IM NACHKLAPP: Das Interview mit Bernd Lange (“Was bleibt”)

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Bernd Lange, Drehbuchautor von "Was bleibt"

Die Berlinale 2012 ist vorbei, die Preise sind vergeben, die internationalen Gäste sind längst abgereist. Ein ganz besonderes “Schmankerl” will ich Euch jedoch nicht vorenthalten.

Der Autor des deutschen Wettbewerbfilmes “Was bleibt” (R: Hans-Christian Schmid), Bernd Lange, gehört zu den meistgefragtesten deutschen Drehbuchautoren und Dramaturgen. Ich hatte das Glück, Bernd bei einem Drehbuchseminar an der HFF München kennenzulernen. Abseits des Berlinale-Trubels nahm er sich Zeit, um sich mit mir bei einer Tasse Cappuccino über seinen Beruf, seine Arbeitsmethoden und natürlich auch über seinen neuen Film “Was bleibt” zu unterhalten…

E.G.: Über den Roten Teppich laufen alle Teammitglieder, aber der besondere Augenmerk liegt immer auf den Schauspielern und dem Regisseur. Der Autor steht dabei im Hintergrund. Was ist das für eine Position?

B.L.: Ich finde, es ist eine ganz komfortable Position, weil die mich von vielen Aufgaben entbindet, die mit dem eigentlichen Filmemachen nichts zu tun haben. Über den roten Teppich laufen, das hat natürlich immer etwas mit Werbung machen für den Film zu tun. Aber eigentlich will man Drehbücher schreiben und sich mit Geschichten auseinandersetzen. Von Hans-Christian weiß ich, dass am Ende des Tages endlose Stunden für zwar wichtige, aber auch erschöpfende Pressearbeit rausgeht. Das ist erstmal nicht meine Arbeit. Grundsätzlich gleicht man als Autor einem Architekten. Im seltensten Fall kennt jemand den Architekten von dem Haus, in dem man sitzt.

E.G.: Ohne den Architekten gibt es kein Gebäude und schon gar kein Fundament.

B.L.: Wenn man sich das so theoretisch vor Augen führt, dann weiß man wie wichtig die Rolle des Architekten ist. Ich weiß nicht, ob der Vergleich zum Drehbuch immer noch trägt. Ein Drehbuch ist ja kein eigenständiges Kunstwerk in dem Sinne, dass die Welt sich irgendwann einmal mit dem Drehbuch auseinandersetzt. Ein Drehbuch ist eine Aneinanderreihung von Szenen, die einen Kontext ergeben zum Sinn und Zweck der Darstellung von abbildbarer Handlung. Die Menschen sollten sich bestenfalls mit dem Film auseinandersetzen. Als Drehbuchautor kann man sich als Dramatiker oder als Filmenacher verstehen, aber sicher nicht als Literat. Das würde bedeuten, dass die Welt sich mit diesem literarischen Werk auseinandersetzen soll. Die Position des Autors ist nicht unwichtig, aber ihr steht auch nicht dieses wahnsinnig große Licht zu, das manche für sie einfordern. Ich würde mir aber manchmal auch wünschen, man würde einem Drehbuch vor allem in der Entwicklung mehr Bedeutung zusprechen.

E.G.: Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass es nicht viele Leute gibt, die verstehen was ein Drehbuchautor eigentlich macht?

B.L.: Ich musste meinem Vater auch irgendwann mal ein Drehbuch zeigen, damit er das irgendwie einordnen kann. Ich weiß nicht ob er es bis heute tatsächlich abstrahiert hat. Ich glaube jeder hat schon mal in der Schule ein Theaterstück lesen müssen. Und das ist der dankbarste Vergleich wenn man sagt: “So wie Shakespeare, nur anders!”

E.G.: Was zeichnet, deiner Meinung nach einen guten Autor aus?

B.L.: Also ich spreche da nicht von mir selbst, ich erträume mir jetzt den idealen Drehbuchautor: Ich glaube es ist jemand, der gut beobachtet und ein natürliches Gespür für Menschen hat. Also jemand der versucht hinter die Dinge zu blicken. Das dramatische Schreiben oder das Gespür für dramatische Konstellationen ist etwas, was man lernt. Zu mindestens ging es da mir so, das habe ich irgendwann mal verstanden. Und im Alltag braucht ein Autor Geduld. Ich finde es schön, mich über mehrere Wochen, Monate oder Jahre mit einer bestimmten Sache auseinanderzusetzen und diese verstehen zu lernen. Das Entscheidende ist dann, dass man 4-6 Wochen, 5-6 Stunden pro Tag, alleine, ohne Ablenkung zubringt und das als nicht schlimm empfindet. Ich genieße es und merke wie sehr ich es vermisse, wenn ich es eine Zeitlang nicht habe.

