DJ Hell hat seit den 1990er Jahren und zuletzt 2008 bei der Loveparade aufgelegt. Matthias Krag hat mit ihm über die Tragödie bei der diesjährigen Loveparade in Duisburg gesprochen:
Was hat die Loveparade am Ende für eine Bedeutung in der elektronischen Musikszene gehabt?
Für mich war es in den 1990er Jahren und auch noch 2000 immer der Höhepunkt des Jahres, weil ich eigene Partys veranstaltet und an der Siegessäule performt habe. Ich will Rainer Schaller und McFit nicht alle Schuld geben, aber er muss auch kritisch befragt werden, sich stellen und nicht nur etwas ablesen in einer Presse-Konferenz. Es war im Grunde genommen ein Volksfest für alle Leute, nicht mehr nur für elektronische Kulturen. Es waren auch viele Urlauber aus dem Ausland da, Geschäftsleute, die zu Tode gekommen sind. Das waren nicht nur Kids, die im Sommer auf Partys gehen und auf Festivals. Nennen wir es einfach Volksfest.
Wie wird das Unglück diskutiert in der Szene?
Mich interessiert, warum wurde weitergespielt, wer hat sich da überreden lassen von Veranstalterseite? Kollegen wie Westbam oder David Guetta haben sich
geweigert, weiter zu performen, haben abgesagt. Diese Freiheit habe ich
als Künstler, auch wenn es ein Promotion-Gig auf der Abschlusskundgebung ist
und ich kein Geld dafür bekomme. Ich glaube, es war schon bekannt auf den Bühnen, durch SMS oder Medien. Ich hätte da auf keinen Fall mehr gespielt.
Trotz der inzwischen wohl offensichtlichen Lücken im Sicherheitssystem in Duisburg - was glauben Sie waren die Gründe dafür, dass man die Loveparade hat stattfinden lassen?
Da ging es um Interessen des Sponsors, der Stadt Duisburg. Mit einem Rücktrittsangebot ist die Sache nicht erledigt. Da geht es um andere Sachen. Der Güterbahnhof ist nicht ausgelegt für so viele Leute, für so eine Veranstaltung. Das hätte eigentlich im Vorfeld abgesagt werden müssen, so wie im Jahr vorher in Bochum. Eine Stadt mit 500.000 Einwohnern kann nicht 1,4/ 1,5 Millionen Leute, die da für eine Nacht kommen, aufnehmen und das Ganze logistisch abwickeln. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Die Fotografin Alice Smeets hat Haiti mehrmals für Fotoreportagen besucht. 2008 schoss sie dort das Unicef-Foto des Jahres im Slum der Hauptstadt Port-au-Prince. Direkt nach dem schweren Erdbeben im Januar 2010 ist sie nach Haiti geflogen, um Menschen zu suchen, die sie dort kennengelernt und fotografiert hatte. In einem Blog hat sie uns damals ihre Eindrücke geschildert. Nun, ein halbes Jahr danach, ist sie wieder nach Haiti zurückgekehrt, um die Arbeit der von ihr nach dem Erdbeben gegründeten Hilfsorganisation "Viv Timoun" zu begleiten. Wir haben mit ihr gesprochen.
Frau Smeets, wie ist Ihr Eindruck von Haiti, sechs Monate nach dem verheerenden Beben?
Die Situation in der Hauptstadt Port-au-Prince ist schlimm. In sechs Monaten hat die Regierung es nicht geschafft, auch nur einige wenige sichere Behausungen zu errichten. Ein paar tausend Menschen wurden umgesiedelt. Sie leben jetzt weit von der Stadt entfernt, es gibt dort nichts. Sie wohnen in 7000 Zelten, doch beim ersten größeren Sturm am 12. Juli wurden alleine schon 1700 davon zerstört. Die Hygienesituation ist schlecht, allerdings auch nicht schlimmer als vorher. Doch die Gewalt steigt in den Camps - vor allem an Frauen. Viele Vergewaltigungen finden statt. Wenn es regnet, flüchten die Menschen in ihre Zelte. Oft regnet es rein und Menschen werden krank.
Durch Ihre Fotografie haben Sie einen sehr persönlichen Blick auf Haiti und die Menschen, die dort leben. Wie erleben Sie die Menschen vor Ort?
Die Menschen vor Ort sind stark, sie haben schon viele schlimme Situationen durchlebt. Mich wundert allerdings, dass nur die wenigsten Selbstinitiative zeigen. Alle warten darauf, dass ihnen geholfen wird - aber keine Hilfe kommt. Auch untereinander verhalten sich die Menschen oft respektlos. Es gibt viel Neid, was ich auf der einen Seite verstehe, was aber auf der anderen Seite ein Weiterkommen erschwert. Ich persönlich glaube stark daran, dass man die Mentalität der Menschen auf Haiti ändern muss, damit das Land weiterkommt. Sie müssen aufhören, ihr eigenes Land und sich gegenseitig auszubeuten.
Reagieren die Menschen jetzt anders auf ihre Kamera als direkt nach dem Erdbeben?
Eigentlich nicht. Es ist immer noch das Gleiche, seitdem ich das erste Mal auf Haiti war. Manche drehen sich weg, möchten nicht fotografiert werden, da sie denken, ich würde mich an ihnen bereichern. Andere kommen auf mich zu, wollen sich mitteilen.
Manch ein Reporter sprach noch im Februar davon, dass das Erdbeben für Haiti eine Chance sein könnte. Wie sehen Sie das?
