In der Stadt der Blinden

Ein Mädchen mit Vision

von Shamshir Haider

“Auf meinem Weg von der Schule nachhause hörte ich einen Mann sagen, ‘Ich werde dich töten’. Ich lief schneller und nach einer Weile schaute ich mich um, ob der Mann mich immer noch verfolgte. Doch zu meiner großen Erleichterung sprach er zu jemandem an seinem Telefon und schien denjenigen zu bedrohen.” (Aus dem Tagebuch von Malala Yousufzai, 2009)

Am 9. Oktober 2012 war die 14-jährige Malala mit ihren Schulfreundinnen auf dem Weg nachhause, als zwei bewaffnete Männer in einem Kleinbus den Schulbus anhalten, das Mädchen identifizieren und das Feuer eröffnen. Sie sagen nicht, ‘Ich werde dich töten’ und sie sprechen auch nicht zu jemandem am Telefon – dieses Mal ist es real und ihr Ziel ist es, Malala Yousufzai zu töten. Malala wird am Kopf getroffen und liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Tatsächlich mache ich nicht die Taliban für diese brutale Tat verantwortlich. Ich allein bin für das Leiden des jungen Mädchens verantwortlich. Sie mögen mir nicht glauben, aber es ist wahr – ich bin mir sicher.

Schockiert? Sie denken, wer ist dieses 14-jährige Mädchen mit dem Namen Malala Yousufzai? Warum sollte jemand versuchen, sie zu töten? Bevor ich diese Fragen beantworte, lassen Sie sich von mir über die neuesten Entwicklungen in Pakistan aufklären. Denn ohne dieses Wissen können Sie Malalas Bedeutung nicht verstehen.

Der “Himmel” für die Taliban

Pakistan ist in vier Provinzen aufgeteilt, die sich in jeder Hinsicht voneinander unterscheiden. Khyber Pakhtunkhwa und Baluchistan liegen im Westen und grenzen an Afghanistan, während Punjab und Sindh ihre Grenzen mit Indien teilen. Dann gibt es da noch ein Gebiet genau an der afghanisch-pakistanischen Grenze, den “Tribal Belt”, der offiziell zu Pakistan gehört, aber immer schon den Status eines “Staates im Staate” hatte. Dieses Gebiet ist gemeinhin als “unbekanntes Land” in Pakistan bekannt. Während der russischen Belagerung Afghanistans war dieser Teil des Landes rechtmäßig von den Vereinigten Staaten und Pakistan genutzt worden, um die Mudschahedin auszubilden. Seitdem ist es der “Himmel” für die Taliban.

Swat ist nicht weit von diesem Gebiet entfernt und war über Jahrzehnte hinweg sehr attraktiv für Touristen. Ob Einheimische oder Fremde, sie alle kamen wegen der schönen Landschaft, der Kultur, der Gastfreundschaft der Menschen. Das Swat-Tal war ein Gebiet voller Liebe und Leidenschaft. Nachdem die Vereinigten Staaten ihren Krieg gegen den Terrorismus starteten, nahmen die Taliban dieses Gebiet unter ihre Kontrolle und herrschten dort von 2003 bis 2009. Das Land der Liebe und der Leidenschaft wurde zu einem Land des Horrors und des Terrors.

Alle, die sich den Taliban entgegen stellten, wurden getötet oder rannten um ihr Leben. Niemand traute sich, Bilder dieser Gegend zu veröffentlichen oder auch nur ein Wort über die Grausamkeit der Taliban zu verlieren. Selbst die Menschen außerhalb der Reichweite der Taliban hatten zu viel Angst, um gegen die Taliban zu sprechen. Als Erstes verhängten diese strenge Auflagen gegen Frauen. Frauen war es nicht mehr erlaubt, alleine ihr Zuhause zu verlassen und die Taliban begannen damit, Schulen für Mädchen im Namen der Religion zu zerstören.

Blog eines elfjährigen Mädchens

Niemand wusste, wie sehr die Menschen unter dieser radikalen Auslegung der Scharia litten. Doch dann erschien “Gul Makai’s Diary” als Blog der BBC in Urdu, der Amtssprache Pakistans. Ein elf Jahre altes Mädchen schrieb in einem unschuldigen und gefühlsbetonten, aber doch sehr erwachsenen Ton über ihre Erfahrungen. Manche ihrer Tagebucheinträge kann man auch in englischer Übersetzung finden. Zum ersten Mal konnten wir die Verschärfung der Situation unter den Taliban spüren.