Filmstill aus "Was bleibt" / Gerald von Foris © 23/5 Filmproduktion GmbH

E.G.: Versuchst du durch das dramatische Schreiben auch bestimmte Dinge für dich klarzumachen?

B.L.: Ich merke es ganz deutlich an den ersten Texten, die ich zum Thema schreibe. Sie beinhalten zwar vielleicht eine Konstellation die der spätere Film hat, im Großen und Ganzen sind sie aber naiv, weil ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht lange und ausgiebig genug mit etwas auseinandergesetzt habe. Je länger ich mich mit etwas auseinandersetze, desto mehr durchdringe ich es und desto präziser und genauer kann ich schreiben. Zumindestens hoffe ich, dass sich da eine Richtigkeit oder eine Nachvollziehbarkeit für andere Menschen einstellt.

E.G.: Gibt es Dinge, die du während des Schreibens für dich entdeckst?

B.L.: Es gibt diese Theorie, die besagt, dass man beim Schreiben einer Geschichte auch als Autor eine eigene Reise durchmacht. Das kann ich nachempfinden. Aus der Konzentration heraus die man beim Schreiben aufbringt, geschehen plötzlich Dinge, die man so nicht geplant hat. Manche Autoren sagen dann: “Die Figur zeigt mir den Weg.” Ich glaube eher, dass das Unterbewusstsein sich seinen Weg bahnt und dass Dinge plötzlich nach oben kommen und im Text erscheinen. Völlig unabhängig vom Beruflichen ist das eine wahnsinnig schöne Erfahrung, wenn man das Gefühl hat, man ist am Ende des Tages vielleicht etwas schlauer geworden.

E.G.: Gab es diesen Moment auch bei “Was bleibt”?

B.L.: In der ganz groben Skizze des Drehbuchs war für Hans-Christian und mich ganz klar, dass die Hauptfigur Marco am Ende eine Begegnung mit seiner Mutter haben wird. Ich wollte erstmal die Geschichte von vorne nach hinten schreiben und war total neugierig, über was die beiden dann sprechen werden. Ihre Sätze, die auch im fertigen Film sind, sind ganz einfach. Das ist ein Abschied, da ist auch eine Nähe zwischen einer Mutter und ihrem Sohn und die war nicht geplant. Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, was da stattfinden wird und war dann komplett überrascht. Ich bin mit der Hauptfigur auf diese Reise bis zum diesem Punkt gegangen und habe überrascht festgestellt, dass diese Stelle für mich eine Richtigkeit hat.

E.G.: Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

B.L.: Ich habe für mich festgestellt, dass ich tagsüber gut schreiben kann, dass ich mich dafür 5-6 Stunden am Stück konzentrieren muss und dass ich das an einem Ort machen muss, der nichts mit meinem Privaten zu tun hat. Das bedarf einer gewissen Routine die sich dann erst nach 1-2 Tagen einstellt. Während der Berlinale quäle ich mich zum Beispiel nicht damit ins Büro zu gehen. Da wird halt einfach nicht geschrieben. An den Tagen an denen ich arbeite, versuche ich meine Verpflichtungen an die Nachmittage zu legen um die Zeit und die Ruhe aufzubringen wirklich arbeiten zu können. Das findet jeder für sich selbst heraus, der vorhat ein Drehbuch zu schreiben oder auch eine Diplomarbeit.

E.G.: Beharrlichkeit und Diziplin gehören also auf jeden Fall dazu.

B.L.: Ich glaube ja! Eine große Gefahr ist, dass man sich mit schnellen Lösungen zufrieden gibt, dass man sagt: “Schau, das geht doch jetzt schon ganz schön!” Meine Frage wäre dann immer: “Geht es nicht noch besser? Ist es wirklich die überzeugendste Lösung?” Da spielt dann auch die eigene Seherfahrung eine Rolle: weil Film das alles-dominierende Medium ist, muss man sich wirklich anstrengen, um interessante Situationen zu erschaffen.

Filmstill aus "Was bleibt" / Gerald von Foris © 23/5 Filmproduktion GmbH

E.G.: Ich habe den Eindruck, dass du neben Film ganz stark von der Literatur geprägt wurdest.

