Film in Pakistan

 

 

 

 

 

 

 

 

Kunst des Überlebens – Die Geschichte des Films in Pakistan

Pakistan – ein Land weit weg von uns, ein Land voller schlechter Nachrichten über Flutkatastrophen, islamischen Extremismus oder Terroristen. Ganz anders gerät das Bild dieses fernen Landes, wenn man einen Bewohner kennenlernt und der Geschichte lauscht, die dieser zu erzählen hat. Der Filmemacher Shamshir Haider ist zurzeit Gast bei uns in der Kulturzeit-Redaktion. Er gestattete uns einen erfrischend ungewöhnlichen Blick auf die Geschichte des Films in seinem Land – in Form der imaginären Zeitreise eines imaginären Filmschaffenden.

Singende tanzende Liebende

Ein wunderschönes Mädchen in knapper, stylischer Kleidung und ein junger Mann sind verliebt, aber die Gesellschaft erlaubt ihnen bis zum Schluss des Filmes nicht einander zu sehen. Ein ständiger Kampf, ein Melodram: Die Spannung ist auf ihrem Höhepunkt, als plötzlich völlig aus dem Nichts die beiden Turteltauben zu singen und zu tanzen beginnen. Vielleicht kennen Sie das, denn bestimmt haben Sie schonmal einen indischen Film gesehen. In Pakistan ist das kaum anders: Dieses Land war schließlich tausende von Jahren Teil des indischen Subkontinents.

Diese Filme sind Produkte der großartigen indisch-muslimischen Kultur, die in mehr als tausend Jahren Interaktion zwischen indischer, persischer, türkischer, arabischer und afghanischer Kultur entstanden ist. Eine neue regionale und einzigartige Kultur, die das Beste aus allen Ursprungskulturen herausfilterte und auf ästhetische Art verbindet. All diese Kulturen verschmolzen miteinander zu einer einzigen nationalen Kultur, die sich auf dem indischen Subkontinten verbreitete und dann …

… begeben wir uns gemeinsam auf eine Reise  zurück ins Jahr 1947. Das Land wird in zwei Teile aufgeteilt, der muslimisch dominierte Teil wird zu Pakistan und der Rest zu Indien. Nehmen wir einmal an, ich sei ein muslimischer Filmemacher und in dieses neue Land eingewandert. Nun gibt es eine Krise: Ich bin kein Inder mehr, benötige eine neue Identität, denn indische Filmemacher können weiterhin indische Filme produzieren, ich aber muss andere Filme machen. Ein echtes Problem, denn ich weiß nur, wie man indische Filme dreht. Das gefällt den Leuten ja auch. Dann gibt es da noch ein Problem: Es existieren nur wenige Studios – mit einem Minimum an Ausrüstung. Selbst wenn ich einen Film machen würde, sind hier in Pakistan nur wenige Kinos übrig. Und warum sollten indische Verleihe meinen Film kaufen wollen? Von der Regierung brauche ich keine Unterstützung zu erwarten, die haben andere Sorgen. Zwischen den beiden Ländern herrscht jetzt Anspannung.

Nach einem Jahr des Stillhaltens habe ich dann doch einen Film gemacht, er heißt “Teri Yad”, ein Liebesfilm und dieselbe Art von Film, die funktioniert. Nun kehren wir also zurück zur Normalität und die beinhaltet mehr Filme, einige neue Filmproduktionsfirmen und mehr Kinos. Alles läuft gut. In den 1950er Jahren haben wir ein paar gute Filme gedreht, die liefen auch gut in Indien. Dort mochte man meine Filmmusik und meine Texte. Ich mag ihre Filme auch, irgendwie sind wir uns eben doch ähnlich. In den ersten zehn Jahren haben wir mehr als 200 Filme produziert, gar nicht schlecht, und jetzt machen wir der alteingesessenen Filmindustrie Indiens gehörig Konkurrenz. Auch wenn ich nicht so groß bin wie sie, belebt diese Art von Konkurrenz das Geschäft.

Eiertanz mit dem Diktator

Ich habe ganz vergessen zu erwähnen, dass 1958 das Kriegsrecht über uns verhängt wurde – unter General Ayub – aber mich betrifft das nicht. Ich kann Filme machen, worüber ich will. Der Diktator ist ein netter Kerl, der mich in Ruhe lässt. Schließlich erzähle ich nur Liebesgeschichten, die für ihn ungefährlich sind. Inzwischen wächst die Spannung zwischen Pakistan und Indien weiter an, vieles liegt im Argen, besonders der Konflikt um das Kaschmir-Gebiet. Und kaum sieht man sich um, herrscht auch schon Krieg. Wir haben beide verloren, weil unsere Streitpunkte bleiben. Ich aber habe mehr verloren, weil meine Filme nun nicht mehr in Indien gezeigt werden können und weil wir ihre Filme verboten haben. Ich mache mir keine Sorgen: Unsere Industrie führt nun Krieg mit ihrer, aber wir können alleine überleben. Doch manchmal vermisse ich die gesunde Konkurrenz. Und dieser Diktator setzt mir plötzlich doch zu: Meine Filme sind zwar immer noch Liebesfilme, aber ich sende ihm jetzt mithilfe meiner Kunst subtile Botschaften. Zum Beispiel habe ich ein Lied mit den Worten gesungen “Ich kann immer noch tanzen, auch wenn meine Füße in Ketten gebunden sind”.