Ich sehe das auf gar keinen Fall so. Der Wiederaufbau geht sehr langsam bis gar nicht voran. Die Menschen leben in den schlimmsten Umständen. Die Gewalt nimmt zu. Viele Menschen haben ihre Zelte auf privaten Grundstücken aufgeschlagen. Die Besitzer möchten ihre Grundstücke zurück haben und bezahlen Gangs, damit sie die Zelte zerstören und die Menschen - notfalls mit Waffen - vertreiben. Doch wohin sollen diese Vertriebenen gehen? Es gibt keinen Platz für sie. Niemand hat einen Plan. Viele Hilfsorganisationen sind da und einige versuchen die schlimmsten Schmerzen zu lindern, doch solange es keine Infrastruktur und keine Jobs gibt, wird das Land nicht weiterkommen.
Sie fühlen sich Haiti sehr verbunden, habe dort viele Freunde. Mit ihrer Hilfsorganisation "Viv Timoun" unterstützen Sie seit 2009 unter anderem den Wiederaufbau einer Schule und eines Waisenhauses. Konnten Sie bereits erste Erfolge erzielen? Werden Sie von den Behörden unterstützt?
"Viv Timoun" unterstützt die Schule namens M.E.V.A (maison des enfants du village de l'avenir), ein Projekt von "Haiti Care", Berlin. Der Bau der Schule geht voran. In sechs bis neun Monaten soll die neue Schule mit integriertem Waisenhaus stehen. Sie wird größer als vor dem Erdbeben sein und nicht nur eine Grund-, sondern auch eine Sekundarstufe haben. Momentan wird der Unterricht für die Schüler im alten Waisenhaus abgehalten, während die Waisenkinder in Santo Domingo sind, dort zur Schule gehen und jetzt schon fast perfekt Spanisch sprechen. Für die 150 Schulkinder in Haiti wird gut gesorgt, sie bekommen täglich eine warme Mahlzeit und haben das Glück, nicht wie die meisten anderen haitianischen Schüler unter Zelten in brütender Hitze lernen zu müssen. Von den Behörden kann man zurzeit (und auch vor dem Erdbeben) nicht viel erwarten. Am 9. Mai stürzte die Brücke, die zur Schule führt, ein. Damit war der Transport von Baumaterial auf das Schulgelände nur noch bedingt möglich. Der Staat, in dessen Zuständigkeit diese Brücke fällt, war nicht bereit, Gelder zur Verfügung zu stellen, stellte aber Forderungen, wie wir eine neue Brücke zu bauen hätten. Wir haben uns entschlossen, ein Grundstück anzukaufen und werden nun eine private Brücke zur Schule bauen. Mit staatlichen Stellen zu arbeiten, ist in Haiti problematisch.
Was tut die Politik vor Ort generell, um zu helfen?
Die Politiker scheinen fast abwesend. Der Präsident, René Préval, spricht selten zum Volk. In einem Fernsehinterview vor ein paar Wochen wurde er gefragt was das Haitianische Volk im Moment braucht. Seine Antwort war: "Wir brauchen Zelte". Keine Kommentar oder Erklärung darüber, wie es weitergehen soll. Am 12. Juli, genau ein halbes Jahr nach dem Erdbeben lag seine Priorität darin Medaillen zu überreichen an den "besten Helfer", den "besten Journalisten", den "besten Arzt" und den "besten Polizisten". Er sagte nicht viel. Denn es scheint als wüsste selbst er nicht wie es weitergehen soll. Die Menschen sind wütend auf die Politiker. Nicht nur einmal habe ich Haitianer sagen gehört, dass Préval froh sein kann über die Präsenz und den Schutz der UN, denn wenn sie die Chance bekämen, würden sie ihn erschießen.
Weltweit war die Unterstützung nach der Katastrophe 2009 riesengroß. Haben Sie den Eindruck, dass die vielen Spenden auch da ankommen, wo sie gebraucht werden?
Ganz ehrlich, nein. Ich weiß, dass ein Wiederaufbau viel Geld kostet und ich weiß auch, dass man nicht erwarten kann, dass nach 6 Monaten wieder alles aufgebaut ist. Aber wenn fast nichts vorangeht, stellt man sich Fragen darüber, wo das ganze Geld hin ist. Einige Hilfsorganisationen leisten gute Arbeit, andere verschwenden das Geld. Die meisten sind aber immer noch mit der Schmerzlinderung beschäftigt als mit dem Wiederaufbau. Von den versprochenen 9,8 Milliarden US-Dollar der Geberkonferenz im März hat Haiti bisher noch nicht viel erhalten. In den ersten zwei Jahren sollen Haiti 5,3 Milliarden US-Dollar zustehen. Davon sind weniger als 10 Prozent angekommen. Alleine die USA hat für das Jahr 2010 fast 900 Millionen Dollar versprochen und noch keinen einzigen Cent überwiesen.
Wie steht es um die Sicherheit der Flüchtlinge in den Camps?
Es steht sehr schlecht um deren Sicherheit. Viele Gangs treiben dort ihr Unwesen, es fallen viele Schüsse. Ich habe mit einer Frau und drei jungen Mädchen gesprochen, die nicht nur einmal vergewaltigt wurden. Letzte Woche traf ich einen jungen Mann, der mir drei offene Schusswunden zeigte. Wie schon erwähnt, werden diese Gangs oft von den Grundstückbesitzern bezahlt, die keine Flüchtlinge auf ihrem Land dulden.