B.L.: Ich bin mit der Literatur aufgewachsen und versuche neben Drehbüchern und Filmen möglichst viele unterschiedliche Sachen zu lesen. Das hat einfach etwas mit Erfahrung zu tun. Bestimmte Erfahrungen hoffe ich niemals machen zu müssen. Bestimmte Erfahrungen kann ich in Deutschland oder in der Gegenwart gar nicht machen. Bestimmte Gedanken existieren einfach nur in der Literatur oder in den Sachbüchern. Ich glaube, dass man sich da Inspirationen holen und davon profitieren kann. Für mich ist es nicht unbedingt bereichernd immer viele Filme zu sehen, sondern zu einem bestimmten Inhalt viel zu erfahren. Und ob der Film tatsächlich immer das erste Medium ist, da habe ich so meine Zweifel!

E.G.: Möchtest du vielleicht eines Tages selbst einen Roman schreiben?

B.L.: Manchmal beobachtet man beim Tennis, dass Spieler, die früher Einzel gespielt haben, im gehobenem Alter anfangen Doppel zu spielen. Wahrscheinlich weil der Platz dadurch kleiner wird und man nicht mehr so viel laufen muss. Ich spiele kein Tennis und frage mich, ob es dann immer noch derselbe Sport ist und ob da nicht andere Prinzipien gelten. So wie für Romane andere Prinzipien gelten als für ein Drehbuch. Für mich wäre es dann fast so etwas wie eine Umschulung. Es gibt da sicher beim Schreiben immer eine Frage: “Wäre diese Geschichte, die mir da im Kopf rumschwebt, auch ein guter Roman?” oder “Wäre sie nicht sogar besser im Roman als beim Film?” Zum Beispiel bei Familiengeschichten merkt man, dass sich die Komplexität zum Beispiel bei “Freedom” von Jonathan Franzen oder bei “Buddenbrooks” oder auch bei Tschechow manchmal befriedigender ausdrücken lässt, als bei einem Film der eben nur 90 Minuten dauert. Das lässt andere Möglichkeiten und andere Zeitebenen zu. Wenn man “Was bleibt” als Beispiel nimmt, hätte man in einem Roman, sagen können, wir erzählen einfach diese 30-jährige Ehe und sei es nur in einem Kapitel. Aber im Film erzählen wir nur einen Ausschnitt einer 30-jährigen Ehe an einem Wochenende. Beim Film unterliegt man immer und automatisch der Schwierigkeit, dass es abbildbar sein muss. Das ist dann oft eher eine handwerkliche oder technische Frage: “Wie mache ich innere Vorgänge abbildbar? Wie kann ich es veräußerlichen?” Die Last wäre man bei einem Roman sicher los.

E.G.: Was ist an einer Szene “filmisch” für dich?

B.L.: Das Filmische ist das beobachtende Element. Alles was ich sehen oder auch im Dialog hören kann, vermittelt sich mir als Zuhörer oder Zuschauer. Das was der Roman sehr gut präzisieren kann, ist die Haltung, das Ringen um die Worte oder Taten. Diese inneren Vorgänge bis ein Satz gesagt wird darstellen, das ist etwas, was ein Film nicht kann. Durch die Wahl der Worte im Dialog oder durch eine überraschende Wendung kann man Einblicke ins Innerste der Figur geben. Aber der Film kann nicht die Präzision des einzelnen Wortes für sich beanspruchen wie der Roman es tut. Ein Roman kann sehr genau sagen, was der Autor denkt. Ein Drehbuchautor hingegen ist immer auf das Zusammenspiel zwischen Schauspielern und Regie angewiesen.

E.G.: Im Prinzip sagst du, dass die Romane die Ambivalenz der seelischen Prozesse viel genauer beschreiben können.

B.L.: Sie haben andere Möglichkeiten. Was der Film im Gegensatz einsetzen kann, sind Mittel die einem Roman nicht zur Verfügung stehen. Man kann sich in einem Film z.B. schneller verlieren, weil es hier Geräusche, Töne, Musik und Abstraktionsmöglichkeiten gibt, die der Roman nicht bietet.

E.G.: Verzweifelt man da nicht manchmal als Drehbuchautor oder sagt man sich: “so, ist halt das Spiel!”?

B.L.: Das ist das Spiel. Ein Fußballspieler kann nicht dran verzweifeln, dass der Ball rund ist. Wenn eine Handlung nicht abbildbar ist, ist es schwierig sie zu filmen.

E.G.: Versucht man da andere Wege zu gehen und anders zu “veräußerlichen”?