Schließlich sind wir ihn losgeworden, wir führten einen weiteren Krieg mit Indien. Dabei haben wir den Ostteil unseres Landes verloren, er heißt nun Bangladesch. Ich bin traurig, weil ich daran mit schuld bin. Doch das Leben geht weiter, wir sind nun bereits in den 1970er Jahren in der Zeit des Sozialismus. Ich mache jetzt Filme über Gewerkschaften und viele andere soziale Themen. Wir haben einen Anführer mit Visionen, Bhutto. Ich bin mir sicher, dass er uns in die richtige Richtung führen wird, er spricht vom islamischen Block und dem Dritte-Welt-Block. Wir sind nicht mehr im amerikanischen Lager und ich denke mal, sie mögen diese Situation nicht.

Zerstörung der Filmindustrie

Ach, und meine Ängste waren berechtigt: Das Kriegsrecht wurde erneut verhängt, Bhutto verhaftet und gehängt. Niemand wollte das, ich auch nicht, aber der neue Diktator, General Zia, ist zu mächtig. Leute mit einer gesunden Stimme werden entweder festgenommen oder umgebracht. Er benutzt die Islamisierung, um auszubeuten und zu herrschen. Er zerstört die Filmindustrie mutwillig, indem er nur diejenigen fördert, die ihm in den Kram passen. Niemand mag ihn, aber man sagt uns, wir dürfen uns nicht gegen “Islam und Militär” aussprechen. Er sagt uns, wir seien nicht im indischen Subkontinent verwurzelt, unsere Kultur sei die Saudi-Arabiens. Das ist falsch, wie Sie wissen, doch im Namen der Religion kann man alles tun. Die USA und andere Verbündete unterstützen ihn, weil er ihrem Zweck dient, den Dschihad gegen die Russen in Afghanistan zu befördern.

Ich bin ratlos, für Filme besteht keinerlei Spielraum mehr, das gesamte soziale Gefüge ist zerstört. Niemand hat mehr Zeit für meine Filme, die ganze Gesellschaft ist gewalttätiger geworden. Ich aber bin ein Künstler und werde mich nicht zurücklehnen. Dann mache ich eben Actionfilme mit kleinem Budget. Das passt beiden gut: dem Diktator und der Gesellschaft. Auch wenn ich noch immer diverse subtile sozio-politische Kommentare abgebe, so weiß ich doch, dass keiner sie versteht. Schließlich stirbt der Diktator, aber noch immer habe ich keinen Spielraum, weil sein Einfluss immer noch riesig ist. Was er getan hat, kann so schnell nicht wieder rückgängig gemacht werden. Der Film ist so gut wie tot, die Kinos geschlossen. Viele wurden zerstört und zu Einkaufszentren umfunktioniert.

Entwicklung hin zu realen Geschichten

Die 1990er Jahre verliefen ähnlich: 1999 hatten wir einen neuen Diktator, General Musharraf. Diesmal mit einem liberalen Antlitz. Die Welt hat sich nach 9/11 verändert – wieder einmal in meiner Region. Diesmal gehen die Dinge zu meinen Gunsten aus. Ich brauche ein starkes Comeback. Wieder einmal haben wir eine Krise und ich weiß, dass meine Filme immer besser werden, wenn die Zeiten schwierig sind. Jetzt erzähle ich keine Liebesgeschichten, ich habe realere und wichtigere Geschichten weiterzugeben. Also habe ich den Film “Khuda Kay Liye” gemacht (“In The Name Of God”, 2007), ein Werk über zwei Brüder, die Künstler sind in der Zeit von 9/11. Ich wachse an meinen Aufgaben. Diesmal werde ich nicht nur mit Bollywood konkurrieren. Ich bin ein Künstler. Ich überlebe immer, also werde ich auch wieder überleben.

 

Biografisches

Shamshir Haider wurde 1981 in der Kaschmir-Region geboren. Er besuchte die University of Azad Kashmir sowie die G.C. University Lahore und schloss 2005 mit einem Master of Arts in Urdu-Literatur ab. Haider arbeitet als Theater- und Drehbuchautor. Zudem unterrichtet er an der School of Creative Arts an der University of Lahore. Zurzeit ist er Stipendiat der “CrossCulture Praktika” des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) und Gast bei Kulturzeit.

 

 

Kommentieren | 24. August 2012 | 17:29 Uhr | Twittern | Facebook

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