Tief getroffen

von Shamshir Haider

“Ich habe die Hoffnung, dass die Radikalen diesmal verlieren – sofern nicht wieder eine dänische Karikatur dazwischen kommt, die Radikalen immer einen willkommenen Vorwand bietet und sie bestärkt.”

Diese Passage stammt aus meinem Blogtext von vor zwei Wochen. Ich hatte über den Blasphemie-Fall des Mädchens Rimsha in Pakistan geschrieben. Rimsha wurde kurz darauf freigelassen. Die Debatte über eine Änderung des Blasphemie-Gesetzes war in vollem Gange. Ich hatte die Hoffnung, dass sich die öffentliche Meinung diesmal ändern würde und die Radikalen den Kürzeren ziehen würden.

Doch dann erschien “Die Unschuld der Muslime”, ein schlecht gemachter Film mit der Absicht, Muslime zu provozieren. Er erreichte zuerst die Gegend des Arabischen Frühlings. Das Resultat: viele Tote, darunter der US-Botschafter in Libyen. Die Debatte über das Blasphemiegesetz steht nun völlig im Hintergrund. Überall in den Medien und in der Öffentlichkeit diskutiert man über den Film.

Pakistan war etwas spät dran mit einer Antwort. Doch heute ist dort ein Feiertag und die Regierung rief diesen zum “Besonderer-für-die-Liebe-zum-Propheten-Mohammed-Tag” aus. Überall in Pakistan gehen Menschen auf die Straße um gegen diesen Film und die USA zu protestieren. Ich schlüpfe nun mal vorübergehend in die Rolle eines fiktiven Demonstranten in Lahore und berichte weiter aus dessen Perspektive.

“Bevor ich Ihnen davon erzähle, warum ich heute hier auf der Straße bin, gestatten Sie mir mich vorzustellen. Ich heiße – nein, warten Sie, ich habe heute keinen Namen, dieser Tag handelt nicht von mir. Er geht um meinen Glauben, den Islam, also können Sie mich einen gewöhnlichen Muslim nennen. Ich bin ein ganz normaler unterer Mittelklasse-Pakistani, ungefähr 25 Jahre alt. Nach der neunten Klasse konnte ich meine Ausbildung nicht weiter fortsetzen. Ich arbeite an einer Tankstelle und assistiere dort auch dem Mechaniker. Ich gehöre keiner religiösen oder politischen Partei an. Ich bin aus freien Stücken hier.

Heute bin ich nur einer von tausenden, weil die USA einen Film gemacht haben, der den Heiligen Propheten beleidigt – Friede sei mit ihm. Ich bin gar kein wirklich praktizierender Muslim. Eigentlich bin ich voller Sünden und toleriere ja vieles, aber wenn es um den Propheten und den Koran geht, ertrage ich es nicht. Wenn die USA meine Familie töten würden, wäre ich noch nicht einmal so böse wie jetzt. Ich bin hier, um meine Wut zu bezeugen – der Welt und besonders den USA – dass man alles tun darf, nur unter keinen Umständen unseren Propheten beleidigen.

Ich schäme mich dafür, dass unsere Nation so spät dran ist, auf diesen Fall von Blasphemie zu antworten. Libyen, Tunesien, Äygpten – dort sind Muslime aufmerksamer als wir und haben einen stärkeren Glauben. Heute muss ich meinen Glauben demonstrieren. Vielleicht muss ich nun einen Schritt weiter gehen als sie.

Ich habe einen Werbespot der US-Regierung im Fernsehen gesehen. Obama und Clinton denunzieren diesen Film jetzt. Sie sagen, es sei der Akt eines Individuums. Lügner, denke ich, die glauben, ich bin ein Idiot. Die denken, ich würde ihnen glauben. Ich weiß aber, dass sie den Film fördern. Das tun sie immer. Diesmal ist es eine größere Verschwörung gegen den Islam. Sie wollen uns unseren Glauben nehmen. Doch mein Glaube steht nicht zum Verkauf. Ich gebe nicht so leicht auf.

Meine Mutter hält mich auf und bittet mich, heute nicht vor die Tür zu gehen. Sie sagt, das sei gefährlich. Immer wenn es in Pakistan eine Kundgebung gibt, wird es gewalttätig. Doch ich muss gehen und mich gegen die USA und gegen Blasphemie aussprechen. Es ist eine Sache des Glaubens.

Die Regierung sagt, sie will den Fall vor die Vereinten Nationen bringen. Sie wollen die Welt bitten, dasselbe Gesetz zu erlassen wie im Fall des Holocaust – dass man den Holocaust nicht leugnen darf. Ich weiß, dass sie das nicht ernst meinen, sie wollen mich nur ruhig stellen. Selbst wenn sie es ernst meinten, wer wird ihnen schon zuhören?

Einige Radikale haben versucht sich dem US-Konsulat zu nähern. Die Polizei setzte Tränengas gegen uns ein. Diese Regierung ist eine Marionette, deren Fäden von den USA gezogen werden. Okay, wenn ihr keinen friedlichen Protest wollt, können wir auch anders.”

Jetzt wieder zurück zu mir, Shamshir Haider.

Diese Situation ist ein Chaos, brennende US-Flaggen, Autoreifen, Kinos Steinewerfen gegen Polizisten, Tränengas, Gewehrkugeln, die durch die Luft schießen, manche direkt gegen jemanden. Ich habe meine Vorstellungskraft in diesen Straßen verloren. Ich kann sie nicht mehr finden. Um ehrlich zu sein, bin ich beunruhigt, wie die Mutter des 25-Jährigen. Er sah wie eine unschuldige Seele aus, jemand, der nur auf die Straße geht, um seinen Protest zu zeigen. Doch ich habe Sorge um einige andere Gruppen. Ich sehe ihre Flaggen und ihre Gesichter. Sie haben schlechte Absichten. Möge Gott meinen Charakter schützen.

Biografisches

Shamshir Haider wurde 1981 in der Kaschmir-Region geboren. Er besuchte die University of Azad Kashmir sowie die G.C. University Lahore und schloss 2005 mit einem Master of Arts in Urdu-Literatur ab. Haider arbeitet als Theater- und Drehbuchautor. Zudem unterrichtet er an der School of Creative Arts an der University of Lahore. Zurzeit ist er Stipendiat der “CrossCulture Praktika” des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) und Gast bei Kulturzeit.

2 Kommentare | 21. September 2012 | 17:29 Uhr | Twittern | Facebook

2 Kommentare

  1. Ein ähnlicher Film, eine ähnliche Karikatur wäre diese gegen eine andere Buchreligion gerichtet würde Kulturzeit genauso bewerten?

    Was du nicht willst, das man dir tut … wenn jedoch nur ein Hauch Kritik am Zionismus zu erahnen schon schreien die westlichen Medien vom “neuen Antisemitismus in Deutschland” da ist dann jede Kunstfreiheit etc. beendet.

    gerd | 21. September 2012 | 20:14 | Antworten
  2. Ich frage mich immer was würden die Christen tunen wenn die Moslem auch anfangen den Jesus oder Maria zu beleidigen ….
    muss das den sein kann man das nicht verbieten müssen so viele Männchen sterben nur weil die meinungs Freiheit haben die jenigen die Karikaturen und filme erzeugen die haben auf jeden Fall mit Schuld an die toten..

    Oder denkt ihr das können die nicht

    Sayimer Selami | 26. September 2012 | 18:37 | Antworten

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