Haiti hat gewählt
von Alice Smeets
Es ist 17 Uhr am 28.
November 2010. Eine riesige Menschenmasse marschiert eine der vielen steilen
Straßen von Port-au-Prince hinunter. Tausende halten das Foto des Sängers
Michel Martelly fest in ihren Händen, rufen seinen Namen mit hoffnungsvollem
Blick. Mitten unter ihnen findet man ihn: “Sweet Micky”, wie er vom Volk
genannt wird, ist einer der 19 Anwärter auf das Amt des Präsidenten. Er gibt
den Menschen wieder Mut und vermittelt ihnen das Gefühl, er ist “einer von
ihnen”.
Haiti
hat gewählt. Doch wie vorauszusehen, wurden die Wahlen von Betrugsvorwürfen und
Demonstrationen begleitet. Zahlreiche Wahllokale öffneten mit Verspätung.
Viele wahlberechtigte Haitianer fanden ihren Namen nicht auf den Listen und
konnten keine Stimme abgeben. Dies führte zu vielen Aggressionen, die aber
überwiegend nicht in massiver Gewalt ausarteten.
Ich
verbrachte den größten Teil des Tages in Petionville, einem Stadtteil von
Port-au-Prince. Die Anzahl an Menschen in den Wahllokalen hat mich erstaunt, da
die meisten Haitianer letzte Woche kein großes Interesse an den Wahlen
bekundeten. Geschätzte 80 Prozent unter ihnen riefen immerzu “Sweet Micky” oder
liefen mit seinem Foto durch die Straßen von Petionville.
“Gelungene” Abstimmung?
Um 12
Uhr erreichte die anderen Journalisten und mich dann die Nachricht: Eine
Pressekonferenz wurde abgehalten mit der Bitte, die Wahlen zu annullieren,
ausgesprochen von zwölf der 19 Kandidaten. Der jetzigen Regierungspartei Inité
mit René Préval als Präsident wurden heftige Vorwürfe gemacht, sie habe
die Wahlen zugunsten ihres Kandidaten Jude Celestin manipuliert. Der Wahlrat
CEP, den die Mitglieder der Inité dominieren, erklärte die Abstimmung trotz der
Vorwürfe im Großteil Haitis für gültig und bezeichnete sie als “gelungen”.
Gegen
Abend versammelten sich dann tausende Menschen zu einem faszinierenden und
gewaltfreien Massenumzug zur Bekundung ihrer Wahl des Sängers Micky. Die
Hauptstraße des Stadtteils Delmas war blockiert, Autos fuhren nur noch in eine
Richtung, die meisten hupend und überfüllt mit Menschen in pinkfarbenen “Michel
Martilly”-T-Shirts. Bei der riesigen Anzahl seiner Anhänger, würde es mich sehr
wundern, wenn sein Name bei der Bekanntgabe der Ergebnisse am 5. Dezember nicht
ganz oben steht. Dann würde sich der Betrug ganz offensichtlich zeigen und man
muss ernsthaft über Neuwahlen nachdenken, schon allein, weil die Haitianer zu
allen Mitteln greifen werden, um ihren Favoriten durchzusetzen.
An
den politischen Fähigkeiten des Sängers kann man zweifeln – an seinem guten
Willen, dem Volk zu helfen, zweifeln die Haitianer nicht. Er möchte für alle
Kinder einen Zugang zur Bildung schaffen und Haitis Landwirtschaft fördern. Ob
er das schafft und ob er überhaupt Haitis nächster Präsident wird, bleibt
abzuwarten.
Währenddessen
erfinden die Haitianer auf den Straßen und in den noch immer bestehenden Hunderten
von Zeltcamps “Witze” über Jude Celestin: “Jude Celestin” – das sind zwölf
Buchstaben, er möchte Nummer eins sein und seine Wahlnummer ist die zehn. Das
ergibt: 12.01.10 – das Datum des Erdbebens, kurz gesagt: eine Katastrophe.
In
einer Woche werden wir mehr wissen. Dann werden die Haitianer auf die Straßen
gehen – entweder vor Freude oder aus Protest.
Kommentieren | 30. November 2010 | 11:59 Uhr |
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