Freier Handel – aber bitte nicht hier!
1,85 Euro für den Liter Magermilch, 12 Euro für ein Kilo Allerweltskäse und 23 Euro für ein Kilo Schweinelende – wer bereits bei diesen Preise Schnappatmung bekommt, sollte künftig besser nicht nach Norwegen fahren. Die Lebensmittelpreise der Skandinavier gehören schon jetzt zu den höchsten in Europa und werden munter weiter steigen. Denn die norwegische Regierung will der Bevölkerung den Appetit auf importierte Lebensmittel mit saftigen Zöllen verderben. Bei bestimmten Käsesorten drohen Preissteigerungen von 250% – alles zum Schutz der eigenen Landwirtschaft.
Brüssel ist über so viel offensichtlichen Protektionismus sauer. Immerhin ist Norwegen siebtgrößter Handelspartner der EU. Norwegens Nachbar Dänemark hat bereits vorgefühlt, ob man nicht im Gegenzug was gegen die milliardenschweren Lachs-Exporte Norwegens machen könnte.
Im hohen Norden droht ein Handelsstreit – aber nicht nur dort. Trotz aller Forderungen nach offenen Märkten schotten sich immer mehr Staaten auf die eine oder andere Weise ab. Es knirscht gewaltig im Globalisierungsgebälk.
Hat der Gedanke des freien Handels ausgedient? Diskutieren Sie im Anschluss an die Live-Sendung mit unserem Interviewgast Heribert Dieter, Globalisierungsexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.
18 Kommentare | 27. September 2012 | 16:29 Uhr |
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Herr Krel,
sehr interessanter Artikel (auch wenn Pascal Lamy, damals EU-Handelskommissar und heute Chef des WTO und nicht des IWF ist- wen wundert es bei den Inkompetenzen in BEIDEN Organisationen, dass man sie vertauscht….). Auch Prof. Dieter hat diesen (krassen?) Fall wohl gekannt.
Dieser Artikel aus 2011 ist ebenfalls leider immer noch aktuell und zeigt, dass Mensch UND Tier hier, vorsichtig gesagt, über den “Tisch” gezogen werden:
http://www.bund.net/nc/presse/pressemitteilungen/detail/artikel/eine-milliarde-euro-subventionen-pro-jahr-fuer-industrielle-gefluegel-und-schweineproduktion-bund/
Holger Pohlmann
Thema Solar: Zweierlei Mass?
Es ist immer einfach mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wenn China seine Solarfirmen derart subventioniert, dass sie deutlich billiger verkaufen können als dies deutschen Unternehmen möglich wäre, wird von illegalem Preisdumping und Marktverzerrung gesprochen und Klage bei der EU-Kommission eingereicht. Wenn Deutschland hingegen im grossen Stil Solarenergie fördert (EEG), damit an sonnigen Sommertagen ein Überangebot an Solarstrom produziert und durch den resultierenden Preiszerfall die Margen der schweizerischen Pumpspeicherwerke in sich zusammen fallen lässt, wird das als legitim wahrgenommen und von sich verändernden Märkten gesprochen. So antwortete Thoralf Schapke, Geschäftsführer der Solarregion Berlin-Brandenburg e.V., auf Kritik der schweizerischen Stromkonzerne beispielhaft mit den Worten: “Man kann nicht darauf warten und immer darauf vertrauen, dass ein Ist-Zustand immer so bleibt. Die Welt verändert sich, die Märkte verändern sich und darauf muss man sich einstellen.” (16.8.12, Sendung “10vor10″, Schweizer Fernsehen).
Natürlich unterstütze ich die Aussage von Herrn Schapke, frage mich aber: gilt das nicht auch für subventionierte Produzenten aus China, oder wird hier vielleicht doch mit zweierlei Mass gemessen?
Freundliche Grüsse
R. Leber
Sehr geehrte Zuschauer, liebe Besucher unseres Blogs. Die Redaktion makro bedankt sich ganz ausdrücklich für das Interesse an unserer Sendung und die Beteiligung an unserem Chat. Und natürlich bei Dr. Heribert Dieter für die ausführliche Beantwortung der Fragen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass nicht alle Fragen und Stellungnahmen beantwortet werden können.
Natürlich kann gerne weiter diskutiert werden.
Guten Abend & ein schönes Wochenende wünscht
die Redaktion makro
Guten Abend,
vielen Dank für den interessanten Beitrag, in dem ich jedoch zwei Aspekte vermisst habe:
1. die beinahe unmögliche politische Durchsetzbarkeit von Subventionsabbau insbesondere im Agrarsektor und
2. die Anerkennung von Agrarwirtschaft als zugegebenermaßen schwer monetarisierbares, aber dennoch in Betracht zu ziehendes öffentliches Gut.