Ein gutes Beispiel für die schlimme Situation der Flüchtlinge sieht man auch im Stadtteil Carrefour in Port-au-Prince. Dort leben eine große Anzahl Menschen in Wellblechhütten und Zelten auf einem Bürgersteig mitten auf der Straße. Es ist eine stark befahrene Haupstraße. Die Menschen leben zwischen Abgasen, Lärm und Dreck. Hupende Autos und LKWs rasen vorbei - Tag und Nacht. Es ist gefährlich aus dem "Haus" zu gehen, jedes Mal könnte man von einem der rücksichtslosen Autofahrer überfahren werden. Ich habe mit einem Mann namens Jean Michel Bouchon gesprochen. Er lebt mit seiner Familie auf diesem Bürgersteig, weil er nicht weiß, wo sie sonst hin sollen. Seine Familie und Kinder, darunter zwei Babys - Zwillinge - sind dem Beben glücklicherweise unbeschadet entkommen. Doch eines Nachts fiel eines der Babys aus dem Bett und rollte auf die Straße. Bevor die Eltern es retten konnten, wurde es von einem Auto überfahren.
Wie geht es dem Mädchen Landa, das sie auf ihrem Unicef-Foto des Jahres 2008 fotografiert haben, heute?
Landa geht es gut. Sie und ihre Geschwister gehen in die Schule, deren Kosten von belgischen Paten übernommen werden. Ihr Vater besitzt ein kleines Geschäft im vorderen Teil des Appartements, in dem er Batterien, Handy-Aufladegeräte und Computerzubehör verkauft. Die Einnahmen daraus reichen, um zu leben.
Von Simone Ebert
Sparen
lautet das Gebot der Stunde. Auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu
Guttenberg muss sich neu sortieren. Sein hehres Ziel: Er will die Bundeswehr
kostengünstiger, flexibler und einsatzfähiger machen. Aber wie?
Modell "Halbherzig":
Die Truppenstärke wird von 252.000 auf 205.000 reduziert, die sechsmonatige Wehrpflicht bleibt. Aber lohnt sich da überhaupt noch die Ausbildung? Experten bezweifeln das. Also eher unrealistisch.
Die Wehrpflicht wird
ausgesetzt. Sie bleibt zwar im Grundgesetz verankert, aber keiner wird mehr
eingezogen. Ein Horrorszenario nicht nur für Bundeswehr-Experten. Auch der
Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband äußert gegenüber Kulturzeit Bedenken: "Der
Wegfall des Zivildienstes bedeutet zum einen, dass soziale Dienstleistungen
nicht mehr erbracht können", sagt dessen Geschäftsführer Werner Hesse,
"weil sie bezahlt zu teuer wären. Zum anderen würde ein soziales
Erfahrungsfeld verloren gehen, auf das Jahr zu Jahr zehntausende von jungen
Männern stoßen und damit soziale Probleme dieser Gesellschaft
kennenlernen." Und
damit wären wir auch schon bei Modell Nummer drei.
Modell "Nichts Halbes und nichts Ganzes":
Die Bundeswehr wird auf
170.000 Soldaten verkleinert. Aber es gibt - so ein Vorschlag der SPD - 14.000
freiwillig Wehrdienstleistende. Freiwillig? Mal ehrlich, wer meldet sich heute
noch freiwillig, wenn er unter Zeitdruck steht? In Zeiten des "Höher - schneller -
weiter", des unausgegorenen Bachelor- und Master-Studiengangs, der
Generation Praktikum, der eierlegenden Wollmilchsau? Wird der Wehrdienst
zum Luxusgut? Oder die Bundeswehr gar zum sozialen Auffangbecken?
Von Maren Winterfeld
Das
Ruhrgebiet feiert sich selbst. Und das auf seiner eigenen Pulsschlagader, der
A40. Kein Tag in der Woche vergeht ohne Staumeldungen von der 60 Kilometer
langen Autobahn. Egal ob am Duisburger Spaghettiknoten oder am Kreuz Dortmund
Unna: Ständig schieben sich Blechlawinen über die meist befahrene Autobahn
Deutschlands, täglich wird sie zum ultimativen Hassobjekt für alle Pendler der
Region. Am Sonntag feierten drei Millionen Menschen ein gigantisches Straßenfest
- und bescherten dem Projekt "Ruhr2010" endlich eine ersehnte Sternstunde.
Bisher waren
es nicht die Anwohner der Ruhrgebietsstädte, die von den Veranstaltungen im
Rahmen von "Ruhr2010" profitiert haben. Vielmehr mutete der Wirbel um
die Kulturhauptstadt 2010 bislang wie ein überdrehtes Geschwurbel an, angeworfen
von einer riesigen Marketingmaschinerie. 17 Millionen Euro pumpt der Bund in
das Projekt, zwölf Millionen kommen vom Land NRW. Solche Zahlen sind angesichts
überschuldeter Städte wie Bochum oder Duisburg nur schwer zu vermitteln. Dabei
geht es den Veranstaltern doch gerade um die Menschen in der Region, die sich
in den letzten Jahren mühsam ein besonderes Selbstverständnis ihrer Heimat
erarbeitet haben.
Mit "Still-Leben
Ruhrschnellweg" gelingt den Veranstaltern endlich der ganz große Wurf: An
der längsten Tafel der Welt treffen sich türkische Bauchtänzerinnen,
katholische Männerchöre und kroatische Kulturvereine, nebenan sitzen Familien
mit Tupperdosen und verspeisen Frikadellen. Jeder Otto-Normal-Verbraucher
konnte im Vorfeld einen der 20.000 Tische mieten, etwas aufführen - oder
einfach nur dasitzen und den Passanten zuwinken. Trotzdem verkommt die Sperrung
der A40 nicht zum geistlosen Volksfest. Keine Konsum-Kirmes, sondern ein Treffen
von Menschen, die den Pott zum einzigartigen Kulturstandort machen.
