Der ganz große Hammer

Bemerkungen zur Kritik an Christian Krachts Roman “Imperium”

von Michael Schmitt

“Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.” – Das ist der Subtext, wenn hierzulande derzeit mit erschütternder Selbstgewissheit über “die Griechen” gesprochen wird. Es war auch einmal die zentrale Triebkraft deutschen Großmachtstrebens seit dem späten 19. Jahrhundert. Und wer beides zugleich bedenkt, versteht vielleicht mehr von Christian Krachts neuem Roman “Imperium” als jemand, der darin nur die unterschwellige Verbreitung  ultrarechter Ansichten aus dem frühen 20. Jahrhundert erkennen will.

Christian Kracht erzählt von Aussteigern, Lebensreformern und deutschen Südseekolonien vor dem Ersten Weltkrieg, also von fortschrittsskeptischen “bürgerlichen Fluchtbewegungen” und deutscher Großmannnssucht. Von beidem kann man nicht sprechen, ohne die dubiosen rechten Ausfransungen all der vielen esoterischen, oft durchaus konservativ-romantischen Bewegungen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ebenfalls zu erwähnen – bis hin zum Einfluss auf den jungen Adolf Hitler. Das fällt unter Allgemeinbildung. Und man darf darüber hinaus auch daran erinnern, dass die frühen “grünen” Gruppierungen in den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts ebenfalls mit solchen unscharfen Rändern nach Rechts umzugehen hatten.

Christian Kracht spielt in seinem Roman mit diesem Stoff. Dass er damit allergische Reaktionen provozieren würde, dürfte er einkalkuliert haben, denn er kokettiert seit seinem ersten Roman “Faserland” gerne mit einem zur Schau gestellten Kulturpessimismus. Brav und mit schöner Deutlichkeit hat Georg Diez nun im “Spiegel” am 13. Februar die in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” am 12. Februar schon vorangekündigte Reiz-Reflex-Reaktion ausgelebt und Kracht vorgeworfen, er verbreite in “Imperium” tatsächlich ultrakonservatives, teils rassistisches, teils antisemitisches Gedankengut. Diez stützt sich dabei auf einzelne Passagen aus dem Roman, führt flankierend aber auch Zitate an, die Christian Kracht in ganz anderen Zusammenhängen in einem Briefwechsel mit dem Musiker David Woodard geschrieben hat – und denen man durchaus nachgehen sollte, um mehr über sein Weltbild zu erfahren.

Auf Krachts Roman ist also der ganz große Hammer niedergegangen – aber über das schmale Buch sagt das vermutlich wenig bis nichts aus. Denn Diez’ Argumentation erscheint vor allem überaus angestrengt, er fleddert einen Text, um “Stellen” zu suchen und fragt nicht, in welchem Zusammenhang sie in einem satirisch angelegten Roman stehen könnten. Man muss “Imperium” nicht für ein Meisterstück halten, um Kracht gegen solche Vorwürfe zu verteidigen.

Man sollte jedoch den Impuls aufnehmen und den Roman genau lesen: seine Formen der Anverwandlung einer altertümelnden Sprache, die den Herrenmenschenduktus der Kolonialzeit imitiert, genauso wie eine Reihe stilistischer Schlampigkeiten. Vor allem aber sollte man die Stimme des Erzählers in diesem Roman sorgfältig deuten, denn der spricht aus unserer Gegenwart, aber mit der Stimme von damals. Will er uns tatsächlich indoktrinieren? Oder soll er uns demonstrieren, wieviel von dieser überkommenen Herrenmenschenhaltung immer noch weiterwirkt, beispielsweise wenn heutzutage über Afrika gresprochen wird, über indigene Kulturen – oder eben über Italien und Griechenland ….

