur: Man glaubt es ihnen nicht so richtig. In Berlin werden Sie die ganze Zeit angemotzt, aber das glaubt man den Menschen.

Das heißt, dass die Münchner oberflächlich freundlich sind?

Oberflächlich würde ich nicht sagen, aber sie sind von einer routinierten Freundlichkeit im Großen und Ganzen.

In einer Kolumne haben Sie geschrieben, dass die Deutschen emotional und geistig ganz unten seien, weil sie München lieben würden. Sie schrieben: „Die Hirne der Deutschen sind eine breiartige Masse, die zu den Ohren herausquillt und auf die Hemdkragren tropft. Deswegen lieben sie München.“ Wollen Sie vielleicht kurz unsere Moderatorin Nina Sonnenberg grüßen? Sie kommt aus München. Oder wollen Sie lieber doch nicht alle Münchner über einen Kamm scheren?

Ich entschuldige mich für diesen Text. Das ist aus einer Augenblicksstimmung heraus entstanden, wie man es eben so manchmal schreibt. Ich glaube, dass da was auf die Hemdkrägen tropft – das würde ich in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten.

Sie ziehen den Text also zurück und finden München doch ganz okay?

Ich ziehe den Text nicht zurück, ich erschrecke nur, wenn man ihn mir vorliest, weil ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, in was für einer Verfassung ich damals gewesen sein muss.

Was wird das für eine Verfassung gewesen sein?

Ich glaube, dass die Münchner Eindrücke noch ganz frisch waren.

Waren Sie in letzter Zeit wieder einmal in München?

Ich bin von Zeit zu Zeit in München, ich habe diese Kolumne sogar einmal in München vorgelesen.

Wie waren die Reaktionen?

Sehr freundlich.

(ZDF) Till Frommann | 1 Kommentar | 17. September 2011 | 07:11 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. Ich empfinde genauso. Bin eine Berlinerin und wegen meines Studiums nach München.
    Diese oberflächliche Freundlichkeit kann sehr enttäuschend sein, auch fehlt mir die Herzlichkeit bei einigen Menschen.
    Erschreckend finde ich auch die Vorurteile der Bayern gegen Berliner und andere “Ausländer”. Ausländer-ja, so nennen sie die Fremdlinge. Noch sehr rassistisch angehaucht. Das kenne ich auch aus meiner Heimat nicht.

    Trotz allem, die Bildungsmöglichkeit der Universität ist super und auch das Dozenten-Studenten-Verhältnis.

    Ich werde trotzdem nach meinem Studium wieder in eine andere Stadt, die einen offener empfängt und in der man auch nicht eine Gucci-Tasche tragen muss, um dazuzu gehören.

    Studentin | 6. November 2011 | 01:28 | Antworten

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