Schulreform - Ja oder Nein? Am Sonntag entscheidet sich
Hamburg per Volksentscheid. Die Hansestadt wählt das Instrument der direkten Demokratie. Wir sind das Volk! Jeder Bürger nimmt
direkt Einfluss. Politiker und Parteien stehen außen vor. Das Ergebnis ist in der
Regel verbindlich. Doch ist ein Volksentscheid dadurch tatsächlich mehr
"Volkes Stimme"?
In der Schweiz war Ende November 2009 die Entrüstung groß,
als sich bei einer Volksabstimmung 58 Prozent der Bürger für ein Bauverbot von
Minaretten aussprachen, bei insgesamt 55 Prozent Wahlbeteiligung.
Auch in
Bayern war das Entsetzen groß, als im Juli 2010 das Volk zu einer Abstimmung bezüglich
des Rauchens in Wirtshäusern aufgerufen war. 61 Prozent der Bayern stimmten für
ein Verbot. Die Wahlbeteiligung lag jedoch bei gerade einmal 37,7 Prozent. Und
schon kommen wieder Zweifel auf. Warum überhaupt Volksentscheid? Als demonstrativer
Nackenschlag für die versagende Politik? Als Zeitgeist-Phänomen im
Globalisierungswahn? Des Volkes Stimme, was hat sie zu melden? Und wie ist es,
wenn sie sich gemeldet hat, und das Ergebnis ist so ganz anders als man dachte?
Ja oder Nein - friss oder stirb. Was sagt das über das Land, in dem man lebt?
Wir sind doch das Volk! Oder wie jetzt?
Die
französische Nationalversammlung hat sich am 13. Juli 2010 ganz klar
entschieden: für ein Burkaverbot. Es gab nur eine Gegenstimme. Sollte der Senat
im September dem Gesetzesentwurf zustimmen, könnte das Tragen von Vollschleiern
in der Öffentlichkeit künftig mit einer Strafe von 150 Euro belangt werden. Belgien
hat das Verbot schon beschlossen und der bis vor kurzem noch hessische
Ministerpräsident Roland Koch plante es auch schon. Ein Vorstoß, über den sich
konservative Christen und linke Feministinnen rührend einig sind. Für die Linke
ist es ein Kampf für Säkularismus, für die Rechte ein Kampf um die christliche
Identität Europas.
Dabei haben
wir nicht die geringste Ahnung, wofür die Burka inzwischen steht. Dass sie
wenig mit Islam und fast nichts mit Tradition zu tun hat, und dass unser
Problem mit ihr vor allem das Problem unserer eigenen Identität ist. Wir wissen
nicht mehr, wer wir sind und deshalb brauchen wir einen negativen Spiegel. Das
hat uns am 11. Juli 2010 der französische Politik- und Islamwissenschaftler
Olivier Roy ("Heilige Einfalt", Siedler 2010) in einem aufsehenerregenden Interview in der "Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung" vor den Latz geknallt.
Mein Körper gehört mir
Moderne Burka-Trägerinnen,
sagt er, seien keine unterdrückten Wesen, im Gegenteil, sie wollen frei sein.
Sie sagen: Mein Körper gehört mir und benutzen dabei ganz bewusst die Terminologie
des westlichen Feminismus. Und sie sind radikal. Roy spricht von provokativer
Anpassung. Die Burka bedeute für heutige Trägerinnen die totale und sehr
bewusste Hingabe an ihre Religion und zugleich eine bewusste Provokation der
sie umgebenden Gesellschaft. Darin sieht Roy die Burka-Trägerinnen in der
Tradition von Hippies, Punks und Skinheads. Wie sie lehnten die streng
gläubigen Frauen nicht die westliche Kultur ab. Sie wollten nur zeigen, dass
sie anders sind und darin akzeptiert werden.
Und noch etwas
Erstaunliches lehrt uns Olivier Roy: Dass diese Art der Burka neu ist in der
muslimischen Welt, dass sie mit der traditionellen Verhüllung nichts zu tun hat.
Sie sei eine "rekonstruierte" Tradition, der Versuch, das Ideal einer
muslimischen Frau zu erreichen - und damit den unmittelbaren Zugang zu Gott.
Und auch das sei eine neue Tendenz in übrigens fast allen Religionen: die
Individualisierung und damit die Abkopplung von einer allgemeinen wie auch religiösen
"Kultur". "Dekulturation" nennt Roy das. Es geht jetzt viel
mehr um die persönliche, intime spirituelle Erfahrung. Islam hin oder her. Das
befremdet uns nicht nur, das macht uns Angst, sagt Roy. Das ist uns eindeutig
zu viel des Guten und deshalb wollten wir es verbieten, statt es als
Weltanschauung zu respektieren.
Das
überzeugt mehr als alles, was ich bisher zum Streit um die Burka gehört habe. Nur
ein kleiner Zweifel bleibt. Woher weiß Herr Roy, dass alle Burka-Trägerinnen so
denken? Was ist mit jenen, hinter denen
fuchtelnde Hundertfünfzigprozentige brutal über ihre "Reinheit"
wachen? Auch die, so würde Roy sagen, unterliegen der Religionsfreiheit. Das
sollten sie dürfen, solange sie keine Gesetze brechen. Die europäische
Menschenrechtserklärung, der Straßburger Menschenrechtsgerichtshof, die UN-Definition
und die US-amerikanische Definition machen sie zu einem individuellen Recht.