Grüße
Hammer Sache ist das, was die in Argentinien umgesetzt bekommen haben. Wie kann irgend jemand das (für die) nicht gut finden?
Gerade in den jetzigen Zeiten mit Finanzkrisen sollte jeder kapieren, dass Geld-Systeme nicht “einfach so funktionieren”, zumindest wenn man soziale Ziele wie das Wohl einer Region als wichtig betrachtet.
Wenn man nicht über irgend welche Regeln/Systeme versucht mindestens so viel Geld mit Exporten ins Land zu holen wie durch Importe raus geht und dies auf Dauer so bleibt ist irgendwann das ganze Geld im Ausland. Die sind natürlich so freundlich und leihen es zurück. Ruck zuck sind die Zinsen dieser Todesspirale so groß, dass nichts mehr zu retten ist… und was in so einem Fall passiert wird atm ja gerne Diskutiert.
System / Konzepte wie Evolution oder der Freier Markt sind darauf ausgelegt das nur die Stärkeren überleben. Warum sollte das im Welthandel zwischen Staaten jmd wollen? Zumindest wenn man Egoismus außen vor lässt…
Ich teile Ihre Skepsis zum Teil, meine aber, dass die internationale Arbeitsteilung grundsätzlich nützlich ist. Liberaler Handel hat Entwicklung ermöglicht. Das gilt für Europa wie für Asien. Zwar profitiert nicht jeder zu jedem zeitpunkt, aber per Saldo profitieren Gesellschaften schon. Anders sieht es beim Kapitalverkehr aus. Unbeschränkter Kapitalverkehr ist gefährlich – was diese Woche in einer neuen Studie von Brookings bestätigt worden ist.
Stimmt, aber solange Handel und Kapitalverkehr derartig gekoppelt sind und es nicht über andere Weg das Geld zurück ins Land holen lässt sehe ich keinen andere Möglichkeit den Kapitalfluss aufzuhalten. Definitiv keine sich selbst regulierenden, so simplen & gerechten Ansatz. Und solange das Land genügend zu exportieren hat dürfte es Argentinien nicht mal schaden. Im Gegenteil, man könnte gar sagen es ist im Interesse der anderen Wirtschaften & sie sorgen dafür. Mit Subventionen erreicht man so etwas jedenfalls nicht^^
Sind sie nicht der Meinung das Protektionismus für Wirtschaftsschwächere Länder auch sinnvoll sein können um so zu einer gesunden Volkswirtschaft zu reifen. Auf jeden Fall wäre das der richtige Weg für die Osteuropäischen Länder (Ostdeutschland eingeschlossen) gewesen die am Anfang der 90 er Jahre keine Chance hatten eine eigene Wirtschaft aufzubauen. Eine Übergangszeit von 20 Jahren gesteuerten Protektionsimus hätte diesen Länder sicherlich mehr gebracht als das heutige Ergebnis die Werkshallen Westeuropäischer Konzerne zu werden.
Mfg
Sehr geehrter Herr Dieter,
vielen Dank für den interessanten Beitrag. Leider spielen sich hinter unserem Rücken so viele Dinge ab, bis vor kurzem war mir nicht bewusst wie hoch die Subventionen der Landwirtschaft zb bei uns sind. Alles nur, damit unsere Agrarprodukte dann andere Märkte überschwemmen können und dort heimische Bauern keine Chance mit ihren Produkten haben,
Noch schlimmer finde ich allerdings, dass dies wissentlich(bewusst/absichtlich?) gemacht wird. Aber stellen Sie sich doch nur mal vor, ein anderes Land (zb China) subventioniert Produkte einer anderen Produktionssparte (Solarzellen). Dann wird sofort Alarm geschlagen und geklagt, ein Recht, welches doch auch diversen afrikanischen Ländern, mit schwächelnder bzw kaum vorhandener Landwirtschaft zusteht.
Ich möchte nicht missverstanden werden, ich bin sehr wohl der Meinung, dass weiterhin fleißig Solaranlagen in Europa produziert werden und China soll mit fairen Mittlen konkurieren. Aber: Auch Europa sollte vor seiner Haustüre kehren.