7 Kommentare | 16. Februar 2012 | 15:52 Uhr | Twittern | Facebook

7 Kommentare

  1. Die schmierige Verlogenheit des ‘politisch Korrekten’ liegt gleich einer undurchdringlich schleimigen Schicht auf der Kultur, an deren erstickter Oberfläche in lauten, zuckenden Bildchen die Phantasmagorie von ‘freier Kultur’ aufgeführt wird.

    Aktuell auf der Berlinale zu besichtigen, wo das postulierte “Politische” nicht weiter als lifestyliges Posing mit erlaubten Themen (Historie, Fukushima, Arabellion, Neonazis, Klimawandel) ist, während das Pathologische von Politik und Medien dröhnend unausgesprochen bleibt. Allenfalls in Komödien á la “Zettl” drollig angesprochen werden darf.

    Kein Wunder, daß ausgerechnet Bubi Diez, von einem der Aushängeschilder des korrupten Journalismus in Deutschland, neben ZEIT und SZ: dem SPIEGEL, hier den eifrigen Denunziant im Dienst des Grande Terreur der sogenannten Political Correctness gibt.

    Harald | 16. Februar 2012 | 18:02 | Antworten
    • Welch schmieriger, schleimiger, lauter, zuckender Kommentar von “Bubi” Harald. Wahrlich kein Aushängeschild kompetenter Kritik der Kritiker, eher psychisch gestörtes Bla Bla.

      Lemmy | 17. Februar 2012 | 18:32 | Antworten
      • Au jau – Lemmylein, du bist Germanys Top Model.
        Für dich wird das Programm gemacht. Hol es dir.

        Wer das kritisiert, muss ja entartet sein.
        Du bist das gesunde Volksempfinden, so klar und sauber.
        Wie deine inhaltliche Replik auf meinen Kommentar: als Ausdruck der Komplexität eines intellektuellen Einzellers.

        Harald | 17. Februar 2012 | 22:32 | Antworten
  2. Die Wahrheit, besonders wenn sie EINDEUTIG ist, will doch keiner hören, sehen, sprechen!?

    Die Ursache ALLER Probleme unseres imperialistischen “Zusammenlebens” wie ein Krebsgeschwür, ist der nur im Zeitgeist nun “freiheitliche” Wettbewerb um …, – Konfusion, das systemrationale Ergebnis einer systematischen Überproduktion von bewußtseinsbetäubenden Kommunikationsmüll, ist offenbar auch in diesem Fall ein profitables Mittel, um den “individualbewußten” Zeitgeist mit weiterem konsumautistischem Material des Stumpfsinns zu versorgen!?

    Horst Torsten | 17. Februar 2012 | 18:26 | Antworten
  3. Man muss zunächst festhalten, dass Kracht es wieder geschafft hat, mit seinen bescheidenen literarischen Mitteln einen Skandal anzuzetteln, der den Verkauf eines Buches fördert, das ansonsten wohl als Durchschnittsware gelten könnte. Diese Masche funktionierte schon bei “1979″, wo man Parallelen zu tagesaktuellen Geschehen konstruierte und den Roman, der u.a. im Iran spielte, darum als prophetisch pries. Wer Krachts Reisereportagen kennt, ahnt allerdings schon, dass man diesen Autor überfordert, wenn man ihm ein ernstzunehmendes ideologisches Weltbild und politische Motivation unterstellt. Das lässt sich doch gar nicht mit seinem Dandytum vereinbaren. Ist der Briefwechsel mit Woodard nicht gar von kindlicher Naivität geprägt?

    Kracht gehört zu den Autoren, die über gute Connections und Sympathien im publizistischen Umfeld verfügen und darum auch regelmäßig besprochen werden. Spiegel-Kritiker Diez lässt sich eben von dieser Clique nicht vereinnahmen, und schon ist der Dandy beleidigt. Leider überschätzt Diez den Autor jedoch und verhilft ihm gerade so zu noch mehr Aufmerksamkeit.