Danach können wir nicht über die Werte und den Glauben anderer richten. Diskutieren
dürfen wir weiter.
Jetzt gibt
es ihn auch, den ersten Facebook-Roman. "TG", Gergely Teglasy, nennt
sich der Initiator. "TG" könnte aber auch für "Text
Generator" stehen. Denn "TG" generiert die Geschichte gemeinsam
mit den Lesern. Mehr wie ein Techniker, weniger wie ein Poet. Eher wie ein
Architekt. Textbaustein für Textbaustein. Post für Post. Aus einzelnen
Statusmeldungen soll das große Ganze werden: der "Zwirbler". "Spannend,
absurd, tiefgründig, skurril und manchmal auch schmutzig, aber nie langweilig"
- so soll er sein, konstatiert "TG" in seinem Blog. Ein "Real-Time-Roman
des 21. Jahrhunderts". Spontan. Direkt. Ohne Vorspiel, gleich auf den
Punkt. Im Alltag hätten wir schließlich heute kaum mehr Zeit für einen langen
Roman, so "TG".
Morgens
gelesen, abends vergessen. Das ist der Takt des Tages in Zeiten des Web 2.0. "Schnell
lesbare Statusmeldungen bieten Genuss, Anregung und Überraschung", so
"TG". Fast wie beim Ü-Ei. Aber echte Erkenntnis schenkt uns heute nur
der heilige App-fel. Überall. Zu jeder Zeit. Das zumindest suggeriert uns Steve
Jobbs. Und wir leben von der Hand in den Mund, schlucken tonnenweise Informationen.
Unzerkaut. Unreflektiert. Bis zur Unmündigkeit?
Nun gibt es
den ersten Facebook-Roman. Jeder kann einen kreativen Beitrag leisten. Jeder
kann Einfluss nehmen. Mit bauen an etwas Großem. Textbaustein für Textbaustein.
2895 Fans sind es schon. Ist das die Lösung? Ende offen.
Von Simone Ebert
Italiens
Journalisten begehren auf gegen ein neues Abhör- und Mediengesetz der Regierung
von Silvio Berlusconi. Nur eine Handvoll Zeitungen liegen am 9. Juli 2010 an
den Kiosken aus. Führende Blätter wie der "Corriere della Sera", "La
Stampa" oder "La Repubblica" streiken und protestieren damit
gegen das neue "Maulkorbgesetz", das u.a. Haftstrafen für
Journalisten und hohe Geldbußen für Verleger vorsieht, die bei Ermittlungen
abgehörte Telefonate unerlaubt veröffentlichen. Auch Online-Dienste und die Nachrichtenagentur
ANSA stellen ihren Nachrichtenservice für 24 Stunden ein. Berlusconi
argumentiert, es gebe bei weitem zu viele Lauschangriffe, die Privatsphäre
müsse weit besser geschützt werden. Papperlapapp!
Richtfest
für die Infobox für das auf Eis gelegte Berliner Stadtschloss-Projekt: Rund 200
geladene Gäste, darunter Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD),
haben sich am 8. Juli 2010 auf der Baustelle der sogenannten Humboldt-Box am
Schlossplatz eingefunden. Das 28 Meter hohe Gebäude soll Ende 2010 fertig gestellt
werden und auf 3000 Quadratmetern zeigen, wie das Stadtschloss der Zukunft
einmal aussehen soll. Aber kommt es überhaupt? 2002
hatte der Bundestag für die Rekonstruktion der Fassaden des Berliner
Stadtschlosses gestimmt. Im Inneren sollten im geplanten Humboldtforum
Sammlungen außereuropäischer Kunst untergebracht werden. Junge-Reyer mahnte,
das Humboldt-Forum dürfe trotz des aufgeschobenen Baubeginns nicht aus dem
Blickfeld geraten. Wir sind gespannt.
Die Endsilben -verbot sind vielfältig einsetzbar: Hausverbot, Nachtflugverbot, Halteverbot, Fotografierverbot, Versammlungsverbot, Vermummungsverbot, Verbotverbot... ach nein, das gibt es noch nicht. Dafür: Rauchverbot. Bei einem Volksentscheid in Bayern stimmten 61 Prozent der Wähler für ein absolutes Rauchverbot in Kneipen, Gaststätten, Bierzelten. Damit sind wir um ein populäres Verbot reicher, die Ausgehkultur jedoch um ein großes Maß an Freiheit ärmer.
Es ist fraglich, ob das Votum der Bayern wirklich repräsentativ ist. Nur 38 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Gehen möglicherweise Raucher und liberale Nichtraucher nicht zur Wahl? Siegen eher konservative Ansichten bei Volksentscheiden - siehe das Minarettverbot in der Schweiz? Volksentscheidgegner argumentieren genau so: Dieses eigentlich demokratische Instrument bediene den Populismus.
Wie sinnvoll und aussagekräftig ist ein Volksentscheid, der so viele Bürger unzufrieden zurück lässt? Ein Blick ins Internet lässt ahnen, dass Volkes Wille es anders will: Bei Twitter überwiegen die kritischen Einträge: "Ja, sind sie denn noch frei im Freistaat Bayern?" oder "Als Nichtraucher bin ich gegen das Rauchverbot - müssen wir uns wirklich alle so entmündigen lassen?" Auch auf Facebook verbünden sich viele in kleinen Gruppen gegen das Rauchverbot. Besonders überzeugend: die Gruppe "Rauchverbot für Vulkane". Glück gehabt, Eyjafjallajökull, dass du nicht in Bayern stehst.