Da haben Sie recht. Europa und die USA beschränken den Handel bis heute mit allerlei Tricks. Der Einfuhrzoll auf PKW beträgt in der EU stattliche 10 Prozent. Für eine reife Industrie sehr hoch. In den USA gibt es allerlei skurile Hemmnisse. So dürfen seit 1920 Waren und Personen zwischen zwei amerikanischen Häfen nur mit in den USA gefertigten Schiffen transportiert werden (der Jones Act). Die weitere Liberalisierung des Handels stockt allerdings, weil die alten Champions müde geworden sind.
Herr Prof. Dieter,
wie sollen afrikanische Länder auf die massiven Wettbewerbsverzerrungen reagieren, die durch die Milch- und andere Agrarsubventionen durch Ministerin Aigner wieder eingeführt worden sind?
Handelszölle als Notwehrreaktion?
Sind die Regierungen dort nicht ihren LAndwirten gegenüber verpflichtet?
Schließlich geht es hierbei nicht nur sprichwörtlich um “Leben und Tod”…!
Holger Pohlmann
Die Handelspolitik der EU (und z.T. auch der USA) ist in der Tat verwerflich. Sie schädigt die schwächsten Akteure. Lösbar wären die Probleme in der WTO. In der Doha-Runde war man schon sehr weit mit dem Abbau der Exportsubventionen für Agrargüter. Leider wird die Rund nicht zu Ende gebracht. Dies schadet afrikanischen Ländern am meisten.
In der Tat wäre es sinnvoll, dass afrikanische Staaten sich gegen subventionierte Agrarimporte durch Zölle oder nicht-tarifäre Maßnahmen wehren. Dies sollte aber auf landwirtschaftsliche Produkte beschränkt bleiben.
Das letzte afrikanische Land, dass dieses probiert hat, wurde von dem IWF in “die Schranken verwiesen” und praktisch damit erpresst die Handelszölle wieder aufzuheben, da sonst der IWF keine weiteren Kredite vergeben hätte, nur damit die übersubventionierte US Agrawirtschaft weiter fleißig günstiges Fleisch und Weizenprodukte nach Afrika exportieren kann und die dortige Wirtschaft komplett ruinieren kann und die Bauern nicht mehr von ihrer Arbeit leben können
Herr Krel(?),
da frage ich mich doch welche Rolle der IWF spielt- und letztlich, ob solche Methoden eine NGO mit öffentlicher finanzieller (!) Unterstützung im BESTAND noch rechtfertigen!!
Das ist noch schlimmer als eine schwache WTO.
Holger Pohlmann
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/ausland/paafr827.html
Ist zwar inzwischen 2 Jahre alt, aber global betrachtet recht immernoch aktuell. Die Regierung in Ghana hatte mit den Importzöllen für ihre Wirtschaft was gutes machen wollen, damit ihre Landwirtschaft nicht vollkommen ruiniert wird.
Das ergebniss dieses Schutzes war, dass sie mit vorgehaltener Pistole an der Brust sich zwischen Förderungskrediten oder der eigenen Landwirtschaft entscheiden mußten.
Wo war da die WTO?
Was ich damit sagen will, dass es durchaus Länder gab die berechtigter weise ihre Wirtschaft (und insbesondere Landewirtschaft) schützen wollen, aber dann kommen andere und wissen das zuverhindern, womit gerade die ärmeren Länder letzendlich wieder die Verlierer der Globalen Wirtschaft sind.
Allerdings bin ich mir nicht sicher ob die WTO da das richtige Organ ist, solange gerade die ärmeren Ländern abhängig von Krediten von IWF & Co abhängig sind, werden sie immer für solche Machtspielchen – wie im Artikel oben gelinkt – verwundbar sein.
Sehr geehrter Herr Dieter,
wie bewerten Sie die mittel- bis langfristigen Auswirkungen der argentinischen Handelsbarrieren? Wird sich eine konkurrenzfähige Industrie bilden, oder werden sich womöglich bereits etablierte Unternehmen aus dem Markt zurückziehen?
Vielen Dank und freundliche Grüßen,
Wolfgang Wrann
Sehr geehrter Herr Dieter,
ist Protektionismus nicht im Rahmen von Luftverkehrsabkommen sinnvoll, indem die EU-Kommission restriktive Luvtverkehrsabkommen mit sogenannten Golf-Carriern, wie beispielsweise Emirates vereinbart, da diese Airlines im Vergleich zu europaeischen Fluglinien von ihrem eigenen Staat subventioniert werden, und somit Wettbewerbsverzerrungen bestehen?
Mit freundlichen Gruessen
Holger Voss
Mir erscheint es sinnvoller, die Subventionierung der Fluglinien vom Golf zu bekämpfen, eventuell in der WTO (wobei dies bei Fluglinien nicht einfach ist)