2009 entschieden die Regierung und die Armee Pakistans, gegen die Taliban vorzugehen. Das Leid, das dieser Krieg auslöste, beschreibt Gul Makai ebenfalls in ihrem Tagebuch. Endlich übernahm die pakistanische Armee wieder die Kontrolle über das Gebiet und die Situation schien sich zu entschärfen. Gul Makai ging wieder jeden Tag zur Schule – ein Horrorfilm mit einem Happy End. Doch die elf Jahre alte Gul Makai war noch nicht fertig und zeigte ihre wahre Identität: Malala Yousufzai aus der kleinen Stadt Swat trat in der Öffentlichkeit auf und wurde in nationalen und internationalen Foren hoch gelobt. Als erstes Mädchen aus Pakistan wurde sie für den internationalen Kinder-Friedenspreis nominiert und wurde 2011 mit dem ersten nationalen Jugend-Friedenspreis in Pakistan ausgezeichnet. Sie wurde zum Symbol für Mut gegen Unterdrückung, angstlos, tapfer und überzeugt. Eine Schüler-Aktivistin, die sich für die Bildung von Mädchen einsetzt.

Eine zweite Benazir Bhutto?

Sie verstehen immer noch nicht, warum Malala zum Ziel wurde? Kommen Sie, so schwer ist das nicht. Können Sie sich vorstellen, dass eine Frau, ein Mädchen, ein kleines Mädchen, die mächtigen Taliban entmachten kann? Dieselben Menschen, die, hoch bewaffnet, mit Selbstmordattentaten 160 Millionen Pakistani zu Tode erschreckten und die Armee in Schach hielten, sollten von einem kleinen Mädchen besiegt worden sein? Das konnten sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie mussten sie los werden – so schnell wie möglich. Denn wenn sie das mittlerweile 14 Jahre alte Mädchen nicht beiseite schaffen würden, zu was würde diese in der Zukunft fähig sein? Würde sie vielleicht eine zweite Benazir Bhutto?

Ich habe gerade auf der Frankfurter Buchmesse mit einem pakistanischen Autor zusammen gesessen und mit ihm über die Macht gesprochen, die Literatur auf eine Gesellschaft haben kann. Ich bin erstaunt darüber, was für einen großen Dienst wir unserer Nation erweisen, indem wir uns gegenseitig in den Himmel loben. Hier auf der Buchmesse habe ich von dem Attentat auf Malala erfahren und seitdem sitze ich in der Ecke und weine wie ein kleines Mädchen. Ich bin verantwortlich für das, was ihr passiert ist. Es wäre meine Aufgabe gewesen, sich den Taliban zu stellen und gegen sie zu sprechen. Doch ich hatte Angst. Ich wählte den Weg eines Feiglings und Heuchlers und blieb still. Ich hätte an ihrer Stelle sein sollen, aber ich war nicht mutig genug.

Ganz Pakistan ist wütend über diesen feigen Akt des Terrorismus. Der Präsident, der Anführer der Armee, aber auch die einfachen Menschen – alle verachten die Taliban dafür, was sie getan haben. Auch ich habe mir geschworen, dem Weg zu folgen, den Malala uns gezeigt hat. Ich werde zurück nach Pakistan gehen und meine eigene Waffe benutzen, meinen Stift, um den Extremisten entgegenzutreten. Ich will nicht das Leben eines Feiglings führen. Wenn sie es konnte, dann kann ich es auch, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.

Sie haben Angst um meine Sicherheit? Ich bitte Sie, ich sage das nur, ich werde es nicht tun. Letzen Endes bin ich doch nur ein Feigling, genau wie alle 160 Millionen Pakistani.

Biografisches

Shamshir Haider wurde 1981 in der Kaschmir-Region geboren. Er besuchte die University of Azad Kashmir sowie die G.C. University Lahore und schloss 2005 mit einem Master of Arts in Urdu-Literatur ab. Haider arbeitet als Theater- und Drehbuchautor. Zudem unterrichtet er an der School of Creative Arts an der University of Lahore. Zurzeit ist er Stipendiat der “CrossCulture Praktika” des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) und Gast bei Kulturzeit.

Kommentieren | 15. Oktober 2012 | 14:41 Uhr | Twittern | Facebook

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