"Gruß an alle 16.000, nein 17.000, 19.000, 20.000, 22.000, so jetzt aber: 22.000 Twitter-Fans." Auf der kleinen Papptafel, die Fußballnationalspieler Piotr Trochowski ins Bild hält, wurden die Zahlen immer wieder durchgestrichen. So schnell steigt die Menge der Follower des DFB-Teams auf Twitter. Und der Fotogruß von "Troche" http://twitpic.com/21ph6c enthält noch folgende Botschaft: "Drückt uns gegen Argentienien die Daumen." Als Fan der deutschen Nationalmannschaft kann man in diesen WM-Tagen ganz nah dran sein. Die Kicker verbreiten auf Social Network-Platformen wie Twitter und Facebook, aber auch auf ihren eigenen Internetseiten regelmäßig Neuigkeiten aus dem deutschen Lager. Im Gegensatz zu den Teams aus den Niederlanden und Spanien herrscht für die DFB-Mannschaft kein Zwitscher- und Mitteilungsverbot.
Neben dem offiziellen Twitter-Account des DFB-Teams äußert sich Lukas Podolski auf Facebook und Twitter (Podolski10), Philipp Lahm, Cacau und Mesut Özil schreiben auf ihre Facebook-Wall, Mario Gomez veröffentlicht unregelmäßig Blog-Eingträge, Arne Friedrich und Serdar Tasci beschriften ihre Website mit Nachrichten und Erlebnissen aus Südafrika, Marko Marin twittert als MM_MarkoMarin - "Folgt mir, wenn ihr schnell genug seid", schreibt der flinke Dribbler.
Tiere im Vordergrund
So erfährt man, nun ja, dass sich die Kicker über ihre Erfolge freuen und wie sie die Zeit zwischen den Spielen verbringen:
"Hallo an alle, haben jetzt gleich Training, dann geht's gegen 17 Uhr zum Flughafen." (Lukas Podolski)
"Hallo Leute! Nach zwei freien Tagen heißt es wieder volle Konzentration auf Argentinien." (Marko Marin)
"Während unserer Safari im Pilanesberg-Park bei Sun City standen Landschaft und vor allem Tiere im Vordergrund." (Mario Gomez)
"Gestern nach dem Spiel haben wir natürlich noch ein wenig gefeiert, aber nicht zu ausgiebig." (Philipp Lahm)
Die Einträge der Nationalspieler werden vermutlich in leichten Variationen auch allesamt auf den Postkarten zu finden sein, die sie ihren Großmüttern schicken - inklusive der Unterschriften: "Euer Arne", "Euer Mario" usw. Interessant ist da schon eher, dass hier eine Intimität geschaffen wird, die es so natürlich gar nicht gibt - die aber viele Fans begeistert am digitalen Leben der Kicker teilhaben lässt. Die Fan-Community ist groß, Lukas Podolski hat fast 86.000 Fans auf Facebook, Philipp Lahm 68.000. Unangefochtene Nummer 1 im Netz ist jedoch Mesut Özil der knapp 155.000 Facebook-Fans aufweisen kann. Und seine Einträge zweisprachig - deutsch/türkisch - einpflegt.
Ein Hauch von Analyse
Immerhin finden sich auch hin und wieder Bemerkungen, die sich etwas von der Tagebuch-Schreibe abheben - formal und inhaltlich. Lustig sind zum Beispiel Cacaus Facebook-Einträge über den aktuellen Turnierstand: "¼ Deutschland vs. Argentinien". So knapp kann Wahrheit sein, und sie liegt nicht bloß auf dem Platz. Oder Arne Friedrich: Er liefert auch mal einen Hauch von Spielanalyse: "Sicher hatten wir Glück, als der Schiedsrichter das Lattentor von Lampard nicht gegeben hat. Aber über 90 Minuten gesehen bin ich der Meinung, dass wir absolut verdient gewonnen haben."
Was fehlt? Zum Beispiel eine Einschätzung der Provokation, die Bastian Schweinsteiger vor dem Spiel gegen Argentinien in Richtung Gegner geschickt hat. Dafür erfährt man, dass Philipp Lahm Tischtennis gespielt hat und Marko Marin noch weiß, wo er die letzte WM-Begegnung gegen Argentininien vor vier Jahren gesehen hat. Äh ja, danke.
Einerseits ist es in Ordnung, dass nichts wirklich Brisantes und Relevantes über das Internet aus dem deutschen Lager herausgetragen wird. Und schließlich haben die Spieler wirklich Besseres zu tun als stundenlang am Computer zu sitzen oder am Handy zu hängen. Andererseits fragt man sich ernsthaft: Was machen eigentlich die Ersatztorhüter? Hans Jörg Butt und Tim Wiese hätten doch nun wirklich die schönste Zeit, die Internet-Community mit wirklich wichtigen Informationen zu versorgen.
Es war einmal wieder ein genialer Coup: Das Satiremagazin "Titanic" hat sich bei Twitter als Martina Gedeck ausgegeben und vermeintliche Infos aus der Bundesversammlung ausgeplaudert. So beriefen sich viele Twitterer auf die Meldung der falschen Gedeck, dass es wohl keinen zweiten Wahlgang bei der Bundespräsidenten-Wahl gebe. Aber nicht nur die Online-Community verbreitete das Gerücht, auch viele Medien griffen diese absichtlich gestreute Falschmeldung auf: ddp, Financial Times, Donaukurier, Welt Online, taz, Bild, AZ Online.