B.L.: Der Schlüssel ist immer das Wort “Konflikt”. Ohne Konflikt kommt es eigentlich nicht zur abbildbarer Handlung. Wenn jemand unter Druck etwas tut oder etwas sagt, dann bekomme ich Einblick in sein Inneres.

"Was bleibt" / Gerald von Foris © 23/5 Filmproduktion GmbH

E.G.: In einem Interview zu “Was bleibt” hast du gesagt, dass du nicht “Das Fest” (Thomas Vinterberg) erzählen, sondern die Geschichte absichtlich “klein” halten wolltest. Warum?

B.L.: In unserer letzten gemeinsamen Arbeit haben wir unseren Blick sehr stark nach außen gelegt. Beim Schreiben von “Sturm” stand immer die Frage im Raum: “Was hat denn bitteschön der Konflikt in Bosnien oder die komplizierte Rechtschreibung in Den Haag mit mir oder Hans-Christian zu tun?” Daraus entsteht dann vielleicht so etwas wie eine Gegenbewegung. Diesmal wollten wir unseren Blick bewusst auf uns, unsere Generation und unsere Eltern richten. Wir haben nicht versucht uns mit einem großen Thema auseinanderzusetzen, sondern wollten von den Ängsten, Nöten und Sorgen unserer Generation erzählen. Wir sind, Gott sei Dank, glücklicher und behüteter aufgewachsen als die Figur in “Das Fest”. Trotzdem haben wir auch unsere seelische Nöte, die sich dann eben in unserer zivilisierten Welt, in Deutschland, abspielen. Die Frage der Grundversorgung ist überhaupt kein Thema gewesen. So unangenehm es mir selbst ist das zu sehen, entspricht es nun einmal unserer Lebenswirklichkeit. Aus der Logik heraus dachte ich mir: ich will nicht von außen eine künstliche Situation schaffen, die dramaturgisch aufgesetzt ist, sondern werde stattdessen versuchen den Film aus diesen Figuren heraus zu entwickeln, die man sich in unserer heilen Lebenswelt sehr gut vorstellen könnte. Marco könnte ein Bekannter von mir sein und Marcos Eltern sind sicher wesensverwandt mit Eltern, die mir in meiner Jugend auch schon begegnet sind. Ihre Probleme spielen sich zwar in einem Earnes-Chair ab, aber es sind nichtdestotrotz Probleme.

E.G.: Diese seelischen Problem der wohlhabenden und gutsituierten Menschen im Film, sind es nicht auch Probleme, die sich auf die deutsche Gesellschaft im Allgemeinen übertragen lassen?

B.L.: Ich will das nicht gleich auf die deutsche Gesellschaft beziehen. Aber wenn wir keine existenziellen Probleme mehr haben, dann haben wir vielleicht ein viel größeres seelisches Problem. Wir müssen uns nicht mit Fragen auseinandersetzen wie: “Wo bekomme ich das Geld für die nächste Mahlzeit?”, sondern fragen uns stattdessen: “Welche Art von Leben möchte ich leben?”. In der Generation meiner Großeltern war das nicht immer die entscheidende Frage. Oder Fragen wie: “Möchte ich so sein wie mein Vater?”,  “Möchte ich die Verantwortung für eine Frau und ein Kind übernehmen?”, “Kann ich das?”, “Liebe ich sie?”. Das sind Probleme, die nicht so schwer wiegen wie eine Hungersnot, aber ich habe das Gefühl, dass sie sehr aktuell für unsere Gesellschaft sind. Auch die Figur von Gitte, eine Frau die nie arbeiten musste und nie glücklich sein kann: Sie scheint mir jemand zu sein, die in einem goldenen Käfig lebt. Dadurch hat sie ein großes Problem, weil sie nicht mehr weiß, wohin mit ihrem Leben. Diese Dinge erscheinen mir in der Gegenwart vorhanden und dadurch auch erzählbar.

E.G.: Ich hatte den Eindruck, dass die Figuren des Filmes auch ein Problem mit ihren Gefühlen haben. Niemand traut sich Wahrheiten auszusprechen oder Konflikte anzupacken. Selbst als Gitte weg ist, fassen die Beteiligten einander mit Samthandschuhen an. Auch wenn du das Ganze nicht auf die Gesellschaft beziehen willst, frage ich dich trotzdem: haben wir ein Problem mit unseren Gefühlen?