    Gäbe es nicht ein paar Verrisse von “Imperium”, ich würde mich tatsächlich fragen, ob man Literaturkritikern noch trauen darf. Und diese Liste von Sympathisanten unter den Autor(inn)en hat mich ebenfalls befremdet. Abgesehen von den Freunden Krachts finden sich da solche, denen ich gar nicht zugetraut hätte, dass sie auf diese billige Vermarktungsschiene aufspringen. Dabei kritisieren sie genau das, was sie selbst machen: eine Art von Schreibe, die andere dezidiert angreift. Sie überschätzen dabei die Macht der Literaturkritik – wodurch sie wiederum mit der Naivität Krachts kokettieren und der Kreis sich schließt.

    Guido Keller | 20. Februar 2012 | 14:55 | Antworten
  4. Tja, Herr Keller. Sie haben das natürlich alles durchschaut. Kracht ist talentfrei, alles nur Marketing, gezielte Provokation, um den Verkauf und den Erfolg anzukurbeln. Das mit der gezielten Provokation mag schon stimmen, ist aber in der Literatur seit Jahrhunderten üblich und wurde selbst von den besten Autoren gepflegt, ergo kein Talentfreiheitsmerkmal.
    Dass sie Kracht einen Dandy nennen, zeigt eigentlich schon, wie wenig Sie sich mit seinem Werk beschäftigt haben. Auch die Unterschätzung seiner literarischen Fähigkeiten spricht dafür, denn die sind ziemlich offensichtlich für jeden, der sich etwas mit moderner Literatur befasst. Ich sage nicht, dass er der größte lebende deutsche Schriftsteller ist, oder ähnlichen Unsinn. Aber ihm Talentlosigkeit zu unterstellen, ist ähnlich unsinnig.
    Bei Kracht geht es sehr viel um Oberfläche und vor allem um das, was darunter liegt. Und zugegeben: man kann Kracht sehr gut und sehr leicht als einen Autor lesen, der an der Oberfläche bleibt, man kann das Werk sozusagen ohne Tiefen lesen. Das ist dann allerdings ein Problem des Lesers. Unter dieser vermeintlichen Oberflächlichkeit spielt sich eine Menge ab. Ich empfinde Kracht als einen sehr beunruhigenden Autor, aber auch als einen großartigen Humoristen. Naiv ist das alles überhaupt nicht. Er weiß ganz genau was er tut. Naiv ist höchstens das Bild, das er der Öffentlichkeit präsentiert, was Sie auch zu der Schlussfolgerung verleitet, ihn einen Dandy zu nennen. Christian Kracht ist seit Ewigkeiten dafür bekannt, mit der Presse so seine Spielchen zu treiben, vor allem was völlig absurde, scheinprovokante und natürlich unernste Interviewantworten betrifft. Insofern ist es schwierig, ihm Dandytum zu unterstellen, weil nur sein Medienbild bekannt ist, das eben ganz offensichtlich als groteske Übertreibung konstruiert ist.
    Unterschätzen Sie Kracht also nicht. Und überschätzen Sie sich selbst nicht. Bei Ihrem Beitrag scheint so ein ganz unangenehmer Duktus durch, der sagt: “ach, diese Presse, diese Medien, diese “Literaten”, ich habe eure Masche doch durchschaut, alles nur Fake, alles nur billige Vermarktung, aber Gottseidank, ich weiß es besser, ich falle nicht drauf rein.” Äußerst unangenehmer Duktus, jaja.

    tja | 25. Februar 2012 | 15:39 | Antworten
  5. “… alles nur Fake, …”

    Was in dieser alles beherrschenden Welt- und “Werteordnung” des wettbewerbsorientiertem Konsum- und Profitautismus in Suppenkaspermentalität ist denn nicht Teil der stumpf- wie blödsinnigen Überproduktion von Kommunikationsmüll???

    Horst Torsten | 28. Februar 2012 | 12:16 | Antworten

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