An diesem Fall spiegelt sich ein aktuelles Dilemma wider: Einerseits müssen herkömmliche Medien die Netzkultur wahrnehmen und auch abbilden. Das steht doch "nur online" als Abwertung digitaler Inhalte gilt schon lange nicht mehr. Im Netz passiert viel - schnell, unmittelbar, kritisch, weltumspannend. Das sollten Zeitungen, TV und Radio anerkennen und mitziehen. Doch andererseits müssen gerade diese Medien vorsichtig mit Nachrichten aus dem Netz umgehen. Ungeprüft sind sie auf keinen Fall Grundlage journalistischer Behauptungen. Dafür kursieren zu viele Gerüchte, Unwahrheiten und Ungenauigkeiten in Internet; zudem bietet es ein schönes Spielfeld für kleine Strolche wie die "Titanic"-Mitarbeiter.
Dass jedoch traditioneller Journalismus nicht mehr an Online-Aktivitäten vorbeikommt, zeigt besonders schön die diesjährige Verleihung der Grimme Online Awards. Mit dem renommierten Grimme-Preis werden seit 2001 auch Netzangebote ausgezeichnet. 2010 gehört ein Twitterer zu den Preisträgern: Florian Meimberg schreibt unter "Tiny Tales - Micro-Fiction auf Twitter" kleine Literaturhäppchen in 140 Zeichen. Sehr hübsch. Und ganz ohne Anspruch auf journalistische Faktizität und Relevanz.
Von Jutta Heeß
"Und wer twittert mir zuerst, wer neuer Bundespräsident wird?" User Daniel will's wissen - und nicht nur er. Bei der letzten Bundespräsidentenwahl war das Netz schneller als Norbert Lammert, da die Bundestagsabgeordneten Ulrich Kelber und Julia Klöckner die Wahl Köhlers vorab twitterten. Folgerichtig wird heute lebhaft und engagiert das Geschehen in der Bundesversammlung bezwitschert.
Dabei ist im Vorfeld des ersten Wahlgangs zu erkennen, dass die Internetcommunity ganz klar auf einen Kandidaten setzt: Joachim Gauck. "Gauck for President", "Steigt schon weißer Gauck auf?", "Ich würd lieber vergauckelt werden ... Ich mag den Wulff nicht als Präsident haben!!!!!". Thematisiert wird auch der Wahlmodus, mit dem der Bundespräsident bestimmt wird: "Fürchte auch, dass die Wahl anders ausgeht, als wenn das Volk wählen würde", "Noch nie interessierten sich so viele für eine Wahl, bei der sie nicht wählen dürfen", oder "Wann blenden die endlich die Telefonnummern zum Abstimmen ein?" In einem Twitter-Poll mit der Frage, wer Bundespräsident werden soll, führt Homer Simpson (53 Prozent) vor Joachim Gauck (37 Prozent), Christian Wulff (8 Prozent) und Luc Jochimsen (2 Prozent).
Handy-Verbot im Saal?
Doch Spaß beiseite: Auf der Twitterwall, die alle zwitschernden Mitglieder des Bundestages bündelt, könnte sich doch erneut eine Informationslücke öffnen. Angeblich herrscht Handy-Verbot im Saal - wogegen jedoch die zahlreichen Meldungen der MdBs spricht: "Habe gerade meine Stimme abgegeben", "Nach dem Warten ist vor dem Warten". CSU-Abgeordnete Dorothee Bär postet sogar ein Fotos ihres Stimmzettels - bevor sie ihr Kreuzchen gemacht hat: http://tweetphoto.com/29963561 Und der SPD-Abgeordnete Sören Bartol fordert seinen Parteikollegen Ulrich Kelber auf: "Jetzt twitter doch mal das Ergebnis :-)".
Diesen Fehler macht Ulrich Kelber jedoch kein zweites Mal. Damals gab es harsche Kritik. Dafür mehren sich kurz vor 14 Uhr die Gerüchte auf Twitter - nämlich dass Wulff gewählt sei. Viele stützen sich dabei auf eine Twitter-Nachricht von Schauspielerin und Wahlfrau Martina Gedeck: "OK Busemann (CDU) hat ne SMS bekommen Leute :) Also kein zweiter Wahlgang". Wie ein Lauffeuer verbreitet sich diese vermeintliche Nachricht, von 595 Stimmen für Wulff ist da die Rede, selbst der Grüne Reinhard Bütikofer vermeldet: "Gerücht am Rande Bundesversammlung: Wulff gewählt. Allerdings sollen ihm 13 Stimmen von Schwarz-Gelb fehlen." Nebenbei angemerkt: Twitter-Profile können auch gefälscht sein.