B.L.: Lars Eidinger hat es neulich mal festgestellt. Er sagte: Ab den 80er Jahren kam das Wort “cool” auf. Man war “cool”. Natürlich gab es vorher andere Begriffe dafür, aber dieses Nicht-Zeigen von Gefühlen, diese Fassade aufbauen, war auch ein Teil unserer Jugend. Das sieht man daran, wie wenig Zeit wir uns nehmen, um miteinander zu sprechen oder auch um zuzuhören. Bei Gitte und Günther ist das Zuhören über die Zeit der Ehe verloren gegangen. Sie haben einfach nebeneinander gelebt. In dem Moment, als Gitte die Glaubensfrage stellt und fragt, ob Günther sie noch liebt, antwortet er ganz ehrlich: “Nein.”. So haben wir versucht es im Film zu erzählen. Wie repräsentativ das für die Gegenwart ist, das mag ich nicht einschätzen. Das ist die Logik dieser Figuren.

E.G.: Diese Konzentration auf die kleinen Konflikte und die wahrheitsgetreue Abbildung einer Generation, lässt eine Affinität zum “Realismus” vermuten. Inwieweit fühlst du dich dieser Erzähltradition verpflichtet?

B.L.: Ich glaube, dass alles möglich ist. Ich merke aber, dass wenn ich irgendwann mal herausgefunden habe worüber ich schreiben will, ich mich dann dem Dogma dieser Erzählung unterwerfe. Wenn ich ein Portrait meiner Generation schreiben will, dann versuche ich es möglichst realistisch zu machen. Wenn ich mich aber grundsätzlich unter ein Erzähldogma stelle, fühle ich mich als Autor unfrei. Wenn ich einen Text schreibe, dann muss er mir gegenüber Bestand haben. Ich muss den Situationen glauben und die dargestellten Gefühle nachvollziehen können. Bisher hatten meine Texte immer etwas mit einer Auseinandersetzung mit Wirklichkeit zu tun. Wenn ich aber versuche Wirklichkeit zu beschreiben, dann muss ich natürlich realistisch erzählen. Wenn ich morgen die Idee zu einer schönen, aber sehr unwahrscheinlichen Komödie habe, werde ich mich nicht verpflichtet fühlen, eine Authentizität herzustellen. Ich kann mich mit großer Lust Erzählungen hingeben, von denen ich weiß, dass deren Grundprämisse absolut phantastisch ist. Das hat sich bisher in meiner Zusammenarbeit mit Hans-Christian noch nicht so niedergeschlagen, aber “Sag niemals nie!”

E.G.: Ich habe das Gefühl, dass dieser “phantastische” Zugang zum Film dem deutschen Kino etwas fehlt. Schwarze Komödien, wie “Adams Äpfel”, existieren nicht auf dem deutschen Markt.

B.L.: Stimmt. Man kann ja auch schwer aus seiner Haut. Sollte ich eines Tages eine Idee für eine unwahrscheinliche Komödie haben, dann begreife ich hoffentlich, was für einen tollen Stoff ich da habe und versuche es so gut wie möglich zu schreiben, so wie das Drehbuch von Anders Thomas Jensen nun mal ist. Nur weil ich gerne große Actionspektakel sehe und mich frage: “Warum gibt es die nicht auch in Deutschland?”, heißt es noch lange nicht, dass man selbst derjenige sein muss, der das auch so gut tun kann, wie die Leute, die es von Herzen gerne tun. Was das Schreiben angeht ist da jede Stimme sehr individuell. Man kann auf die Stimmen vertrauen, die es gibt und ich finde, dass es eine große Vielstimmigkeit im deutschen Kino gibt. Es gibt Detlev Buck, Andreas Dresen, Hans-Christian Schmid, Tom Tykwer, Fatih Akin. Es gibt die Leute, die unter dem Begriff der “Berliner Schule” zusammengefasst werden. Wenn ich diesen Leuten dieselbe Geschichte von Raymond Carver geben würde, ich würde 20 unterschiedliche Filme bekommen. Man darf auch nicht vergessen, dass Deutschland ein kleines Land ist. Ich bin glücklich über jede neue Stimme in diesem Chor der deutschen Filmemacher und finde, dass es da eine größere Vielstimmigkeit gibt, als noch vor 20 Jahren, als das deutsche Kino am Boden lag und der Fokus auf Komödienstoffen lag. Man muss auch sehr stolz sein auf das deutsche Kino und darauf, dass es sich so schnell wieder berappelt hat.

 

Eldar Grigorian

Eldar Grigorian - ZDF/Das Kleine Fernsehspiel

Kommentieren | 22. Februar 2012 | 23:34 Uhr