Blumenstrauß für den Präsidenten
Und eine weitere Tatsache soll belegen, dass Wulff im ersten Wahlgang durch sei: ein Blumenstrauß, der angeblich schon bereit liege. Der kann nur für Wulff sein, denn Gauck hat quasi keine Chance im ersten Wahlgang zu siegen. Vorschnell bezieht sich auch ARD-Moderator Ulrich Deppendorf auf "das Twitternetz" und vermutet, Wulff sei gewählt. Kurios allerdings, dass der Blumenstrauß, auf den sich Deppendorf via Twitter damit indirekt stützt von einem ARD-Reporter gespottet wurde, auf den sich wiederum die Twitter-Nachrichten stürzt. Dieser zieht seine Aussage später zurück, der Blumenstrauß ist plötzlich verschwunden, und klar ist vor allem eins: Auf Twitter ist nach journalistischen Maßstäben kein Verlass. Auf das Fernsehen aber auch nicht - zumindest solange es sich auf Twitter bezieht. Mikroblogging birgt Risiken, das wurde heute wieder deutlich. Dennoch: Die Plattform Twitter ist eine wahnsinnig wichtige Errungenschaft. Sie ist schnell, schlau, global, demokratisch, oft entlarvend. Und man hat dort eine Menge Spaß: "Und wer den Blumenstrauß fängt, muss den neuen Bundespräsidenten heiraten?"
Intelligenztests für Einwanderer einführen - bevor man diese Idee von CDU/CSU-Politikern bewertet, kann man sich erst einmal fragen: Wie soll das in der Praxis umgesetzt werden? Es ist seit jeher umstritten, Intelligenz so wie die Schuhgröße und das Gewicht eines Menschen zu messen. Das zeigt allein die Menge an unterschiedlichen Tests, die ebenso viele unterschiedliche Fähigkeiten in den Vordergrund stellen: Da gibt es die kristalline Intelligenz, die fluide Intelligenz, die verbale Intelligenz, die praktische Intelligenz, weiterhin die numerische sowie die figurale Kompetenz, das räumliche Denken, die Merkfähigkeit und so weiter. Nicht zu vergessen: die künstliche Intelligenz (siehe Foto). Worin also soll nach CDU/CSU-Vorstellungen ein Einwanderer nun durchschnittlich - oder am Ende sogar glänzend - abschneiden? Schon allein den Praxistest besteht die Intelligenztestforderung eindeutig nicht.
Abgesehen davon: Der Vorschlag ist schändlich. Zum einen unterstellt er Zuwanderern pauschal Dummheit und Bildungsmangel. Zum anderen zeugt es von einer unfassbaren Arroganz und Menschenverachtung, nur "schlaue" Bürger akzeptieren zu wollen. Das ist gezielte Ausgrenzung und Selektion. Auch der Verweis der CDU/CSU-Politiker auf Kanada, das angeblich strengere Aufnahme-Kriterien bei Zuwanderung aufstelle, entpuppt sich als falsch: Die Pressesprecherin der Botschaft Kanadas in Berlin sagte, es gebe überhaupt keine Intelligenztests für Einwanderer: "Alle sind willkommen." Dumm gelaufen.
Die ersten Reaktionen auf den Vorschlag sind demnach heftig: Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schimpft, Intelligenztests für Einwanderer seien menschenverachtend. Und selbst innerparteilich gibt es Widerstand: Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, selbst CDU, sagt, die Forderung nach einem IQ-Test für Einwanderer sei abwegig und nicht von besonderer Intelligenz geprägt. Folgerichtig ist somit auch der Ruf aus der Bloggerszene: "Blogger fordern Intelligenztests für Politiker." Bitte vor allem im Bereich soziale Intelligenz - und unter 120 geht gar nichts.
Von Maja Tripkovic
Michael
Jackson - sein Tod war eine popkulturelle Katastrophe, doch der "King of
Pop" lebt, auch ein Jahr nach seinem offiziellen Todestag weiter -
zumindest in unseren Köpfen und Ohren.
Groteske
Selbstzerstörung im Reichtum
Warum der
Superstar, dem Verschwendungssucht nachgesagt wird, wieder auf die Bühne
wollte, versteht heute keiner mehr: Jackson litt an Schlafstörungen und war
stark medikamentenabhängig. Der im Februar 2010 veröffentlichte
Obduktionsbericht zählte 13 Infusionswunden an Armen und Beinen und zehn Narben
von Schönheitsoperationen, dazu Tätowierungen, die Augenbrauen und Lippen
ersetzen sollten. Michael Jackson hatte kaum mehr eigenes Haar, er war
untergewichtig, ausgezehrt, litt unter einer chronisch entzündete Lunge.
Skandalumwobener
Sonderling
Das
Testament des "King of Pop" ist im Internet einsehbar. 40 Prozent
seines rund 730 Millionen Euro umfassenden Vermögens erhält seine 80-jährige
Mutter Katherine. Sie hat auch das Sorgerecht der drei Kinder im Alter von
acht, zwölf und 13 Jahren. Weitere 40 Prozent sollen an sie gehen. Die
verbleibenden 20 Prozent fließen in die Stiftung "Michael Jackson Family
Trust" und andere wohltätige Organisationen. Schlau angestellt hat sich
der Anwalt John Branca. Er verlängerte nach Jackos Tod die Geschäftbeziehungen
mit Sony für 200 Millionen Euro. Seit dem Tod verkaufte Sony Music weltweit
mehr als 31 Millionen Alben. Die Plattenfirma hat jüngst angekündigt, in den
nächsten sieben Jahren ganze zehn neue Jackson-Alben auf den Markt zu bringen.
Auf der
ganzen Welt sind zum Todestag Gedenkveranstaltungen geplant. Die Fans, die am
25. Juni 2010 an Jacksons Grab erwartet werden, müssen sich an strenge Auflagen
halten: Keine Luftballons, keine Tauben, kein Gesang. Selbst der Verkauf von
Devotionalien ist untersagt. Ob diese dezente Art des Gedenkens in Jackos Sinn
wäre, mag zu bezweifeln sein. Er hätte sich sicher mehr Glamour gewünscht.











